Quergedacht

Drachen brauchen einen, der sie hält

"Wir lassen als Familie im Urlaub gerne Drachen steigen. Und einmal ist genau das passiert, was man den Kindern immer mit auf den Weg gibt. Einen Moment nicht aufgepasst und die Schnur rutscht mir aus der Hand und der Drachen fliegt davon. Ich versuche noch hinterher zu rennen, aber keine Chance! Er ist bei dem Wind einfach viel zu schnell.
Nach einem halben Kilometer lag er dann in den Dünen. Eigentlich liegt es auf der Hand: Wenn der Drache keinen Zug mehr an der Leine hat, verliert er den Auftrieb und stürzt ab. Er braucht einen, der ihn festhält, auch wenn er immer wie verrückt an der Leine reißt - ... auch wenn er zerrt, als wolle er weg. Wer da nachgibt und loslässt kann zusehen, wie der Drache bald darauf auf seiner Nase landet, oder noch schlimmer sich in Bäumen verfängt.
Manchmal glaube ich, bin ich auch wie so ein Drachen. Ich fühle mich von Gott gehalten und bin froh darüber. Aber dann passiert etwas, das mich an seiner Liebe zweifeln lässt und ich zerre hin und her. Ich stehe innerlich mit meinem Gott im Streit, weil ich ihn nicht verstehe - weil ich nicht verstehe, wie er so etwas zulassen kann.
Aber die Schnur, den Draht zu Gott zu durchtrennen, das geht nicht. Das könnte ich mir nicht vorstellen. Denn in diesen herausfordernden Momenten des Glaubens spüre ich immer wieder aufs Neue:
Der Flug des Lebens gelingt nur dann, wenn es einen Punkt gibt, mit dem ich fest verbunden bleibe, wenn da einer da ist, der mich hält, auch wenn es mich wegzieht. Der Flug gelingt nur, wenn Gott mir Leine lässt und ich mich doch gehalten weiß. Sonst falle ich auf die Nase oder verheddere mich."

Isabell Schulz-Grave, Pastorin der Emmausgemeinde