Quergedacht

Nimm die Menschen so, wie sie sind

Vor wenigen Minuten war einmal wieder jemand bei mir an der Tür, der mich um Unterstützung bzw. Geld bat. In solchen Situationen merke ich deutlich, wie sich meine Reaktion im Laufe der Jahre verändert hat. Manche negative Erfahrungen haben zu einem Vertrauensverlust geführt, der mich heute verhaltener reagieren lässt. Das abnehmende Vertrauen unserer Zeit ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass das Leben so schwierig und unstet geworden ist. Trägt doch das Vertrauen dazu bei, dass das menschliche Zusammenleben erträglicher wird, ja es ist sogar die Grundlage allen Glückes, es nimmt aus dem sozialen Miteinander Ungewissheit und Ängste. Ich höre jetzt schon lautstark Ihre Widersprüche, die mit meiner Eingangsbeschreibung einhergehen: „Ich habe schon so vielen Menschen vertraut und bin dabei so oft enttäuscht worden, dass ich mir heute dreimal überlege, ob ich noch jemandem mein Vertrauen schenke.“ Wenn unser Vertrauen missbraucht wird, ist dies’ eine ganz schlimme Erfahrung. Doch liegt das Problem nicht oft darin, dass wir häufig zu viele Erwartungen und Hoffnungen in unsere Mitmenschen setzen, die diese gar nicht erfüllen können. Ist unser Vertrauen immer gewollt oder gerechtfertigt? Spielen nicht oft unsere Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen eine wesentliche Rolle? Denken Sie z.B. an den Schulwechsel nach der Grundschule. Viele Eltern sind heute überzeugt ihr Kind gehört auf das Gymnasium. Von der Schule wird erklärt, dass sie dazu keine Empfehlung ausspricht. Enttäuschung macht sich breit, natürlich sind die Lehrer und das miserable Schulsystem schuld. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Hoffnungen in das eigene Kind, das Vertrauen in dessen Leistungsfähigkeit unbegründet und überzogen waren. Abgesehen von der Frage, wie es dem Kind langfristig mit dem Wunsch und den Erwartungen der Eltern geht. Wen können wir für unseren Vertrauensverlust verantwortlich machen? Liegt die Schuld nicht ganz häufig bei uns, in unserer falschen Einschätzung? In unserer Vermessenheit (sich im wahrsten Sinne vermessen zu haben) und der immerwährenden Erwartung? Nehmen wir unser Gegenüber doch einfach so an, wie es ist!

Klaus – Dieter Tischler, Pfarrer
der kath. Liebfrauengemeinde, Langenhagen