"Anwälte stehen in den Startlöchern"

Infoveranstaltung der BI contra Tierfabriken gut besucht

Rodewald. Mit über 160 Besuchern zieht die „Bürgerinitiative contra Tierfabriken in Rodewald (BI)“ eine positive Bilanz unter ihren am vergangenen Freitag im Binderhaus veranstalteten Informationsabend im Zusammenhang mit dem geplanten Bau zweier Hähnchenmastställe mit insgesamt 78.000 Tieren in Rodewald.
Neben den geladenen Gästen mit den beiden Samtgemeindedirektoren Hoffmann (Steimbke) und Gehrs (Schwarmstedt), einigen Ratsmitgliedern aus Rodewald und den umliegenden Gemeinden sowie den Vertretern der regionalen Presse freute sich Herwig zum Berge, Sprecher der BI, auch viele Landwirte aus Rodewald und Umgebung begrüßen zu dürfen. Sie waren der Einladung der BI gefolgt, sich mittels der Vorträge der beiden eingeladenen Referenten sachlich fundiert zu informieren.
Die BI, die seit ihrer Gründung im November vergangenen Jahres mittlerweile über 120 Mitglieder zählt möchte mit ihrer Arbeit in erster Linie die Öffentlichkeit auf die negativen Auswirkungen der Industrialisierung in der Tierhaltung durch Großmastbetriebe ab 39.000 Hähnchen pro Stall aufmerksam machen und sensibilisieren. Neben überregionalen Aspekten wie der artgerechten Tierhaltung und der derzeit stark in Verruf geratenen Qualität des Fleisches aus Großmastbetrieben die nun auch in Rodewald Einzug halten sollen, ergeben sich für die besorgten Anwohner insbesondere Fragen nach der Minderung ihrer Lebensqualität durch Verkehr und Geruch sowie der Gefährdung ihrer Gesundheit durch die Keimbelastung in Luft und Boden.
Mit dem Referenten Dr. med. Thomas Fein, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Norden, konnte die Bürgerinitiative einen Fachmann gewinnen, der am Freitagabend kompetent zu genau diesem Thema Auskunft geben konnte. Dr. Fein stellte die von ihm und zwei weiteren Ärzten verfasste Studie zum Thema „Gesundheitsgefährdung durch Hähnchenmastanlagen der Intensivtierhaltung“ vor. Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass sowohl in der Stallluft von Hähnchenmastanlagen als auch in deren Umgebung eine starke Belastung durch Bioaerosole, Biotoxine und Keime nachweisbar ist. Diese sehr widerstandsfähigen und entzündungsfördernden Substanzen, die z. B. eine Verschlechterung der Lungenfunktion, Schleimhautentzündungen und Asthma auslösen können, sind in der Umgebung von Mastanlagen noch lange nach der eigentlichen Emission nachweisbar. Darüber hinaus stellt der Kot der Tiere nachweislich eine der stärksten Gefahrenquellen dar. Auch die Transportfahrzeuge werden während des Tiertransports hochgradig mit Ausscheidungen und Bakterien kontaminiert.
Ein weiteres großes Problem der Intensivtierhaltung liegt im hohen Antibiotikaeinsatz und der daraus resultierenden Entwicklung sogenannter Resistenzen. Aufgrund einer oft viel zu kurzen Behandlungsdauer von nur 1-2 Tagen mit bis zu acht unterschiedlichen Wirkstoffen pro Mastdurchgang sind in der Massentierhaltung alle Voraussetzungen für die Entstehung von resistenten Bakterienstämmen gegeben, die von dort auf den Menschen übertragen werden können. Auf die sogenannten MRSA- und ESBL- Keime sind mittlerweile 500.000 Erkrankungen pro Jahr mit bis zu 15.000 Todesfällen zurückzuführen. Im Falle einer Behandlung blieben teils bis zu acht verschiedene Antibiotika wirkungslos, stark eingeschränkte Therapiemöglichkeiten sind die Folge. In der Humanmedizin muss immer häufiger zur „letzten Reserve“ gegriffen werden, welches das Risiko der Entwicklung weiterer Resistenzen birgt. Dr. Feins Fazit des Abends: „Das billige Fleisch kommt uns teuer zu stehen““.
Unterstützt wurde der Humanmediziner an diesem Abend von Eckehard Niemann als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.v., der an seinen Berufskollegen appellierte den Stall nicht zu bauen. Mit dem hohen finanziellen Risiko einer Investitionssumme von 1,2 Mio. EUR bei ca. 36.000 EUR Gewinn pro Jahr liegt die Zukunft der Landwirtschaft keinesfalls in der Hähnchenmast. „Laut Landwirtschaftskammer verdiente ein Mäster im Durchschnitt fünf bis sechs Cent pro Hähnchen. Das waren die guten Zeiten“, so Niemann, „aufgrund der Masse an Mastställen deren Bau aktuell noch geplant ist, ist jedoch ein ruinöser Preiskampf vorprogrammiert“.
Auf die Frage aus der Zuhörerschaft was man als Bürger konkret gegen den Bau der beiden Mastställe tun kann, antwortete Herwig zum Berge: Sobald die Antragsunterlagen vollständig sind, werden diese öffentlich ausgelegt. Jeder, der sich aufgrund des Baus der Mastställe beeinträchtigt sieht, kann bei der Genehmigungsbehörde Einwendungen erheben. Darüber hinaus informierte zum Berge, dass Anwälte in den Startlöchern stehen, um die Antragsunterlagen auf sachliche Richtigkeit zu prüfen und gegebenenfalls Widerspruch einzulegen.