Sternschnuppe

Sommerfreizeit in den Ferien. 50 Jugendliche waren mitgefahren, alle im so interessanten Alter von 14 bis 16 Jahren. Da menschelte es kräftig, und wir Mitarbeiter behielten kaum den Überblick, wer da im Augenblick gerade mit wem und wer nicht mehr mit wem zusammen ist. Auch Florian schaute nach links und rechts und hatte ein Auge auf Susi geworfen. Das könnte vielleicht was werden. Und tatsächlich, nach dem Filmabend wurden die beiden – ins Gespräch vertieft – gesichtet.
Doch dann: Bei der Abendandacht fehlte Florian. Alle waren da, auch Susi, aber Florian nicht. Na, dann war wohl doch nichts aus den beiden geworden. Die Fenster unserer Kapelle standen weit auf, denn es war ja so heiß, vielleicht war er irgendwo da draußen und hörte wenigstens von Ferne die Lieder mit, dachte ich. Und so war es dann auch: Als wir aus der Kapelle kamen, lag Florian auf einer Bank, da hinten bei den Booten, und schaute in den Himmel.
Zwei Tage später kamen wir am Strand darüber ins Gespräch, wie es ihm ginge. Na, das sei zwar immer noch traurig, aber wenigstens könne er es jetzt wieder in einem Raum mit Susi aushalten, sagte er. Zwei Tage vorher war das in der Kapelle einfach nicht möglich gewesen. „Aber“, sagte er, er habe seine eigene Andacht an dem Abend gefeiert. „Die Lieder konnte ich für mich mitsummen. Von dem Impuls habe ich natürlich nichts mitbekommen und die Gebete nicht verstanden. Da habe ich halt für mich selbst gebetet.“ Er schaute in die Ferne: „Das mach ich sonst zu Hause eigentlich nie. Ja, außer wenn es mir ganz schlecht geht, und als Opa gestorben ist. Aber vorgestern habe ich das irgendwie geschafft. Und ich hatte wirklich das Gefühl, dass Er mich gehört hat.“ – Nun, ich war irgendwie gerührt, als er mir das so erzählte. Auch wenn er sich wohl doch nicht traute, das Wort „Gott“ zu sagen. „Ja“, fuhr Florian fort, „als ich da so ganz alleine lag und in den Himmel schaute, da war ich mir ganz sicher, dass mein Gebet da oben erhört wird und dass da etwas zurück kommt. Denn in dem Moment sah ich, wie eine Sternschnuppe vom Himmel fiel.“

Rainer Müller-Jödicke, Pastor