Wer sind diese Leute eigentlich?

Dalia Kellou (von links), Inga Dreßler, Paula Stöckmann und Nicola Behrens versuchen eine Annäherung an Israel – spielerisch unbefangen und gleichzeitig hochkonzentriert. Foto: A. Hesse

Ein Theaterexperiment versucht die Annäherung an Israel

Langenhagen (he). Israel – fast jeder meint, etwas über dieses Land zu wissen oder Partei ergreifen zu müssen für die eine oder die andere Seite, für die palästinensische oder die jüdische Bevölkerung. Aber wie ist Israel wirklich, wie können wir uns diesem Land annähern, das wie wenige andere in unseren Medien präsent ist? Wie können wir ein Land beschreiben, das ebenso traditionsbewusst wie modern ist, mit dem wir durch unsere Geschichte eng verbunden sind und das unsere Meinung doch gleichzeitig auch spaltet wie kaum ein anderes?
Der Langenhagener Verein für internationale Jugendbegegnungen hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen darin zu unterstützen, sich selbst ein Urteil zu bilden: In diesem Sommer ist eine Gruppe junger palästinensischer Israelis aus der Stadt Shibli in Langenhagen zu Gast; im Oktober reisen ihre Gastgeber, knapp 20 Schülerinnen und Schüler aus Langenhagen, dann selbst in die Stadt in der Nähe Jerusalems. Zur Vorbereitung auf den Austausch gibt es ein umfangreiches Programm; dazu gehörten jetzt auch die Entwicklung und Aufführung eines Theaterexperiments.
In Kooperation mit dem Theater Löwenherz und der IGS Langenhagen präsentierte der Verein für internationale Jugendbegegnungen die Theaterreise „Gesichter Israels“ in dieser Woche in der Aula des Schulzentrums und hinterließ damit beim Publikum einen starken Eindruck. Eingesperrt in einem begrenzten Quadrat, von oben beobachtet von einer Kamera und damit vom Publikum, sahen sich die vier „Versuchspersonen“ konfrontiert mit Begriffen wie Leben, Religion, Konflikt, Liebe und setzten diese sehr assoziativ in Beziehung zu Israel. „Erfühlen, erriechen, erschmecken Sie Israel“, lautete die Aufforderung ans Publikum, das wie gebannt der Darstellung von Nicola Behrens, Paula Stöckmann, Inga Dreßler und Dalia Kellou folgte. Dokumentarische und literarische Texte ebenso wie Darstellungen aus Lexika, Reiseprospekten und Nachrichtensendungen wirkten wie eine Art Folie, vor der die vier Versuchspersonen sich dem Land Israel näherten – spielerisch tastend und gleichzeitig hochkonzentriert.
Die gelesenen Tagebuchnotizen einer 17-Jährigen bleiben im Gedächtnis: „Ich weiß nicht, ob die Araber und wir schon Feinde waren, als ich klein war“, sagt sie. „Ich weiß nicht, wie Menschen, die nicht religiös sind, mit den Bomben leben können.“ Im Gedächtnis bleiben auch der Schock der sechs Meter hohen Betonmauer mit Stacheldraht, an der die heitere Israelreise der Versuchspersonen abrupt endet, und die gelesenen Erinnerungen an ein Kind im roten Mantel. In der Darstellung werden T-Shirts, Körper und Gesichter zur Landschaft, durch die die Reise geht, verkörpern ein Stück Israel, an das die Annäherung nie vollständig gelingt. „Wer sind diese Leute eigentlich?“ – diese Frage steht auch zum Ende der Theaterreise noch ungelöst im Raum.
„Wir haben uns mit einer Theaterproduktion selten so schwer getan wie mit dieser“, berichtete Regisseur Hendrik Becker; wochen- und monatelange Diskussionen und immer neue Experimente seien der Premiere der „Gesichter Israels“ vorausgegangen. Im November wird es eine Fortsetzung des Theaterexperiments geben – dann, wenn die Versuchspersonen Israel tatsächlich selbst erlebt haben.