Zwischen den Jahren

Wetten, dass Weihnachten einigen noch ganz schön in den Knochen stecken? Mir jedenfalls geht es so. Schön, wenn die Familie Weihnachten feiert. Schön und anstrengend, jedenfalls wenn wir ehrlich sind. Viele Menschen halten „zwischen den Jahren“ Rückschau und wagen einen Blick in die Zukunft. Bei der Rückschau wird man sowohl Erfreuliches und Schmerzliches entdecken. Die Bilanz zum Jahresende gibt nicht nur Anlass zum Jubeln. Und wie sieht die Zukunft aus? Was wird im kommenden Jahr auf mich zukommen –beruflich und privat? Unaufhaltsam, so scheint es, gehe ich meinen Weg, ohne zu wissen, was kommt.
Als ich ein Kind war, steckte der Beginn des neuen Jahres voller Verheißungen. Heute lehren mich die Erfahrungen der Vergangenheit, dass wir das Geschehene nicht einfach so abschütteln können. Einmal eingeschlagene Richtungen lassen sich nicht ohne weiteres ändern und vieles von dem, was uns widerfährt, steht nicht in unserer Macht.
Ich bin erwachsen und Realist. Trotzdem: Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt Hermann Hesse. So auch dem Beginn des neuen Jahres 2019. Eine Hoffnung, dass mein Leben, das oft eingefahren und fremdbestimmt ist, eine überraschende und beglückende Wendung nehmen könnte. Wie ein Geschenk des Himmels ... Eine meiner Lieblingsstellen der Bibel bestärkt mich darin. Im Jesaja-Buch sagt Gott zu den Menschen: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein.“ Und dann spricht er von etwas Schönem, von einem Weg durch die Wüste und vom Wasser, das die durstigen Wüstenreisenden tränkt. 2018 endet, 2019 steht vor uns. Die Erfahrung lehrt, dass unrealistische Erwartungen an das neue Jahr vor allem Enttäuschung hervorbringen. Die Hoffnung lehrt, dass es nie zu spät ist für etwas Neues.

Hartmut Lütge, Pfarrer