Recht haben

Im November blockiert eine Fahrradfahrerin in Hannover fast eine Stunde lang einen Lastwagen, der durch eine Fahrradstraße fahren wollte. Sie fühlt sich im Recht – und ist es vermutlich sogar. Deshalb ist sie nicht bereit, ihr Fahrrad für einen Moment an die Seite zu stellen, um den Lastwagen vorbei zu lassen. Die Polizei muss kommen, um den Streit zu beenden.
Im Dezember lässt ein Autofahrer einen Linienbus über 30 Minuten lang nicht passieren, weil der auf seine Fahrbahnseite ausweichen musste. In der Folge kommt der Busverkehr im Stadtteil zum erliegen. Der Autofahrer sieht sich im Recht und beharrt darauf. Die Polizei muss kommen und der Farce ein Ende bereiten.
Ein Psychologe, der in der HAZ dazu befragt wurde, spricht von einer „zwanghaften Persönlichkeitsakzentuierung“ der Beteiligten. Was für ein schönes Wort! Der Volksmund spricht von Rechthaberei. Und mir kommt es so vor, als ob das nicht nur ein Akzent bestimmter Persönlichkeiten ist, sondern unserer Zeit ganz allgemein. Auf seinem Recht bestehen, Recht haben, sein Recht einklagen.
Vielleicht liegt die Ursache darin, dass unsere Welt immer schneller wird, immer stressiger und immer effektiver. Damit wird sie nämlich auch unbarmherziger. Lässt Fehler nicht mehr durchgehen. Zeigt wenig Großmut. Es muss alles immer funktionieren.
Was unserer Welt gut tun würde, wären Tugenden, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind: Rücksicht nehmen, Kompromisse suchen und sich das Recht eingestehen, auch mal klein bei zu geben.
Vor allem brauchen wir mehr Gelassenheit. Einen guten Tipp gibt in dieser Hinsicht Franz von Assisi, dem folgendes Gebet zugeschrieben wird: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gelassene Adventszeit.
Torsten Kröncke, Pastor