Wieder vereint

Seit 25 Jahren ist unser Land wiedervereinigt, doch in meiner früheren Gemeinde erinnerten sich alle noch gut an die Zeit, als die Mauer noch stand. Immer wieder musste jemand die lustige Geschichte von der Matratze erzählen, die doch einen traurigen Hintergrund hatte: In der Partnergemeinde im Vogtland lebte damals ein Mädchen mit einer schweren Rückenerkrankung. Doch auf eine Spezial-Matratze konnte ihr kirchlich engagierter Vater, der kein SED-Parteimitglied war, nicht hoffen. Also lag beim nächsten Besuch der westdeutschen Partnergemeinde eine Spezial-Matratze im Bus und ein betagter Mitreisender gab vor, dass er ohne seine Matratze nicht schlafen könne. Natürlich blieb die Matratze im Vogtland und erleichterte das Leid des Kindes sehr. So praktisch und erfinderisch war diese Partnerschaft.
Gleich nach dem Krieg und der innerdeutschen Teilung war jeder ostdeutschen eine westdeutsche Kirchengemeinde zugeteilt worden. Aus dem Westen kam vor allem materielle Unterstützung. Darüber hinaus gab es immer wieder geistliche Impulse zwischen beiden Seiten: Die einen beteten für die anderen, neue Lieder wurden hin- und hergeschickt, die Pastoren tauschten Fachliteratur aus, die Jugend begegnete einander in Ost-Berlin. Wenn mal ein Bulli aus der damaligen DDR kommen durfte, dann gab es viel zu staunen und zu erzählen – die Gemeinden im Westen wurden dabei immer dankbarer für unsere Religionsfreiheit.
Erstaunlicherweise brach in meiner früheren Gemeinden diese Verbindung in den Osten nach der Wende nicht ab, denn es waren Generationen übergreifend Freundschaften zwischen ganzen Familien entstanden. Hatten die am Anfang vor allem Pakete über die Grenze geschickt, so gibt es mittlerweile einen eher geistlichen Austausch. Zu Beginn meiner Zeit lag dort die Jugendarbeit am Boden – und es waren die Vogtländer, die sie wieder zum Leben erweckten, indem sie unsere Konfirmanden zu einer Ski-Freizeit über Silvester einluden. Die schmissigen Lieder, die sie mitbrachten, singen sie bis heute. Drei Jahre später waren die engagiertesten Jugendlichen im Vogtland zu Studenten geworden und hatten die Gemeinde verlassen. Dann lag es an uns, die dortigen Jugendlichen einzuladen. Wie selbstverständlich reisten sie herbei und freuten sich auf eine gemeinsame Wattwanderung – im Gepäck gute Wünsche ihrer Familien, die ihnen diese Fahrt gönnten und sich freuten, dass so etwas heute selbstverständlich ist, weil es die Mauer nicht mehr gibt. Wir haben am 3. Oktober wahrlich Grund zu feiern.
Rainer Müller-Jödicke