„Wir fühlen uns nicht ernst genommen“

Kinder, Eltern und Erzieherinnen der Elisabeth-Kindertagesstätte zeigten der Politik den Rücken und die Rote Karte. (Foto: A. Hesse)

Evangelische Kitas protestieren gegen Gesetzentwurf der Landesregierung

Langenhagen. „Wir fühlen uns in keiner Weise ernst genommen – wenn das ein Kompromiss sein soll, dann ist es ein ausgesprochen fauler“, sagt Tabea Pipenbrink. Die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte der Elisabeth-Kirchengemeinde in Langenhagen spricht über die Novelle des Niedersächsischen Kindertagesstättengesetzes, die seit Monaten in der Kritik steht. Am Montag wurde bekannt, dass sich die Regierungskoalition im Niedersächsischen Landtag nach langem Ringen darauf verständigt hatte, die dringend benötigte dritte Fachkraft für Kitagruppen ab 2027 einzuführen, allerdings zunächst nur mit einem Stellenumfang von 20 Wochenstunden. In einem Stufenplan sollen zudem ab August 2023 zusätzliche Auszubildende mit einem Kontingent von je 15 Wochenstunden zur Unterstützung in die Gruppen kommen.
„Warum erst 2027?“, fragt Kitaleiterin Pipenbrink. „Wir brauchen die Entlastung jetzt, nicht erst in sechs Jahren.“ Sie weist auf die Anforderungen an die Arbeit in Kitas hin, die in den vergangenen Jahren enorm gewachsen sind: Ging es vor 25 Jahren noch vorrangig um die Betreuung von Kindern in den Einrichtungen, ist heute die frühkindliche Bildung eine herausfordernde Aufgabe. Insbesondere Sprachförderung, aber auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen stehen im Fokus. „Wenn wir das nicht leisten können, haben anschließend die Grundschulen die Probleme“, sagt Pipenbrink – oder aber die Kinder gingen mit ihren Defiziten durchs Leben und verursachten dadurch auch gesellschaftliche Kosten. „Es wird sich rächen, Verbesserungen nur mit Blick auf die Finanzen abzulehnen“, ist Pipenbrink sich sicher.
Auch Gert Liebenehm-Degenhard, am Religionspädagogischen Institut Loccum zuständig für die Elementarpädagogik, übt Kritik an der Gesetzesnovelle: „Wenn man in den Gesetzesentwurf sieht, erschrickt man, dass die Bedingungen und die Ausstattung der Kitas auf dem Stand der 90er-Jahre bleiben sollen“, stellt er in einem Interview fest. „Das gilt zum Beispiel im Blick auf die Gruppengröße, im Blick auf den Personalschlüssel und die sogenannten Verfügungszeiten.“ Darüber hinaus gebe es eine andere Leerstelle, die die Teilhabe von behinderten Kindern betrifft: „Der längst fällige Rechtsanspruch auf einen inklusiven oder integrativen Kita-Platz fehlt im Entwurf.“
Auf eine weitere Gefahr wies Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, in der vergangenen Woche in der Synode der hannoverschen Landeskirche hin: Rund ein Viertel der ausgebildeten Fachkräfte in Kitas verlasse den Beruf innerhalb der ersten fünf Jahre aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen. „Wir erwarten einen eklatanten Mangel an Fachkräften“, so Lenke; um dem entgegenzuwirken brauche es jetzt eine angemessene Novellierung des Kita-Gesetzes.
Um ihren Protest sichtbar zu machen, beteiligten sich auch evangelische Kindertagesstätten am Mittwoch an einem landesweiten Aktionstag: Mit einer Mahnwache in Form einer Menschenkette wiesen unter anderem Kinder, Erzieher*innen und Eltern der Elisabeth-Kita auf den „mit dünnem Faden gestrickten“ Gesetzentwurf hin und zeigten der Politik die Rote Karte. Auch die Kinder der evangelischen Kindertagesstätte St. Marien Isernhagen machten auf den Notstand in den Kitas aufmerksam: Mit Plakaten „Kein Herz für Kitas?“ versammelten sie sich zur Mahnwache neben der Kirche.