Freitags wird die Welt gerettet

Ein Stadt-Diorama entsteht.

Zukunftsweisende Projekte an der Grundschule Buchholz

Buchholz. Rechnen, schreiben, lesen – das sind einige der Dinge, mit denen sich Grundschülerinnen und -schüler Tag für Tag beschäftigen. Das ist auch an der Heinz-Heyder-Schule Buchholz so. Doch an den Freitagen läuft der Unterricht dort etwas anders ab. Dann wird die Welt gerettet.
Freitagmorgen in der Buchholzer Schule. Die Türen der Klassenzimmer stehen offen, kindliches Stimmengewirr dringt auf die Flure. In den Räumen sind die kleinen Stühle größtenteils verwaist, stattdessen beschäftigen sich die Pennäler und Pennälerinnen in kleinen Gruppen mit diversen Projekten. Die einen bauen ein Insektenhotel, andere bemalen ein Hochbeet oder basteln ein Stadt-Diorama, mithilfe dessen sie die Auswirkungen einer Ölkatastrophe anschaulich darstellen möchten.
So geht es zu, wenn an der Einrichtung der wöchentliche „Freiday“ angesagt ist. Dabei handelt es sich um ein Lernformat, das wenigstens vier Stunden pro Woche umfasst. In dieser Zeit beschäftigen sich die Kinder in interessenorientierter Projektarbeit mit Zukunftsfragen. In Einzel- oder Teamarbeit sollen dabei jahrgangsübergreifend selbstständig Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit erarbeitet werden. „Es ist wichtig, dass die Kinder erfahren, was sie für die Welt tun können“, unterstreicht Schulleiterin Sabine Müller.
Auf der Grundlage der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, der sogenannten „17 Goals“, geht es um bedeutsame Themen wie Ökosysteme, Umweltverschmutzung, Ernährung, Armut, Frieden, globale Partnerschaften, nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen, nachhaltige Energien oder die Bekämpfung des Klimawandels.
Jedes Kind entscheidet dabei an jedem Freitag selbst, welchem Thema es sich auf welche Art und Weise widmen und Lösungen erarbeiten möchte. „Ziemlich angesagt sind derzeit die Stop-Motion-Videos, die die Schülerinnen und Schüler mit Tablets erstellen“, weiß Sabine Müller. Dabei handelt es sich um kleine Filme, die aus aneinandergereihten Bildern bestehen.
Aber an „FreiDays“ sind auch bereits Nistkästen, Hochbeete als Blühwiesen und Regenwald-Modelle entstanden. Wie einfach Umweltschutz sein kann, wurde außerdem deutlich, als sich ein Schüler einfach eine lange Zange schnappte und vor dem Buchholzer Schulgebäude Müll einsammelte.
„Es ist faszinierend zu sehen, wie die Kinder beginnen, ihre Leidenschaften zu entdecken und erkennen, wofür sie sich einsetzen möchten. Diese Selbstwirksamkeitserfahrung bringt den größten Lerneffekt, denn sie merken, dass sie gehört werden und etwas bewirken. Außerdem wird deutlich, welch einen Schatz an Allgemeinwissen viele mit sich herumtragen. Dieses Wissen zum Ausdruck zu bringen, ist für alle Beteiligten eine bedeutende Erfahrung“, so Sabine Müller.
Vor der Umsetzung der einzelnen Projekte steht selbstverständlich eine sorgfältige Recherche. „Das wiederum fördert die Medienkompetenz“, betont die Pädagogin.
Ihr ist es besonders wichtig, dass die „FreiDays“ nicht als Basteltage gesehen werden, sondern als Tage, die nachhaltig etwas bewirken und die Menschen wachrütteln sollen. Das ist auch der Grund, warum Inhalte der „FreiDays“ möglichst häufig in die Öffentlichkeit getragen werden, zum Beispiel in Form von Plakaten, die die Kinder entworfen haben.
Die 108Schüler, das achtköpfige Lehrerkollegium sowie die neun Ganztagskräfte sind mit großem Eifer bei der Sache, und auch der Elternförderverein der Schule unterstützt die „FreiDays“ zum Beispiel mit Materialspenden.
Dennoch wurde anfangs auch Kritik an den Umwelt-Freitagen laut. Der häufig geäußerte Vorwurf: Durch Corona und den dadurch bedingten Wechselunterricht seien zahlreiche Unterrichtsstunden ausgefallen, die man jetzt nachholen müsse.
„In den Hauptfächern waren wir thematisch noch nie so weit wie in diesem Schuljahr. Das liegt zum einen daran, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben im Homeschooling zuverlässig erledigt haben und von den Eltern toll unterstützt wurden. Ein anderer Grund ist die Tatsache, dass wir monatelang fast ausschließlich die Hauptfächer unterrichtet und in der halben Klassenstärke einfach mehr geschafft haben. Außerdem hatten wir keine Zeit für außerschulische Aktivitäten“, unterstreicht Sabine Müller.
Die Einführung der „FreiDays“ war in Buchholz gleichzeitig der Startschuss für die Bewerbung als „Zukunftsschule“, einem Modellprojekt des niedersächsischen Kultusministeriums. In diesem Rahmen werden bis zu 20 Schulen bei ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung mit den Schwerpunkten „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) sowie „Demokratiebildung“ intensiv im Prozess begleitet.
Jede teilnehmende Schule kann in diesem Projekt pädagogische Ansätze erproben, die einen innovativen Gestaltungsspielraum beschreiben und über einen bisher definierten pädagogischen Rahmen in den Bereichen BNE und Demokratiebildung hinausgehen.
Dazu entscheidet sich jede Schule für ein innovatives Entwicklungsziel, das sie im Rahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung umsetzen möchte und bewirbt sich mit einer kurzen Projektskizze zu dem entsprechenden konkreten Vorhaben.
In Buchholz hat man in der nahen Zukunft noch einiges vor. So soll die Heinz-Heyder-Schule eine „Ackerschule“ werden. Dabei handelt es sich um ein zertifiziertes Programm für Bildung und Ernährung der „Gemüseackerdemie“ Potsdam. Im Klartext: Auf einer 400 Quadratmeter großen Fläche neben der Mensa sollen die Schülerinnen und Schüler nach den Sommerferien damit beginnen, Gemüse anzubauen.
Steht im nächsten Jahr die Ernte an, sollen die Erträge an der Schule verspeist werden. „Aufgrund der zu erwartenden Menge können wir uns aber auch vorstellen, überschüssiges Gemüse zu vermarkten und den daraus resultierenden Gewinn sinnvoll einzusetzen“, blickt Sabine Müller nach vorne. Unterstützt wird das Vorhaben von der AOK sowie dem Elternförderverein.
Zu guter Letzt ist auch ein Schulbauernhof mit Ziegen, Hühnern und Schafen in Planung – ein Vorhaben, das mithilfe eines Förderprojekts „75 Jahre Niedersachsen“ umgesetzt werden soll. „Das funktioniert bei uns nur, weil Kollegium und Elternschaft dahinter stehen. Schließlich muss die Versorgung der Tiere das ganze Jahr über täglich gewährleistet sein“, lächelt Sabine Müller.
Auf dem Schul-Bauernhof, Träger soll der Elternförderverein sein, sollen die Kinder nicht nur Allerlei über die Tiere und deren Haltung lernen; die Tätigkeiten sollen auch dem Unterricht zugute kommen. „Zum Beispiel, wenn mit den Schafen ausschließlich Englisch gesprochen wird“, schmunzelt die Schulleiterin.
Nicht zuletzt ist dieses Vorhaben – wie auch die „FreiDays“ und die Ackerschule – als Inklusionsprojekt bestens geeignet. Sabine Müller: „Jedes Kind kann seinen individuellen Beitrag leisten. Und das ist doch wunderbar.“