Quergedacht

Öl für das Miteinander

Eine Tür knarrte, das Scharnier quietschte. Und weil man nicht gleich Abhilfe schafft, bleibt das über Wochen so. Fast könnte man sich daran gewöhnen. Aber irgendwann wird es dann doch zu lästig, und endlich organisierte jemand Öl – ein paar Tropfen nur – und schon war alles wieder in Ordnung. Warum nicht gleich so, habe ich gedacht; beim nächsten Mal will ich nicht so lange warten. Ein guter Vorsatz, der bei einer quietschenden Tür schnell umzusetzen ist. Aber nicht nur Türen quietschen oder klemmen. Auch zwischen uns Menschen quietscht es immer mal wieder recht unangenehm. Der erste Misston wird wohl noch deutlich wahrgenommen, aber dann schleift er sich ein; wir gewöhnen uns daran und achten bald nicht mehr auf ihn.
Für die Heizung gibt es einen Wartungsvertrag, das Auto bringen wir regelmäßig zur Inspektion in die Werkstatt. Das kostet viel Geld. Aber ein paar Tropfen Öl für das Miteinander in der Familie, mit unseren FreundInnen und KollegInnen vergessen wir leicht: Dabei wissen wir: schon ein freundliches Wort kann wie ein Tropfen Öl sein, ein Anruf, eine Mail, eine Karte aus dem Urlaub. Wenn ich den Menschen um mich herum deutlich mache, dass sie mir nicht gleichgültig sind, kann manches Quietschen und manche Misstöne aus der Welt geschaffen werden.
Viele von uns machen jetzt ihre Autos fit für den Urlaub. Wenn Sie dabei den Ölstand prüfen, erinnern Sie sich vielleicht auch an den überfälligen Tropfen Öl in Form einer Postkarte, eines Anrufs, auf den schon lange jemand gewartet hat. So ein Tropfen Öl kann Wunder wirken.

Dorothee Renner-Venz, Pastorin, Langenhangen