Quergedacht

Erntedankfest

"Es musste immer der größte Kürbis sein. Als Kind hatte ich in unserer Dorfkirche die Aufgabe, für den Altarschmuck zum Erntedankfest zu sorgen. Ich nahm die Schubkarre und klingelte bei Frau Martens. Sie hatte einen großen Garten. Und eben Kürbisse. Sie erwartete mich am Samstag vorher bereits und hatte schon den größten Kürbis ausgesucht.
Der schmückte dann mit den Kartoffeln, Rüben, den Pflaumen und Äpfeln und anderen Früchten den Altar. Ein süßlicher Duft unterschiedlicher Aromen durchzog bald den Kirchenraum. Die gewaltige Erntekrone war schmückende Mitte, für die die Landfrauen sorgten. In dieser bäuerlichen Welt war die Verbundenheit mit den Früchten der Erde für jeden greifbar und einsichtig. In vielen Landgemeinden ist diese Tradition nach wie vor ganz lebendig, auch bei uns in der Nähe.
Hier in der Stadt ist dieser dichte Bezug zu den Früchten der Erde kaum mehr spürbar. Wir sind es gewohnt, dass morgens die Märkte mit den frischen Waren gefüllt sind.
Ich wohne dicht neben zwei großen Supermärkten. Manchmal wache ich nachts auf und höre die großen Lastwagen, die vor die Warentore fahren und die Dinge heranschaffen, mit denen die Regale gefüllt werden. Mit schweren Motoren nahen sie heran, die Ladeflächen prall gefüllt.
Gerade zum Erntedankfest denke ich an die Hände, die dafür sorgen, dass alles da ist. Oder an die Ernte, von der wir leben, ob sie nun aus Deutschland oder Spanien heranrollt.
Das Erntedankfest hilft uns, an die Substanz zu denken, von der wir leben. In unserem Land braucht niemand zu hungern. Es ist für den einen mehr, für den anderen weniger da. Und um die nötige Gerechtigkeit ringen wir in Politik und Gesellschaft. Dass wir aber das ganz elementar Nötige haben, nämlich Brot zu essen und Wasser zu trinken, ist weltweit keine Selbstverständlichkeit. Wir leben in einem Land, das diese elementare Versorgung ermöglicht. Schon das ist ein Grund, dankbar zu werden, überhaupt zu spüren: Allein das ist dankenswert. Das tut gut, und es lehrt auch.
Wer aus dem Dank auch für das scheinbar Selbstverständliche zu leben lernt, wird um so mehr wahrnehmen und wertschätzen können, was alles einfach so gegeben wird. Ich bin sicher: Das ist ein guter Weg, etwas mehr von Gottes Schöpfung zu erahnen."
Martin Bergau, Superintendent