Soviel du brauchst

„Nimm dir aber nur, soviel du brauchst!“ In einem Restaurant vor ein paar Wochen. Am Nachbartisch von mir saß eine Familie mit kleinen Kindern. Es gab an diesem Abend ein großes Buffet. „Till, nimm dir aber nur, soviel du brauchst!“ hatte die Mutter dem etwa achtjährigen Sohn noch gesagt, doch der war schon in Richtung Buffet verschwunden.
„Das bekommen Kinder doch noch nicht hin“, flüsterte mir meine Frau zu. „Die können das noch nicht abschätzen, wie viel sie brauchen.“ Meine Frau behielt Recht. Till kam mit einem randvoll gepackten Teller zurück. Er schaffte nicht mal die Hälfte.
Noch bis morgen findet in Hamburg der evangelische Kirchentag statt. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Soviel du brauchst.“ Das Motto ist ein Bibelvers aus dem Alten Testament. Es steht in der Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. 40 Jahre lang wandert das Volk durch die lebensfeindliche Wüste. Doch Gott lässt für das hungrige Volk Israel auf seinem Weg Brot vom Himmel regnen. Das aber ist leicht verderblich, es hält nur einen Tag. Danach wird es schlecht. Jeder soll daher soviel nehmen, wie er zum Essen braucht. Jeden Tag neu, jeden Tag frisch.
„Soviel du brauchst.“ Was brauche ich? Wie viel brauche ich mindestens zum Leben? Aber auch das steckt in dem Motto: „Was brauche ich nicht?“ Ein Teilnehmer des Kirchentags brachte es auf den Punkt: „Zu viel du brauchst!“ Der kleine Till ist in unserem Land keine Ausnahme. Wir leben in einer Weg-Werf-Gesellschaft. Die Einen kaufen und konsumieren mehr als sie brauchen. Die Anderen gehen dabei leer aus, haben nicht im Entferntesten so viel sie brauchen.
Es geht um das richtige Maß. In der Bibelgeschichte sollen sich die Israeliten nehmen, so viel sie brauchen. Doch oft weiß der Mensch gar nicht so genau, was er wirklich braucht. Geschweige denn, was der Andere wirklich braucht. Und so nehmen die einen zu viel, die anderen zu wenig.
„Soviel du brauchst“ ist aber auch ein Versprechen. „Gott sorgt für dich, es ist so viel da, wie du brauchst. Das, was du wirklich brauchst, gibt Gott überreichlich und täglich neu.“ Alles Überflüssige können wir weitergeben, wie der kleine Till, der seinen halben Teller dem Papa vorsetzte.
Sebastian Müller, Vikar