Wenn der Bogen zerbricht

Wir freuen uns wohl alle, dass es endlich wieder Sommer wird. Alles grünt und blüht, in der nächsten Woche beginnen die Schulferien, für viele Menschen rückt der Urlaub in greifbare Nähe – Zeit, die wir nötig für uns und unsere Familien brauchen. Aber vorher ist noch soviel zu erledigen! Gerade kurz vor den Ferien, wenn wir eigentlich meinen, dass wir endlich Zeit haben werden, rennt uns die Zeit häufig davon. Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen:
Der große Mönchsvater Antonius lebte inmitten seiner Mönchsgemeinde am Rande der oberägyptischen Wüste. Einmal hatte er seine Mönche um sich versammelt – nicht zum Gebet, nicht zur Buße, nicht zum Gottesdienst – nein, einfach nur zu einem geselligen Beisammensein, zu einem gemütlichen Plausch. Da kommt ein Jäger vorbei und wundert sich: „Da sieht man es mal wieder, typisch Mönche, stehen faul herum und tun nichts.“Antonius kommt mit ihm ins Gespräch und fordert ihn auf, einmal seinen Bogen zu spannen. Der Jäger gehorcht. „Viel zu wenig!“ ruft Antonius, „noch mehr spannen!“ Der Jäger folgt einer zweiten und dritten Aufforderung, dann weigert er sich: „Wenn ich noch mehr spanne, zerbricht der Bogen.“ „Genauso ist es mit dem Menschen“, entgegnet Antonius, „wenn seine Kräfte übermäßig angespannt werden, dann zerbricht er. Er muss entspannen, um anspannen zu können.“
Wenn ich mir Zeit lassen kann, entspannen kann, die Seele baumeln lasse, dann kann ich etwas von der Schönheit der Schöpfung Gottes wahrnehmen. So kann ich erleben, wie kostbar sie ist und befreit und mit neuer Kraft einstimmen in die Freude darüber. Nur wer den Wert dieser Schöpfung wahrnehmen kann, wird sich mit allen Möglichkeiten dafür einsetzen, sie zu beschützen und bewahren.
Einen schönen sonnigen Sommer zum Krafttanken wünsche ich Ihnen!


Dorothee Renner-Venz,
Pastorin