Projekt Dunkelfeld an der Medizinischen Hochschule in Hannover

Conny Blankenburg und Volker Banschbach sprechen mit Constanze Jakob

Schwarmstedt. Der Präventionsrat der Samtgemeinde Schwarmstedt befasst sich mit vielen Themen, die durch Vorbeugung – Prävention – verhindert oder zumindest abgemildert werden können. Zum Bereich der Gewaltprävention gehört auf jeden Fall der sexuelle Missbrauch; für dieses Thema gibt es im Präventionsrat eine eigene Arbeitsgruppe, die schon mehrere Fachvorträge und auch das Projekt „Mein Körper gehört mir“ nach Schwarmstedt geholt hat.
Um sich weiter zu informieren sind Volker Banschbach und Conny Blankenburg aus dieser Arbeitsgruppe jetzt zu Besuch in der Medizinischen Hochschule bei Constanze Jacob gewesen. Sie erfuhren, dass es in Niedersachsen schätzungsweise 32.000 Männer gibt, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und die möglicherweise eine Pädophilie aufweisen. Die sexuelle Ansprechbarkeit auf ein vorpubertäres Körperschema bildet sich nach derzeitigem Erkenntnisstand wahrscheinlich bereits im Jugendalter aus; es ist strittig, ob sie verändert werden kann. Sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, zum Beispiel durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch die Nutzung oder die Herstellung von Missbrauchsabbildungen im Internet (sogenannte Kinderpornografie) zu verhindern, ist das Ziel des Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“, welches seit 2012 auch in Hannover mit dem Präventionsprojekt Dunkelfeld vertreten ist. Bundesweit hat das Netzwerk mittlerweile zwölf Standorte, an denen Betroffene ein anonymes, kostenloses und unter Schweigepflicht stehendes Therapieangebot zur Verfügung gestellt wird. Dem Motto folgend „Opferschutz durch Täterarbeit“ erhalten die betroffenen Personen, insofern sie die notwendigen Voraussetzungen für eine Therapie aufweisen, Unterstützung, um einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren sexuellen Wünschen und Impulsen gegenüber Minderjährigen zu erlangen, so dass sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, ohne dass die Gefahr von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche besteht.
Cornelia Blankenburg und Volker Banschbach erfuhren von Constanze Jakob, die als Psychologische Psychotherapeutin an der Medizinischen Hochschule Hannover das Präventionsprojekt Dunkelfeld von Beginn an begleitet, viel vom derzeitigen Stand des Projekts. Die Nachfrage Betroffener nach Therapieplätzen ist ungebrochen hoch. Jedoch können in die Therapie netzwerkweit nur Bewerber aus dem sogenannten „Dunkelfeld“ aufgenommen werden, also Personen, die aktuell nicht unter Justizaufsicht (zum Beispiel durch eine laufende Bewährungszeit) stehen und die aus einem eigenem Bedürfnis heraus den Wunsch nach therapeutischer Hilfe verspüren. „Bei Betroffenen, die aktuell justizbekannt (also aus dem Hellfeld) sind, ist die eigene Motivation fraglich. Das Projekt soll denjenigen vorbehalten bleiben, die aus einer inneren, nicht aus einer äußeren Notwendigkeit heraus Hilfe suchen.“. In Hannover nahmen seit 2012 fast 1.800 Interessierte Kontakt zu diesem Präventionsangebot auf. Davon stammten 910 der Anfragen aus der unmittelbaren Zielgruppe. Über 316 Betroffene nahmen bisher das Angebot mit Beratung, Diagnostik und Therapie ganz oder teilweise in Anspruch. Als große Hürde wird im Flächenland Niedersachen die zum Teil große Entfernung vom Wohnort der Teilnehmer bis nach Hannover wahrgenommen. Dies liegt zum Teil daran, dass der Projektstandort Hamburg nur Hamburger Bürger aufnimmt und daher für Niedersachsen keine Alternative darstellt. Ein Thema, bei dem daher immer wieder nach Lösungen gesucht werden muss, sind die Fahrtkosten der Teilnehmer. Obwohl die Therapie selbst kostenlos ist, sind die Fahrtkosten insbesondere für junge Erwachsene mit geringem Einkommen schwer zu finanzieren, denn die Therapie findet wöchentlich über einen Zeitraum von durchschnittlich eineinhalb Jahren statt.
Eine zusätzliche Förderung erhält das Präventionsangebot „Kein Täter werden“ im Rahmen eines fünfjährigen Modellprojekts seit dem 1. Januar von den gesetzlichen Krankenkassen, so dass die Versorgung der Betroffenen für die nächsten Jahre gesichert ist. Erfreulich ist weiterhin, dass nun auch eine anonyme und kostenlose medikamentöse Therapie angeboten werden kann, sowie weitere Therapeuten angestellt werden konnten, so dass das Therapieangebot erweitert werden kann. „In der Behandlung werden insbesondere Risikofaktoren fokussiert, die am stärksten mit einem möglichen sexuellen Missbrauch zusammenhängen. Solche Risikofaktoren können zum Beispiel missbrauchsbegünstigende Einstellungen beziehungsweise gedankliche Verzerrungen sein. Jedoch sehen wir Menschen, welche nicht nur potenziell Leiden schaffen, sondern auch selbst Leidtragende sind. Daher ist es bei „Kein Täter werden“ ein weiteres zentrales Ziel, mit den Teilnehmern die Fertigkeiten zu erarbeiten, die es ihnen ermöglichen, ihre Bedürfnisse auf legalem und prosozialem Weg zu befriedigen und Lebenszufriedenheit zu erreichen.“ Nach persönlichen Erfolgserlebnissen befragt, berichtete Frau Jakob voller Freude: „Es ist ein tolles Gefühl zu sehen, wie die Teilnehmer in ihrem Leben vorankommen, zum Beispiel weil sie alte Verhaltensmuster ablegen können oder sich gegenüber Bezugspersonen, wie ihren Partnerinnen, öffnen. Es berührt mich sehr, wenn die Teilnehmer erleben, dass sie von ihren Familien mit ihrer Neigung, welche sie sich nun einmal nicht ausgesucht haben, akzeptiert werden.“ Sie wünscht sich: „Generell sollten sich Menschen mehr über das Thema informieren, auch wenn sie nicht betroffen sind. Es sollte weniger pauschal Ablehnung und Hass gezeigt werden, damit sich die Betroffenen trauen, sich rechtzeitig therapeutische Hilfe zu suchen. Denn die Betroffenen können nichts für ihre Neigung, für ihr Verhalten müssen sie jedoch Verantwortung übernehmen.“
Weitere Informationen gibt es unter www.kein-taeter-werden.de. Kontakt zum Standort Hannover, zum Beispiel bei Beratungsbedarf, kann via Mail über Dunkelfeld.Info@mh-hannover.de oder unter Telefon (05 11) 5 32 80 52 aufgenommen werden.