Wie viel Fehlzeit bei der Entwicklung meines Kindes kann ich verantworten Medienpädagoge Wilfried Brüning referierte in Schwarmstedt

Medienpädagoge Wilfried Brüning stellt in Kürze einen Film fertig.
Schwarmstedt. Als „Urknall“ bezeichnete Medienpädagoge Wilfried Brüning das Ereignis und den Zeitpunkt, als 1990 die erste Webseite geschaltet wurde. Damit ist eine neue Epoche eingeleitet worden, deren explosionsartige, atemberaubende Entwicklung fast überall bejubelt wird, deren Techniken und Geräte inzwischen zu einem riesigen Handelsvolumen angewachsen sind. Von Kindern immer stärker, zum Teil exzessiv angewendet, von Eltern in Einzelheiten und in ihrer Auswirkung kaum noch erkennbar und oft nur bestaunt, haben uneingeschränkter Medienkonsum und die übermäßige Anwendung von Computerspielen recht negative Auswirkungen auf die Entwicklung besonders der jugendlichen Anwender. Wann ist die „übermäßige“ Anwendung gegeben, was sind die negativen Entwicklungen? Zur Beantwortung dieser Fragen hatte der örtliche Präventionsrat, unterstützt durch die Tagesmütter „Heidezwerge SFA“ wieder einmal Wilfried Brüning als Referent eingeladen. Er machte gleich zu Beginn darauf aufmerksam, dass er bei seiner kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema keinesfalls den Medienkonsum verteufeln wolle. Vielmehr unterscheide er klar zwischen positiven Ergebnissen bei der Nutzung von Medien und den negativen Folgen von uneingeschränktem Medienkonsum. Wie schon in seinem hervorragenden Vortrag „Wege aus der Brüllfalle“ konnte Brüning auch in diesem Jahr mit seinem Referat „Mit fünf habe ich meine Phantasie an Nintendo verkauft“ annähernd 200 Zuhörerinnen und Zuhörer begeistern. Rollenspiele, nachvollziehbare Beispiele, aber auch wissenschaftlich unterlegte Daten schockten die anwesenden Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und machten sie am Ende nachdenklich. Brüning ließ die Teilnehmer aber auch dieses Mal nicht ohne gute Empfehlungen zur Abwehr von Entwicklungsschäden bei Kindern und Jugendlichen nach hause gehen. Erzieher und Lehrpersonal, naturgemäß mit engem Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, stellen bei deren Entwicklung negative Veränderungen fest, die eindeutig auf zu hohen Medienkonsum zurück zu führen sind. Gehirnforscher bestätigen diesen Zusammenhang uneingeschränkt. Studien von Prof. Dr. Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, weisen einen relativ hohen Anteil von inzwischen spielabhängigen Jugendlichen, speziell bei Jungen aus. Warum, so fragt Brüning in seinem Referat, wird vor den Folgeschäden bei Alkohol- und Zigarettenkonsum gewarnt, warum ergehen aber nicht mindestens ebenso klare Warnungen im Zusammenhang mit zu intensivem Medienüberkonsum? Warum ist es so schwierig für Eltern, den Medienkonsum auf ein vertretbares Maß zu reduzieren? Zum einen sehen die Eltern selbst eine solche Forderung nicht ein; sie haben andere Medien kennen gelernt und können die Entwicklung der Medien in der jüngeren Vergangenheit nicht richtig beurteilen. Zum anderen werden die Argumente der jugendlichen Anwender immer geschickter. Freunde und Mitschüler dürfen das auch, die erhalten sogar Computerspiele und Spielkonsolen zum Geburtstag und schließlich müsse man heutzutage „in“ sein. Der pädagogische Rat kann nur sein, Geschenke zu machen, die zu kreativer Freizeitgestaltung anhalten, Fotografieren und dazu Bildbearbeitungsprogramme am Computer oder Bastelartikel. Medienkonsum muss eine untergeordnete Rolle spielen. Das Gehirn ist ein „Sozialorgan“ voller Neuronen, die beschäftigt werden müssen und nach Arbeit rufen, um nicht zu verkümmern. In dem Zusammenhang sehr anschaulich ist die Aussage: Use ist or loose it! Brüning untermauert seine Aussagen gekonnt mit einfachen Beispielen: Ein Kind hat eine Zitrone in der Hand, sieht, spürt, riecht und schmeckt sie – dabei werden mindestens vier Sinne beschäftigt, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken. Ein anderes Kind sieht im Fernsehen eine Zitrone, lediglich der Sehsinn wird angesprochen. Ein weiteres Beispiel ist das aktive Fußballspielen oder der Bau einer Hütte im Wald zusammen mit Freunden. Neben der Beanspruchung verschiedener Sinne stärken reale Aktivitäten auch die Teamfähigkeit, die körperliche Ertüchtigung, das praktisch-taktische Denken und die kindliche Psyche, außerdem die Entwicklung der eigenen Struktur. Dazu gilt: Wissen ist nicht mehr das Wichtigste, Kinder müssen lernen, Wissen ab zu rufen. Und: Ein Gramm Erfahrung ist mehr als eine Tonne Theorie. Es ist falsch, gestressten Kindern gleich nach der Schule eine Computerzeit quasi als Entspannung zu genehmigen. Eine solche Entspannung zu dieser Zeit lässt das gerade Erlernte vergessen, sie verhindert die ungestörte Übertragung des Gelernten aus dem Arbeits- in das Langzeitgedächtnis. Ein übermäßiger Medienkonsum bei Kindern verhindert die für sie wichtige Entwicklung so genannter Metakomponenten wie Wille, Kraft, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Geduld, die allesamt Bausteine der Selbstwirksamkeitskompetenz sind. Wenn Eltern zögern oder nicht in der Lage sind, ihren Kindern die Zeit des Medienkonsums zu beschränken, sollten sie sich die Frage stellen: Wie viel Fehlzeiten an der Entwicklung meines Kindes kann und will ich verantworten? Denn während des Medienkonsums schaltet das Gehirn auf „low level“ und stiehlt den Kindern dadurch Zeit für ihre gesamte Entwicklung. Zu dieser Thematik wird Wilfried Brüning in Kürze seinen Film fertig stellen, außerdem gibt es einschlägige Veröffentlichungen, über die der Präventionsrat der Samtgemeinde Schwarmstedt zu gegebener Zeit berichten wird.