Schrei nach Milch!

Sie hing in meinem Kinderzimmer: meine ganz besondere Uhr mit dem einen Zeiger. Ich hatte sie im Kindergottesdienst gebastelt und sie war eine Uhr fürs ganze Kirchenjahr. Jeden Sonn- oder Feiertag schob ich den Zeiger ein Feldchen weiter. Von Karfreitag auf Ostern wurden mir die Namen der Tage, auf die der Zeiger dann gerichtet war, dadurch vertrauter. Aber beim ersten Sonntag nach Ostern blieb der Name lange unaussprechlich: Quasimodogeniti stand dort, das ist Latein und bedeutet „wie die neugeborenen Kinder“.
Diese Formulierung kommt aus dem ersten Petrusbrief, aus dem an diesem Sonntag vorzulesen ist; genauer ist es der Leitvers zur Epistellesung. Der Bibelvers heißt: „Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, so sollt ihr nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangen, um im Glauben zu wachsen und das Ziel, eure Rettung, zu erreichen.“
Was für ein starkes Bild: Neugeborene Kinder können ziemlich laut nach Milch schreien: nach der Milch der Mutter und nach Liebe! Und das sollen wir uns zum Vorbild machen, wenn wir nach Gott fragen und nach seinem Wort. Denn sein Wort können wir als Liebe und als Rettung erleben. Wer Mitchristen fragt, kann hören, wie sie – auch in Notlagen, in denen sie um Hilfe nur so schreien konnten – im Glauben gewachsen sind und die Rettung dann als Gottes Hilfe gedeutet haben.
Beim Osterfest sind in den vielen Kirchen dieser Welt Menschen getauft worden – kleine Kinder und auch Ältere, die bewusst nach Gottes tröstlichem Wort verlangt und zum Glauben gefunden haben. Sie wurden mit Wasser getauft, das in ihnen den alten Menschen ertränkt. Mit Jesus, der den Tod besiegt hat, können sie ein neues Leben anfangen. Jetzt sind sie wie neugeborene Kinder.

Rainer Müller-Jödicke, Pastor