Eva Hanel referiert im Uhle-Hof

Sieglinde Wegener (von links), Jürgen Hildebrandt, Nicole Mittelstaedt und Volker Banschbach aus dem Vorstand des Präventionsrats nehmen die Referentin Eva Hanel nach dem Vortrag im Uhle-Hof in ihre Mitte. 

Thema war „Raus aus den Windeln – Rein in die Medienwelt?!“

Schwarmstedt. Ab welchem Alter kann ich meinem Kind ein Smartphone geben? Wie lange sollte mein Kind Bildschirmmedien nutzen? Wie kann ich mein Kind vor nicht altersgerechten Filmen und Bildern schützen? Der Präventionsrat der Samtgemeinde Schwarmstedt hatte nach einer Bedarfsermittlung in den Kindertagesstätten die Medienreferentin Eva Hanel von der Landesbehörde Jugendschutz Niedersachsen für einen Vortrag mit dem Titel „Raus aus den Windeln – Rein in die Medienwelt?!“ gewinnen können. Nach der Begrüßung durch Volker Banschbach, den Vorsitzenden des Präventionsrates, ging sie auf die Themen Filme, Fernsehen, Smartphone und Apps ein und gab den über 60 Besuchern im Uhle-Hof wichtige Tipps und Antworten auf individuelle Fragen. Hanel begann damit, die Änderungen des kindlichen Alltags zu schildern. Konnten sich die Kinder in den 60er Jahren noch mehrere Kilometer frei bewegen, ist der Radius heutzutage oft auf 500 Meter beschränkt. Zwar hat sich in den letzten Jahren die Verweildauer vor dem linearen Fernsehen verkürzt, aber die mobile Mediennutzung kommt hinzu. Für Eltern sind Medien ein bequemer Babysitter, wie man in Wartezimmern gut beobachten kann. Auch eignen sie sich als effektives Sanktionierungsmittel, denn sie üben eine hohe Faszination auf Kinder aus, wobei Verbote sie noch interessanter machen. Dass Mediennutzung Freude und Entspannung aber auch Stress und Ärger bringen können, gilt es, den Kindern zu vermitteln. Noch interessieren 6-13-Jährige besonders Freunde und Freundschaft. Aber an zweiter Stelle steht bereits das Handy beziehungsweise Smartphone und erst dann kommt Sport. Erschreckend ist der 20-prozentige Anstieg der Mediennutzung auf 160 Minuten täglich, wie eine Studie in dieser Altersklasse 2016 und 2018 ergab. Altersfreigaben von Medien, so betonte Eva Hanel, sollen zur Orientierung dienen, ob Kinder durch die Inhalte gefährdet sind. Sie stellen keine Empfehlung dar und weisen nicht darauf hin, dass die Kinder die Filme verstehen. Die anwesenden Eltern und Erzieher erfuhren, dass Kinder unter drei Jahren mit allen Sinnen die reale Welt sechs Jahren ist ebenfalls nicht sinnvoll. Sie nehmen das Dargestellte für bare Münze, wodurch Gewalt und Beziehungskonflikte gefährliche Ängste auslösen. Erst ab dem Alter von neun Jahren entwickelt sich langsam ein Verständnis für den Unterschied von echt und Fiktion. Problematisch sind dann exzessive Gewalt und soziale Konflikte (Familie, Geschwisterstreitigkeiten, Scheidungen), die Kinder irritieren und Angst machen. Weil Nachrichtenbilder über Unfälle und Umweltkatastrophen der Erlebniswelt der Kinder sehr nahe sind, können sie nur schlecht ertragen werden. Daher forderte die Referentin: „Die Tagesschau ist kein Kinderfernsehen!“ Bei der FSK kann man online oder in der App Erklärungen nachlesen, die zu Alterseinordnungen von Filmen geführt haben. Auch die in Kitas erhältliche Zeitschrift „Flimmo“ bietet Eltern eine gute Orientierung durch Beurteilungen des Fernsehangebots. Deutliche Veränderung wünscht man sich auch in der Darstellung von Männern und Frauen, die in Trickfilmen unrealistisch „körperoptimiert“ werden. Außerdem sind Frauen deutlich unterrepräsentiert, was sich daran zeigt, dass in Kinderfilmen eine Frau drei Männern, in Fantasyfilmen sogar neun Männern gegenüber steht. Es sei nicht hinnehmbar, dass den Kindern die Welt im Fernsehen fast nur von Männern erklärt wird.
Auch bei Smartphones ist in den letzten zwei Jahren eine starke Zunahme zu verzeichnen: besaßen in 2016 noch 51 Prozent der 12- bis 13-Jährigen eines, so waren es im letzten Jahr bereits 77 Prozent. Dass mehr als die Hälfte ihr Smartphone auch als Wecker nutzen, weist darauf hin, dass sie es bis zum Einschlafen bei sich haben, was abgesehen von der Strahlung auch durch die Lichtfrequenz zu schlechterem Einschlafen führt. Bei der Nutzung von Apps folgt bei den Kindern und Jugendlichen auf Whatsapp direkt YouTube, da man dort durch die Kommentare den Stars gefühlt viel näher kommt. Mittlerweile haben viele Jugendliche sogar den Wunsch von Beruf Influencer zu werden. Vor dem Hintergrund der Datensammlung wurde als Anregung dem Publikum mitgegeben, darüber nachzudenken, alternative Suchmaschinen und Messenger zu nutzen, die App-Berechtigungen insbesondere von Kontakten, Standort und Speicher einzuschränken und Suchdienste über Browser statt über App zu nutzen. Auch Apps haben mittlerweile Alterskennzeichen und durch Jugendschutzeinstellungen ist es möglich, Herunterladen auf das Smartphone der Kinder zu verhindern sowie teure In-App-Verkäufe zu unterbinden. Auf das gefährliche Prinzip vieler Spiele wie Fortnite wurde hingewiesen, bei dem es kostenlos ist zu spielen, aber man quasi bezahlen muss, um zu gewinnen. So müsse zum Beispiel für weitere virtuelle Leben, ein Pony oder Diamanten gezahlt werden. Das könnte den Kindern allerdings erlaubt werden, wenn sie es mit ihrem Taschengeld bezahlen.
In weiteren Tipps riet die Diplom-Pädagogin, für die Kinder ansprechbar und ein Vorbild zu sein – „Haben Sie heute schon mit ihrem Kind gesprochen?“. Das Smartphone sei für Kinder zu entzaubern, indem es als Werkzeug für den Alltag (Termine, Absprachen, Navigation) erklärt wird, das nicht nur zum Spaß und zur Unterhaltung dienen soll. Es sollten Medienzeiten mit Kindern vereinbart werden. Die Bundeszentrale empfiehlt als Höchstgrenze 30 Minuten pro Tag für 3- bis 5-Jährige, eine Stunde für Sechs- bis Neunjährige und ab zehn Jahren pro Woche gut verteilt neun Stunden, wobei Hörbücher explizit nicht dazu zählen. Statt YouTube bietet sich YouTube Kids oder noch besser gar kein YouTube an. Es gelte Alternativen zu finden, nämlich Zeit für Spiele, Sport und Freunde. Hilfreiche Informationen über Medien kann man finden unter flimmo.de, schau-hin.info, klicksafe.de, internet-abc.de, fsk.de oder computerspieleratgeber-nrw.de. Das Thema Computerspiele ist so umfangreich, dass der Präventionsrat überlegt, einen separaten Vortragsabend zu organisieren.
Und ab wann kann ich nun meinem Kind ein Smartphone geben? Die Empfehlung lautete: erst ab der fünften Klasse, aber ausreichend vor dem Schuljahresbeginn, damit sich das Kind daran gewöhnen kann. Und wie kann ich die Geräte so einstellen, dass die Kinder vor Gefahren geschützt werden? Auf diese Frage aus dem Publikum empfahl Eva Hanel abschließend Klicksafe, wo es Anleitungen gibt, „mit dem das wirklich jeder hinbekommt!“ Die Beurteilung des Abends durch die Anwesenden mittels Klebepunkten und Kommentarmöglichkeit am Ausgang zeigte dem Präventionsrat, dass der Vortrag gut angekommen ist und den Anwesenden eine Orientierung gegeben hat, wie sie ihre Kinder schützen können.