Fliegerangriff in Buchholz am 5. April 1945

Die Zeitzeugin A.M.L. als Neunjährige.
 
Luftaufnahme: Auf diesem Foto von 1945 erkennt man die Bahnlinie mit Buchholzer Bahnhofsgebäuden und die Hofstelle Kolze als Trümmerfeld.
 
Familie Kolze: von links Sohn Siegfried, Mutter Alwine, Vater Ludwig und Tochter Hildegard Familie Kolze (Bertine, Ludwig und Alwine sowie die Kinder Siegfried und Hildegard) wurde zunächst bei der Verwandtschaft auf Thiessen Hof untergebracht, später dann bei anderen Verwandten auf der Kegelbahn bei Gastwirt Heinrich Lohmann. Im Juni 1947 konnte Familie Kolze das neu errichtete Haus beziehen.

Joachim Plesse lässt Zeitzeugen zu Wort kommen

Buchholz. Vor 75 Jahren am 5. April1945 beschoss ein britischer Jagdbomber Güterwaggons auf dem Buchholzer Bahnhof. Eigentlich war es meine Absicht am 5. April diesen Jahres den zehnten Bildervortrag zur Buchholzer Dorfgeschichte zu halten. Aber aufgrund der Coronapandemie ist das ja leider nicht möglich. Mit etwas „Lesestoff“ möchte ich dazu beitragen, das dem einen oder anderen zu Hause durch die doch sehr eingeschränkten Kontakte doch nicht ganz so langweilig wird. Deshalb habe ich mich entschlossen, auszugsweise von dem schrecklichen Ereignis kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Den Vortrag mit vielen historischen Bildern und Zeitzeugenberichten wird der Chronist zu gegebener Zeit nachholen.
Joachim Plesse



Wir schreiben den 5. April 1945. Wir sind nunmehr schon im sechsten Kriegsjahr. Die militärische Lage war hoffnungslos. Ab dem 4. April 1945 wurde der nordwestdeutsche Raum von der 21. Armeegruppe unter dem britischen Feldmarschall Montgomery besetzt. Die Angriffe der 21. britischen Armeegruppe wurden meistens durch Jagdbomber unterstützt. So waren gerade Bahnhöfe immer wieder bevorzugte Angriffsziele aus der Luft, da man gerade auf den Güterbahnhöfen Nachschub für die deutschen Truppen vermutete.

Zeitzeuge A. M. L. erinnert sich:
„Ich war damals gerade einmal neun Jahre alt. Der 5. April 1945 war ein schöner Tag, die Sonne schien bereits früh morgens. Wir hatten die Arbeiten im Viehstall schon gemeinschaftlich erledigt. Danach wurde gefrühstückt, zusammen mit meiner Mutter Lina, Vater Fritz und Großvater Heinrich. Meistens aßen wir Brot mit Rübensirup, manchmal auch selbst gemachte Butter darunter. Der Rübensirup wurde in einer großen Schale auf den Tisch gestellt. Daraus konnte sich dann jeder bedienen. Nach dem Frühstück packte ich meinen kleinen Schulranzen und verabschiedete mich bei Mutter Lina. Ich verließ unser Haus in aller Regel durch die große Dielentür zur Nordseite. Seit einiger Zeit ging ich immer erst zu Rosi, um sie zur Schule abzuholen. Rosi wohnte erst seit ein paar Wochen bei uns in der Nachbarschaft. Sie war genau wie ich neun Jahre alt. Sie kam aus Düsseldorf und wir hatten uns angefreundet. Ich klopfte an Rosis Haustür, öffnete die Tür und ging hinein. Im selben Augenblick gab es einen lauten, dumpfen Knall. Der Spiegel im Flur fiel von der Wand und platzte in tausend Stücke. Ich erschrak, bekam Angst und lief sofort zurück über die Straße auf unseren Hof. Ich traute meinen Augen nicht, was ich im nächsten Augenblick zu sehen bekam. Fast von unserem gesamten Haus waren die Dachziegel abgedeckt. Sie lagen rings ums Haus verstreut und so dicht an der Dielentür, das diese sich nicht mehr öffnen ließ. Vor ein paar Minuten war ich da gerade noch problemlos durchgegangen. Was war nur geschehen? Ich hatte keine Vorstellung“.
Eine Antwort darauf was passiert war, finden wir in der Festschrift
der Buchholzer Feuerwehr zum 75-jährigen Jubiläum. Ich zitiere den Chronisten:
„Wenige Tage vor dem Einmarsch englischer Truppen erschütterte eine furchtbare Explosion unser Dorf. Auf einem Abstellgleis des Buchholzer Güterbahnhofs standen zwei
Waggons mit Munition. Die Engländer, so der Chronist, hatten damals die
Luftüberlegenheit über unseren heimatlichen Raum, sie griffen alle möglichen Ziele an. Ein englischer Jagdbomber beschoss die beiden Waggons auf dem Abstellgleis und traf sie. Es erfolgte eine ungeheure Explosion. Das Kolzesche Gehöft - Wohn-, Stallgebäude und Scheune waren vollkommen zerstört. Der zum Teil zerstörte Schweinestall brannte. Die Buchholzer Feuerwehr (einige ältere Buchholzer Bürger) konnten den Brand löschen.“ Zitat Ende.


Foto 2


Zeitzeuge A. M. L. erzählt weiter:
„Meinen Eltern und meinem Großvater war Gott sei Dank nichts passiert, aber die Schale mit dem leckeren Sirup, die war in 1000 Stücke zersprungen. In den folgenden Tagen wurde mit Hilfe der Nachbarn unser Haus mit den Dachpfannen des Schafstalls wieder eingedeckt und so konnten wir schon nach wenigen Tagen wieder in unser Haus einziehen.
Anders erging es der Familie Kolze. Von den Gebäuden auf Kolzes Hofstelle war außer einem großen Schutthaufen nichts übrig geblieben“.
Wo war Kolzen Bertine? Keiner der zu Hilfe geeilten Buchholzer hatte sie gesehen?
Auch bei der vom Felde zurückgekehrte Familie Kolze war sie nicht. War sie etwa unter den Trümmer verschüttet? Reßmanns Vater war einer der ersten, der mit der Suche nach Kolzen Bertine begann. Er soll dann im Trümmerfeld ein Wimmern vernommen haben.
Und, tatsächlich. Man fand Oma Bertine in einem Hohlraum.

Zeitzeuge A. M. L. erzählt weiter:
„Reßmanns Vater soll sie zunächst an ihren langen weißen Haaren gefasst haben, vermutlich um sie zu beruhigen. Mit Hilfe der anderen Nachbarn und Enkel Siegfried Kolze wurde Kolzen Bertine schließlich gerettet.“


Foto 3 Bahnhofsgebäude



Zeitzeuge. Auch der 85 jährige G. P. kann sich noch gut erinnern:
„Das massive Bahnhofswohnhaus hatte kaum Schaden genommen, wohl aber das davor stehende Abfertigungsgebäude. Es war zur Ostseite eingefallen.
An den Wohngebäuden, aber auch an den Wirtschaftsgebäuden im Ort waren überall Schäden am Dach. Zur Reparatur der Dächer der Wohnhäuser wurden die Dachpfannen der Nebengebäude verwendet, sodass es zunächst nicht in die Wohnhäuser rein regnen konnte“.

Zeitzeuge. Die heute 88 jährige L. W. berichtet
„ Wir wohnten mit meinen Eltern bei H. V. zur Miete. Es war einen oder zwei Tage nach meiner Konfirmation. Die neu konfirmierten Kinder hatten schulfrei. Das nutzten wir natürlich aus, um ein wenig länger zu schlafen.
Aber das ging an diesem Morgen nicht so richtig, denn den ganzen Morgen hörte ich – mal etwas lauter, dann wieder weiter weg und leiser - Motorengeräusche von englischen Fliegern.
Ich war an diesen Morgen noch im Bett, als die Fliegergeräusche immer lauter wurden und plötzlich eine Detonation V. Haus erschütterte. Im selben Augenblick zerbarsten die Schlafzimmerfenster. Ich konnte gerade noch rechtzeitig die Bettdecke über meinen Kopf ziehen, um mich vor den herumfliegenden Glassplittern zu schützen. Aber zum Glück war mir nichts passiert. „Einige Tage später erreichten die ersten feindlichen Truppen Buchholz. Ich erinnere mich an einen Panzer, der einige Tage nach der Explosion auf dem Buchholzer Bahnhof plötzlich im Garten von H. V. stand. Wir fragten den Fahrer des Panzers, ob wir nun das Haus verlassen müssten. Sinnbildlich bekam sie zur Antwort: „ Ihr könnt bleiben oder Euch zum Teufel scheren.“ Dann fuhr der Panzer weiter, überquerte die heutige Dorfstraße und machte seinen nächsten Halt auf „Bölken Hof “ gegenüber auf der Wiese.“

Weitere Zeitzeugen kommen beim nächsten Vortrag zu Wort.