„Haben uns teuer verkauft“

Sven-Sören Christophersen über Final Four, EHF Cup und Belastungssteuerung

Nach dem REWE Final Four ist für die TSV Hannover-Burgdorf in dieser Saison vor dem EHF Cup. Im Anschluss an die Länderspielwoche, in der DIE RECKEN insgesamt sechs Spieler abstellen, kommt es im Viertelfinale zum Duell mit den Füchsen Berlin. „Wir müssen unser bestes Gesicht über 120 Minuten zeigen, um eine Chance auf das Weiterkommen zu haben“, erklärt Sven-Sören Christophersen. Im Exklusiv-Interview mit www.die-recken.de wirft der sportliche Leiter neben dem EHF Cup auch nochmal einen Blick in den Rückspiegel und spricht über das Wochenende in Hamburg und analysiert die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft.

Sven-Sören Christophersen über…

…die Leistung der Mannschaft beim REWE Final Four:
„Meine erste Gefühlslage direkt nach dem Halbfinale war sehr gemischt, denn die Enttäuschung bei uns war überall zu spüren und greifbar. Rückblickend müssen wir aber konstatieren, dass wir uns sehr teuer verkauft haben. Wir haben, mit einem Schuss subjektiver Wahrnehmung, das spannendste Spiel geliefert und ein Einzug ins Finale wäre mit Sicherheit nicht unverdient gewesen. Wir haben bewiesen, dass unsere zweite Teilnahme in Folge kein Zufall war und können daher auch mit einer gewissen Portion Stolz auf das Wochenende zurückblicken.“

…die Diskussionen um den Videobeweis:
„Die jetzt aufkommenden Diskussionen sind auf unsere Situation am Wochenende leider nicht mehr anwendbar. Es ist aber gut, dass die Liga und auch die Verantwortlichen auf konstruktive Kritik entsprechend positiv reagiert haben und den Videobeweis weiterentwickeln wollen. Gerade für Situationen kurz vor der Halbzeit oder zum Spielende hin, ist der Einsatz technischer Hilfsmittel sinnvoll und würde die Verantwortlichen entsprechend entlasten. Wenn die Technik entsprechend eingesetzt wird, wird der Sport auch gerechter. Das kann man beispielsweise im Tennis an der Hawkeye-Technologie festmachen.“

…zur Leistung der Schiedsrichter am Wochenende:
„Ich bin kein Freund davon, immer mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir haben selbst genug Fehler gemacht, die uns um die Endspielteilnahme gebracht haben. Ich hatte aber am gesamten Wochenende das Gefühl, dass es sehr emotional zuging. Natürlich stehen die Trainer und die Verantwortlichen unter einer großen Anspannung und suchen Ventile, wo dieser Druck entweichen kann. Im Fußball kanalisiert der vierte Offizielle zumeist diese Emotionen und hat mehr eine deeskalierende Wirkung. Vielleicht brauchen wir so etwas im Handball auch oder müssen diese Rolle verstärkt der Spielaufsicht andenken, denn wenn mit Emotionen auf Emotionen reagiert wird, führt das in der Regel nicht zur Entspannung der Situation.“

…die Belastungssteuerung im Handball:
„Das Grundproblem ist, dass die Belastungssteuerung nicht stimmt. Das heißt, die Verhältnismäßigkeit zwischen Spielen und Regeneration sind nicht im Einklang. Es ist kein Problem, dass die Spieler vermehrt spielen müssen, aber es gibt fast keine Pausen mehr und die Spieler schleppen kleinere Verletzungen über mehrere Wochen mit sich herum und kurieren diese nicht aus. Diese längeren Ruhephasen am Stück, am besten im Sommer, gilt es zu finden und in den Rahmenterminplan einzubauen, damit die Spieler auch mal ihre Wunden lecken können. Dazu bedarf es einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller relevanten Parteien.“

…die kurze Vorbereitungszeit auf die Spiele gegen die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin:
„Unser Trainerteam wird den gesamten Kader voraussichtlich erst am Montagabend wieder beisammenhaben. Natürlich stellt die Vor- aber auch Nachbereitung auf die Spiele die Trainer dann vor eine gewisse Herausforderung. Wir haben das Spiel im EHF Cup aber so terminiert, dass wir einen Tag mehr frei haben. Glücklicherweise treffen wir mit den Füchsen Berlin auf eine deutsche Mannschaft, die dieselben Voraussetzungen hat wie wir.“

…die Chancen gegen die Füchse Berlin:
„Wenn wir die Leistung aus den beiden letzten Gruppenspielen im EHF Cup und vom Wochenende beim Final Four zeigen können, sind wir schwer zu bespielen. Das sagen auch andere Mannschaften über uns. Wir müssen unser bestes Gesicht über 120 Minuten zeigen, um eine Chance auf das Weiterkommen zu haben. Wir haben außer gegen Benfica Lissabon wenig Erfahrungen mit dem Modus von Hin- und Rückspiel, sondern hatten meistens „do or die“ Aufgaben zu lösen. Es steht für mich aber außer Frage, dass wir zwei Mal innerhalb von nur kurzer Zeit, garniert von Aufgaben in der DKB Handball-Bundesliga, auf sehr hohem Niveau agieren müssen.“

…das Rückspiel in Berlin:
„Das ist zumindest kein Vorteil, aber wir haben auch in Lissabon bewiesen, dass wir unter Druck in einem Auswärtsspiel eine Runde weiterkommen können. Trotzdem sind die Füchse natürlich ein anderes Kaliber. Ich kann mich an zwei Spiele erinnern, in denen sie einen großen Rückstand aufgeholt haben. Einmal gegen Ademar Leon (11 Tore) und im letzten Jahr gegen RK Nexe (8 Tore), so dass das im Rückspiel sehr schwer für uns wird. Zunächst wird es aber darum gehen, in Hannover ein gutes Ergebnis vorzulegen.“

…die konstant starken Leistungen von Timo Kastening:
„Es ist sehr beeindruckend, was Timo da Woche für Woche auf dem Spielfeld abliefert. Er spielt sehr konstant und hat definitiv den nächsten Schritt in seiner Entwicklung vollzogen, was ja auch mit dem ersten Länderspiel im März gegen die Schweiz honoriert wurde. Ich hätte mir gewünscht, dass Bundestrainer Christian Prokop ihn auch für den aktuellen Lehrgang berücksichtigt, so dass Timo die nächsten Länderspiele hätte machen können.“

…die Qualispiele der Nationalmannschaft:
„Die Nationalmannschaft kann am Wochenende bereits die Qualifikation für die EM 2020 eintüten. Der deutliche Erfolg in Polen zeigt, dass die deutsche Mannschaft insgesamt wieder auf einem guten Weg ist und bestätigt nochmal die positiven Eindrücke der Heim-WM im Januar.“