Seelsorge – weitab von jedem Kirchturm

Pastor Karl-Martin Harms (mit Weste) und Matthias Bruns im Interview mit Renate Baumgart und Matthias Pabst.
 
Pastor Karl-Martin Harms (mit Weste) und Matthias Bruns im Interview mit Renate Baumgart und Matthias Pabst.

Flughafenseelsorge ist auch und gerade in Corona-Zeiten vor Ort

Langenhagen. Die Atmosphäre am Flughafen Hannover-Langenhagen ist an diesem Tag so ganz anders, als man es von früheren Augusttagen kennt: Die übliche Parkplatzsuche vor den Terminals erübrigt sich, nur wenige Fluggäste verlieren sich fast vor den Abfertigungsschaltern, die neonfarbenen Tresen der Autovermietungen liegen verlassen und die große Anzeigetafel auf der Abflugebene bleibt zur Hälfte dunkel ...
Nur 17 Flüge ab Hannover-Langenhagen bieten die Airlines an diesem Tag an; nur einer dieser Flüge bringt Reisende nach Mallorca. Wenige Tage zuvor hat die Bundesregierung eine erneute Reisewarnung für Spanien ausgesprochen, die sich schnell auch auf die Buchungszahlen auswirkt. „Wir können die Menschen ja verstehen – niemand kann sich nach dem Urlaub in Spanien noch zwei Wochen Quarantäne erlauben und niemand möchte andere Menschen gefährden“, sagt Matthias Bruns, Betriebsratsvorsitzender am Hannover Airport. Gemeinsam mit Flughafenseelsorger Pastor Karl-Martin Harms beantwortet er an diesem Tag die Fragen von Renate Baumgart und Matthias Pabst vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen-Bremen (ekn). Sie haben sich bei der Flughafenseelsorge angemeldet um zu erfahren, wie das Leben am Hannover Airport in Corona-Zeiten weitergeht.
„Die Menschen, die hier am Flughafen arbeiten, haben natürlich Zukunftsängste“, sagt Bruns. „Niemand kann im Moment sagen, wie es in unserer Branche weitergehen wird. In dieser Situation finde ich es gut, dass die Seelsorge hier vor Ort ist und zur Beruhigung beitragen kann.“ Karl-Martin Harms betont, dass er für Reisende und Mitarbeitende des Airports gleichermaßen ansprechbar ist – auch wenn das im Moment schwieriger ist, als es in Vor-Corona-Zeiten war. „Die Maskenpflicht ist notwendig, aber ich nehme sie als
starkes Hemmnis wahr, was die Kontakte zu Menschen angeht“, erzählt der Flughafenseelsorger. „Die Maske steht oft wie eine Barriere zwischen meinen Gesprächspartner*innen und mir.“
Entmutigen lässt sich Harms von dieser Barriere nicht: Regelmäßig sind er und sein ehrenamtliches ökumenisches Team mit dem Trolley und kleinen Mitgebseln in den Terminals unterwegs. Harms trägt auch beim Mittagessen in der Kantine die Weste, die ihn als Seelsorger erkennbar macht, und setzt sich häufig mit Klappstuhl und Glocke vor die Tür der Flughafenkapelle: „Gleich gegenüber kommen regelmäßig Mitarbeitende des Flughafens aus der Zugangsschleuse und wir kommen hier gut ins Gespräch.“ Bislang, so berichtet Harms weiter, seien Flughafenbeschäftigte noch nicht von sich aus mit ihren wirtschaftlichen Sorgen an ihn herangetreten; dies sei aber auch ganz in Ordnung: „Ich selbst bin ja angefragt, auf die Menschen zuzugehen.“ Die Reaktionen fielen ganz überwiegend positiv aus: „Die meisten freuen sich, wenn ich sie anspreche, und viele sind auch überrascht, Kirche und Seelsorge an diesem Ort, weitab von jedem Kirchturm, anzutreffen.“
Eine wichtige Funktion erfüllt auch die Flughafen-Kapelle auf der Abflugebene im Terminal A: „Viele Menschen nutzen diesen Ort für eine Auszeit und ein Gebet – sie kommen während ihrer Mittagspause oder in der Wartezeit vor dem Abflug, um einen Moment Ruhe zu finden oder ein Gebet zu sprechen“, erzählt Harms. „Der Flughafen ist ein Transit-Ort“, sagt er auch; „ein Ort des Übergangs.“ Dass dies aktuell belastender sein kann als zu „normaler“ Zeit, weiß der Flughafenseelsorger aus Gesprächen und aus dem Gästebuch in der Kapelle: Manch einer starte hier zurzeit mit einem mulmigen Gefühl in den Auslandsurlaub. „Dann geht es mir darum, einfach da zu sein“, sagt Pastor Harms schlicht.