Quergedacht

Zeugnisse

Jetzt werden sie wieder verteilt – die Zeugnisse. Es sind Halbjahreszeugnisse. Das heißt, es ist noch nicht alles zu spät. Da lässt sich noch was drehen bis zum Sommer. Jedenfalls theoretisch. Bei manchen allerdings ist in bestimmten Fächern vermutlich auch Hopfen und Malz verloren. So war es jedenfalls zu meiner Zeit.
Zeugnisse führen einem deutlich vor Augen, wo die eigenen Schwächen liegen. Die Fünf in Chemie bei mir, war der Beleg für meine Unfähigkeit und mehr noch meinen Unwillen, mich mit diesem Fach auseinanderzusetzen. Schwarz auf weiß wurde mir damit bescheinigt, dass ich das nicht kann. Ich bin bis heute der Überzeugung, dass das stimmt.
Und da liegt das Problem, das ich mit Zeugnissen habe. Ich verstehe schon, dass sie nötig sind. Aber sie sind tatsächlich wenig motivierend. Vielleicht spornen sie den einen oder die andere dazu an, im nächsten Halbjahr mehr zu lernen. Von vielen Schülerinnen und Schülern werden sie aber eher als abschließende Bewertung verstanden. Sie haben den Charakter eines Urteils, an dem sich nichts mehr ändern lässt. Ganz problematisch wird es, wenn diese Bewertungen am eigenen Selbstwertgefühl nagen.
Es ist deshalb wichtig, zu erkennen, dass Zeugnisse nur einen ganz kleinen Ausschnitt der eigenen Leistungsfähigkeit beurteilen können. Die Fünf in Chemie hat ein unangenehmes aber eben auch sehr begrenztes Licht auf einen Teil meines Daseins geworfen. Was ich eigentlich sagen will: Trotz schlechter Noten bleibt jeder Mensch wertvoll. Und das sollte ich mir selbst immer wieder sagen, denn das motiviert tatsächlich und lässt mich aufrecht durchs Leben gehen.
Psalm 139 fasst genau diesen Gedanken in wunderschöne Worte: Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.

Torsten Kröncke, Pastor Elisabethkirchengemeinde