Riesenpanne auf dem Flughafen

21-Jähriger überwindet mit seinem BMW mühelos Tor und Schranke

Langenhagen (kr). Das war sicherlich die größte Sicherheitspanne in der Geschichte des Flughafens Langenhagen: Am Sonnabend, 29. Dezember, hatte ein Pole mit seinem silbernen BMW gegen 15.30 Uhr keine Probleme, erst ein Tor im Zaun des Außengeländes und dann eine Schranke im Vorfeld zu überwinden. Mit kaum sichtbaren Beschädigungen an seinem Auto war er dann zunächst ungestört auf seinem über 1.000 Meter langen Weg unterwegs in Richtung einer gerade gelandeten und noch im Rollen befindenden Maschine der Fluggesellschaft Aegaen-Airline, eine A 320 aus Athen mit 172 Menschen an Bord. Bevor der Pole von der Bundespolizei gestoppt werden konnte, befand er sich bereits unmittelbar unter dem inzwischen haltenden Airbus. Es handelte sich glücklicherweise nicht um einen Angriff eines Selbstmordkommandos oder eines unpolitischen bewaffneten Spinners, sondern „nur“ um die Tat eines unter Drogen stehenden unbewaffneten Mannes. Es zeigt allerdings allzu deutlich, wie leicht es in Langenhagen ist, ein mit Auto voll Sprengstoff direkt unter ein Flugzeug zu manövrieren. Interessant die Meinung der Verantwortlichen. Die HAZ zitierte in ihrem Bericht die Aussagen von Jörg Ristow von der Bundespolizei wie folgt: „Man kann dankbar sein, dass so etwas passiert ist und uns die Schwachstellen aufgezeigt hat.“ Und Flughafenchef Raoul Hille meinte: „Fest steht, dass das Zusammenspiel zwischen den Zuständigen am Sonnabend funktioniert hat. Eins ist aber auch klar: Wenn es jemand darauf anlegt, auf das Gelände des Flughafens zu kommen, dann lässt er sich weder von hohen Zäunen noch dicken Mauern aufhalten.“
Das Motiv des 21-jährigen Polen ist nach wie vor unklar. Er äußerte sich bisher nicht zu den Vorwürfen. Die Einsatzkräfte hatten nach der Festnahme des Polen einen Drogenschnelltest vorgenommen. Der Test erbrachte Hinweise darauf, dass der Pole während der Tat unter dem Einfluss von Kokain und Amphetaminen stand. Bombenentschärfer untersuchten mehrere Stunden lang den BMW, der einem Familienmitglied des Fahrers gehört. Sie konnten allerdings keinerlei Spuren von Sprengstoff entdecken. Ein Richter schickte den Mann am Sonnabendabend in Untersuchungshaft. Der Mann wird sich wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Fahren unter Drogeneinflusses verantwortlich machen.
Die wichtigste Frage blieb bisher noch unbeantwortet: Wie schaffte es der „zugedröhnte“ Pole, in dem 18 Kilometer langen Zaun, der den Flughafen umgibt, 560 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, die problemloseste Stelle zu finden, um seinen Wagen fast unbeschädigt und über eine relativ lange Strecke nahezu unbehelligt in die Nähe der Terminals zu lenken. Das sah nicht nach Video-Überwachung aus. Die vom Polen gewählte Zufahrt auf das Vorfeld des Airports von der Flughafenstraße gegenüber der Einmündung der Evershorster Straße ist selbst Ortskundigen kaum bekannt. Könnte das ein Test für künftige Anschläge gewesen sein? Sicherlich nur eine sehr vage Spekulation. Auszuschließen ist sie heutzutage sicherlich nicht.
Die Leidtragenden waren einmal mehr die Touristen. Der Flughafen stellte nach dem Zwischenfall zunächst den Flugbetrieb ein. 22 ankommende Maschinen mussten umgeleitet werden. Betroffen davon waren mindestens 13 Starts und 21 Landungen, die sich verzögerten oder deren Jets umgeleitet wurden. Hunderte von Passagieren konnten ihre geplanten Reisen nur mit erheblichen Verspätungen antreten. Um 20.05 Uhr nahm der Flughafen seinen Betrieb wieder auf.
Rund drei Tage nach dem Zwischenfall hat der Flughafen reagiert. Das Tor, das der Pole mit seinem BMW aufgedrückt hatte, ist jetzt mit Betonpollern gesichert. Bei neun weiteren Toren soll ähnlich verfahren werden. Dem Wirtschaftsministerium als zuständige Luftsicherheitsbehörde reicht dieser Schritt aber nicht aus. Es sieht noch dringenden Handlungsbedarf. Der Flughafenbetreiber werde vermutlich in der nächsten Woche in Absprache mit dem Ministerium ein neues Sicherheitskonzept vorlegen. Das Problem sei, so hieß es vom Flughafen, dass die Tore auch Fluchtwege und Zufahrtswege für Rettungsfahrzeuge seien, beispielsweise bei einem Unglück auf dem Rollfeld. Dazu war von Experten zu hören, dass gerade derartige hochsensible Einrichtungen durch spezielle Panzerungen gesichert werden müssten. Die letzte große Sicherheitsprüfung fand 2016 statt, und es hatte keinerlei Beanstandungen geben. Für die Außensicherung, so Eike Frenzel vom Wirtschaftsministerium, gebe es bundeseinheitliche Standards. Nicht unwahrscheinlich, dass jetzt auch die anderen Flughäfen nachbessern müssen.