„Tanzschulen sind auch Bildungsstätten“

Tanzlehrer Bernd Gräber: "Es wird mit zweierlei Maß gemessen." (Foto: O. Krebs)

Berufsstand fühlt sich von der Politik komplett im Stich gelassen und klagt

Langenhagen (ok). Maß und Mitte hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Umgang mit dem Corona-Virus gefordert. Für Jürgen Ball ist das genug bewiesen worden, er fordert für seinen Berufsstand Perspektive und Ziel. Ball ist Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV), hat sich in einem Schreiben unter anderem an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. Nur: Eine Antwort hat er nie erhalten. Aber Ball gibt sich kämpferisch: „Ich komme mir tatsächlich vor wie Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft. Trotz meines Verdrusses gebe ich, geben wir im ADTV, nicht auf.“
Das sieht sein Berufskollege Bernd Gräper, Inhaber der gleichnamigen Tanzschule im CCL genauso, hat vor zwei Wochen einen Brief an den Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil geschrieben, um seinem Unmut Luft zu machen. Nur: Auf eine Antwort wartet auch er heute noch. Dabei dränge die Zeit, denn mehr als 3.000 Arbeitsplätze und die Existenz von rund 800 Betrieben stünde auf dem Spiel. Die Tanzlehrer, die im Fünf-Stufen-Plan der Landesregierung gar nicht namentlich erwähnt werden, fühlen sich von der Politik schlichtweg im Stich gelassen. Bernd Gräper resignierend: „Kulturschaffende Betriebe sind anscheinend nicht wichtig genug!“ Dabei seien Tanzschulen Arbeitgeber, Ausbilder und Steuerzahler zugleich, erfüllten eine Vielfalt gesellschaftlicher Aufgaben. Sein Verband hat jetzt in Nordrhein-Westfalen reagiert, zwei Eilklageverfahren laufen. Einmal geht es um die Ausführung der Berufsausbildung, der andere Punkt ist die Gleichstellung der Tanzschulen zu den Volkshochschulen. Denn: Die Tanzschulen sind auch Bildungsstätten. Es ist nachgewiesen, dass eine intensive Beschäftigung mit Kultur und Tanz die körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen nachhaltig positiv beeinflusst. Außerdem würden alltagsrelevante Schlüsselkompetenzen wie Höflichkeit, Respekt und Wertschätzung im gegenseitigen Umgang erlernt und gefestigt. Das Thema Gesundheitsprophylaxe in all seinen Facetten von Kindertanz über Rollator-Tanz und Tanzen mit Demenz-Erkrankten bis hin zu „Tanzrausch statt Vollrausch“ als Prävention gegen Drogenmissbrauch ist natürlich nicht zu unterschätzen. Tanzlehrer Bernd Gräper betont: „Wir tragen also in Niedersachsen ebenso einen wichtigen und wesentlichen Teil zur Gesellschaft und Wirtschaft bei.“ Davon mal abgesehen sind Tanzschulen außer Bildungseinrichtungen auch Gastronomiebetriebe. Der Platz sei in den Tanzschulen ausreichend. Gräper verfügt im CCL über 300 Quadratmeter, hat ein eigenes ausgeklügeltes Hygienekonzept auf die Beine gestellt, das auch mit einer großen Dokumentation verbunden ist, um mögliche Infektionsketten zurückverfolgen zu können. Händewaschen und Desinfektion vor und nach dem Unterricht sind selbstverständlich. Mund-Nase-Schutz ist Pflicht, nur Paare aus einem Haushalt tanzen miteinander. Zwischen den Paaren beträgt der Abstand mindestens zwei Meter. Getränkepause werden in der Kurspause an die Tische gebracht, die erst nach dem Verlassen aller Teilnehmer desinfiziert werden. Bernd Gräper fragt sich: „Warum sollten Tanzschulen also nicht unter Einhaltung dieser Maßnahmen wieder öffnen dürfen? Ich finde es wird hier mit zweierlei Maß gemessen, was ich sehr traurig finde.“ Dennoch hat er seinen Grundoptimismus nicht verloren und hofft, am 4. Juli wieder alle zu einem Ball der Tanzschule zu begrüßen. Er hofft, dass Rat und Verwaltung ihn auf seinem langen Weg in die „Normalität“ unterstützt.