Quergedacht

Bringt das etwas?

Krieg in Europa – niemand konnte sich das vorstellen. Schon die Tatsache an sich, dass ein Land ein anderes überfällt, ist und war immer grausam, primitiv und unmenschlich. Die Brutalität ist erschreckend. Dieser Krieg ist nahe, sowohl geographisch, als auch persönlich. Die Kirchen haben spontan zu Friedensgebeten aufgerufen. Wir haben eine bedrohliche und nicht einschätzbare Situation und deshalb gehen wir zum Gebet in die Kirche.
Bringt das etwas? Diese Frage stellt sich unwillkürlich ein. Verändert das etwas?
Viele Menschen antworten darauf: Nein. Andere sagen, ja, schon oft haben Gebete mitgeholfen, das Aussichtslose möglich zu machen, denken wir bloß an den Mauerfall
Gebete haben keine automatischen und berechenbaren Folgen. Nach einem Gebet setzt sich kein himmlisches Räderwerk in Gang.
Gebete sind ganz sicher Ausdruck von Empathie und Solidarität. Sie drücken aus, dass wir mit den Menschen in der Ukraine mitfühlen, ihnen nahe sind, sie ein Platz in unserem Herzen haben. Unser gemeinsamer Glaube an den einen Gott aller Menschen ist wie eine Brücke von uns hinein in das Leid der bedrohten Ukrainer.
Gebete helfen uns. Sie kleiden in Worte, was in uns brodelt oder nach einem Ausdruck ringt. Sie schütten in der aktuellen Weltlage die Seele aus und schmeißen Gott alles vor die Füße, den Ärger, die Wut, die Unfähigkeit, die Ohnmacht, die Angst. Gott hält das aus. Gott kann das hören. Gott versteht jede Sprache, auch unser Gestammel, selbst unsere Flüche.
Das Gebet kann, muss aber nicht, Folgen haben. Menschen fühlen sich durch das Gebet gestärkt oder erleichtert. Sie kommen auf positive Gedanken. Sie fühlen sich nicht mehr so allein, weil sie Gemeinsames mit anderen Menschen erleben und die Verbindung zu Gott gestärkt wird. Sie fühlen sich nicht mehr so ohnmächtig. Sie entwickeln Ideen für hilfreiche Taten. Albert Schweitzer hat ein wunderbares Wort geprägt: Gebete ändern die Welt nicht. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen ändern die Welt.

Hartmut Lütge, Pfarrer