Wenn's plötzlich zäh und dunkel wird

Die Taucher Michael Maciejewski (links) und Benjamin Funke spritzen ihren Kollegen Dietmar Torbahn ab, bevor es für den wieder in die Tiefe hinab geht.Foto: O. Krebs

Berufstaucher in den Tiefen der Faultürme aktiv

Langenhagen (ok). "Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp', zu tauchen in diesen Schlund?" So beginnt das Gedicht "Der Taucher" von Friedrich Schiller und diese Frage hat sich auch die Stadtverwaltung – zugegebenermaßen nicht ganz so poetisch – vor einigen Monaten gestellt. Die Reinigung der beiden Faultürme stand auf dem Programm; ein Unterfangen, das zum bisher letzten Mal vor 17 Jahren in Angriff genommen worden ist. Damals hat die Verwaltung allerdings nicht auf Berufstaucher zurückgegriffen, sondern die Faulbehälter mit Hilfe eines Floßes, das ins Innere des Turms gelassen worden ist, entleert. "Gleich mehrere Wochen hat das gedauert; Zeit, die fehlte, um Gas zu produzieren", erinnert sich Abwassermeister Uwe Spierig. Dieses Mal geht es wesentlich schneller – 16 Arbeitstage sind veranschlagt; vier Berufstaucher einer Spezialfirma für Klärwerkstauchen aus Rostock wechseln sich ab und steigen 18 Meter tief hinab. Nicht gerade ein Gefühl, das mit einem Tauchgang an einem Korallenriff zu vergleichen ist: Da unten ist es wegen des tiefschwarzen Schlamms stockdunkel und Bewegungen unter Wasser sind auch nicht drin: Der Schlamm hat die Konsistenz eines zähflüssigen Breis. Gereinigt wird dann mit einer Mammutpumpe, die vom Prinzip her mit einer Aquariumpumpe zu vergleichen ist; Schlamm und Sand werden . Allerdings mit dem Unterschied, dass das Gerät im Faulturm etwa 120 Kilogramm wiegt. Die müssen die Taucher zwar glücklicherweise nicht immer wieder mit runternehmen, denn sie bleibt für die Dauer der Reinigung am Grund des Faulturms. Aber die 50 Kilogramm, die die Ausrüstung mit Weste, Helm, Reserveflasche und Bleifüßen wiegt, sind sicherlich auch nicht zu verachten. Kein Wunder, dass die Taucher nach einer Stunde und 20 Minuten – so lange dauert eine Schicht – wieder fix und fertig und völlig durchgeschwitzt an die Oberfläche kommen. Müssen sie ihre Arbeit per Tastsinn auch noch bei 38 Grad Celsius in Angriff nehmen. Ein Job, der richtig anstrengend ist, eine jährliche Gesundheitsprüfung ist deswegen Pflicht. "Aber es gibt auch Kollegen, die tauchen noch mit 60 Jahren", versichert Berufstaucher Lutz Wiese. Ganz ungefährlich ist es aber auch nicht, gerade bei unerfahrenen Tauchern. Kann unter den ungewohnten Bedingungen doch auch mal Panik ausbrechen, Atmung und Pulsschlage verrückt spielen. Der Taucher ist aber im Schlamm doppelt und dreifach gesichert: Fällt das erste Telefon aus, gibt es immer noch ein zweites und notfalls wird an der Leine gezogen, und dann geht es in Windeseile nach oben.
Bis kommenden Mittwoch sind die vier Berufstaucher aus Mecklenburg-Vorpommern in der Kläranlage im Einsatz, dann sind die beiden jeweils 1.400 Kubikmeter fassenden Faultürme von den Ablagerungen gereinigt und für das kommende Jahrzehnt und noch länger ist erst einmal Ruhe.
Getaucht werden muss dann erst einmal nicht mehr in der Kläranlage. Das Ganze hat die Stadtverwaltung rund 40.000 Euro gekostet, knapp die Hälfte des finanziellen Aufwandes, wenn der Turm geleert und abgesaugt worden wäre.