Erkundungstour über Truppenübungsplatz

Teilnehmende der Truppenübungsplatz-Erkundungstour vorm neuen Denkmal für zehntausende ermordete Kriegsgefangene in Bad Fallingbostel, Foto: Rheta Wegmann

Von NS-Verbrechen bis Zivilisierungsforderungen

Heidekreis. Geschichtswerkstatt, DGB und Friedensaktion hatten zur Ganztagstour über Europas größten Truppenübungsplatz eingeladen. "Das Interesse war größer als corona-bedingt Platz war", freut sich Organisator Charly Braun. Am neuen Denkmal für die ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen begrüßte Bergen-Belsen-Jugendarbeiter Braun die Teilnehmenden aus Hamburg, Nienburg, Dörverden, Hannover, Celle und Heidekreis mit historischer Einordnung. In Nazi-Zitaten und Wehrmachtsbefehlen wird Sozialismus „asoziales Verbrechertum“ und Russen Untermenschen genannt und die seien zu „vernichten“. Entsprechend verreckten etwa 60.000 Rotarmisten elendig in drei Lagern auf dem Truppenübungsplatz Bergen an Hunger, Seuchen, ohne ein Dach überm Kopf und durch Erschießen. Vorgetragene Zeitzeugenberichte deutscher Nachbarn der Lager bestätigten den mörderischen Umgang der Wehrmacht mit den Gefangenen.
Der ehemalige Ratsherr Gerd Martini und Charly Braun erläuterten auf dem „Friedhof der Namenlosen“ die jahrzehntelangen Schwierigkeiten zu Gedenken. Den Friedhof Oerbke und das 1945 von Überlebenden und einer Gedenkkommission errichtete Mahnmal zu pflegen, musste sich Fallingbostels Bürgermeister verpflichten. Die Zuständigkeit wechselte mehrmals, der Friedhof wurde vernachlässigt und schließlich 1964 das Denkmal abgerissen. Roter Stern und deutliche Benennung der Nazi-Verbrechen passten nicht in die Zeit des „Kalten Krieges“. Am neuen Denkmal des Künstlers und NS-Jagdfliegers Seelenmeyer erinnert nichts an die Nazi-Verbrechen. Seelenmeyer ist auch Erbauer von Fliegerehrenmalen „für das verbrecherische Kampfgeschwader 26“ der Nazi-Luftwaffe, wie es aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Vera Hilbich hervor geht.
Selbst am Tag der Befreiung, 8.Mai 1985, wurde dem DGB die Gedenkfeier auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ verwehrt, um das zu begründen wurde eigens ein Manöver
um Tage verlängert, wie damalige Presseberichte und anwesende Zeitzeugen bestätigten.
„Es hat Jahrzehnte gedauert, bis es Initiativen gelang, vielerlei staatliche Behinderung zu überwinden, um die Verbechensgeschichte zu erforschen und zu gedenken,“ erklärte Heidi Bothe. Weitere Orte und Themen waren, die vom Truppenübungsplatz bis heute ausgehenden Militäreinsätze und Kriege, Displaced Persons nach 1945, Friedensproteste, Konversionsforderungen von Gewerkschaften und Initiative Biosphärengebiet und Forderungen nach Herstellung vollständiger kommunaler Rechte für die bewohnten Dörfer der sogenannten „Gemeindefreien Bezirke“. Zum Abschluss gab es Infos zum 1966 hier gedrehten Antikriegsfilm mit John Lennon und eine Diskussion mit dem Vorsitzenden der „Einwohnervertretung“ Seeben Arjes.