Tankstellen für die Seele

„Als ich früher noch mit meinen Eltern verreist bin, haben sie keine Kirche ausgelassen. Überall mussten sie anhalten und erst mal reingehen.“ „Ich finde, eine Stadt oder ein Land lernt man so richtig kennen nur über die Kirchen - da spüre ich die Kraft des Glaubens, da freue ich mich aber auch an der Schönheit der Architektur und der Kunst.“ „Als wir im vergangenen Sommer auf unserer Rad-Tour in dieser ganz kleinen dänischen Backsteinkirche Rast gemacht haben, das war so wunderschön ruhig.“ Egal wo sie stehen, ob ganz allein auf dem flachen Land oder vom Verkehr umtost in einer Großstadt, Kirchen sind für viele Menschen besonders im Urlaub ein Anziehungspunkt. In den Fußgängerzonen oder Einkaufszentren kehren überall die gleichen Namen an den Läden wieder, alles verschwimmt zu einem optischen Einheitsbrei. Dagegen besitzen besonders die alten Kirchen meistens eine ganz ausgeprägte Persönlichkeit. Sie prägen oft mit ihrem Namen oder ihrem charakteristischen Aussehen ein ganzes Stadtbild. München ohne die Frauenkirche, Paris ohne Notre Dame und Sacré-Coeur, Rom ohne den Petersdom, Hamburg ohne den Michel oder Hannover ohne die Marktkirche: undenkbar. Aber auch viele Dörfer und kleine Städte sehen ohne Kirchen in der Mitte seltsam leer aus. Wer einmal in der Gegend von Seelow im Oderbruch unterwegs gewesen ist, kann diese Leere spüren. Im Frühjahr 1945 haben deutsche Truppen dort Kirchen gesprengt, um den Russen bei der erwarteten Offensive Orientierungspunkte zu nehmen. Heute sind mitten in diesen Dörfern nur noch die niedrigen Fundamentreste der alten Kirchen zu sehen. Aber die Dorfbewohner finden sich dort heute noch manchmal zu Gottesdiensten zusammen; unter freiem Himmel, umgeben nur von den Resten der Grundmauern. Ebenso wie Menschen im Urlaub, die neu eine Stadt kennenlernen und dabei selbstverständlich die Kirchen dort besuchen, wissen die Menschen in den Dörfern um Seelow wie wichtig ihre Kirchen sind, Tankstellen für die Seele, im Urlaub wie im Alltag.

Bernd Wrede, Pastor