„Malen – das ist mein Leben“

Die 85 Jahre nimmt man ihr nicht ab: Ellen Hentschel steht jeden Tag an der Staffelei in ihrer Kunstschule. Dieses Bild hat sie letzte Woche gemalt – als Vorlage für ihre Schüler.
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Bissendorf (awi). In der Kunstschule Bissendorf lohnt es sich immer hereinzuschauen, die Aquarelle und Acrylbilder in den Fenstern zu betrachten, die Ellen Hentschel regelmäßig auswechselt, aber auch sich in der Kunstschule umzusehen, wo sich ein farbenfrohes Bild an das nächste reiht. Die meisten sind von der Künstlerin selbst, einige aber auch von ihren Schülern, viele davon nach Vorlagen, die ihnen die Meisterin vorzeichnet und zum Kopieren Tipps gibt und Kniffe verrät. In der Kunstschule Bissendorf, die in diesen Tagen ihren 40. Geburtstag feiert, hereinzuschauen, lohnt sich zwar vor allem wegen der Bilder, aber nicht nur. Die Kunstschule Bissendorf ist nämlich auch eine Gute-Laune-Tankstelle. Und das liegt an der stets fröhlichen und positiv denkenden Inhaberin Ellen Hentschel, der man ihre 85 Jahre absolut nicht ansieht. Und ans Aufhören mit Malen und Unterrichten denkt sie noch lange nicht. Warum sie sich einen „Ruhestand“ nicht vorstellen kann? „Weil es Spaß macht. Weil das hier mein Leben ist, die Malerei, der Umgang mit den Menschen, und weil es zuhause langweilig ist“, lautet die schlagfertige Antwort der Künstlerin, die es selbst kaum glauben kann, dass es schon 40 Jahre her ist, dass sie ihre geliebte Kunstschule aus der Taufe gehoben hat. Damals hieß sie noch Aquarellschule und die Geburtsstunde war in der Rückertstraße in Hannover, „heute nicht mehr ein so schöner Ort“, räumt Ellen Hentschel ein. Zur Aquarellschule gehörten eine Galerie der Aquarelle und das Fachgeschäft „Alles fürs Aquarell“.
Ellen Hentschel, geboren 1937 in Flensburg, hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine interessante Karriere hinter sich: Seit 1965 war sie freiberuflich in Hannover tätig, seit 1971 hatte sie einen Lehrauftrag für Kunst und Technisches Zeichnen für hannoversche Real-Schulen, hatte grafische Kork-Rolldruck-Verfahren entwickelt und diverse Grafik-Ausstellungen auch auf internationalem Parkett bestückt. 1977 wurde sie Dozentin für Öl- und Aquarellmalerei und Jurymitglied des Europäischen Wettbewerbs für alle Schulformen im Fach Kunst. Es folgten diverse Aquarellausstellungen und dann die Eröffnung der eigenen Schule und Galerie. Von 1998 bis 2003 war sie verantwortliche Redakteurin Redakteurin der Zeitschrift Kipinä (Deutsch-Finnische Gesellschaft) für Layout und Gestaltung. In den Gründungsjahren ihrer Kunstschule seien die Schüler aus ganz Deutschland zu ihr nach Hannover gekommen, denn es war die einzige Aquarellschule in der Bundesrepublik, erzählt die 85-Jährige stolz. Publik wurde das über die Firma Lukas, einen Farbenhersteller, denn Internet gab es damals noch nicht. Im 20. Jahr nach der Gründung entschloss sich Ellen Hentschel zum Umzug nach Mellendorf. Aus der Aquarellschule Hannover wurde 2002 das Kunst-Studio Mellendorf an der Kaltenweider Straße. Anlass seien gesundheitliche Probleme gewesen, die sie zwar bewogen hätten, sich zu verkleinern und aus der Stadt herauszugehen, von denen sie sich aber nicht hat unterkriegen lassen. Und so war es auch, als sie sich zehn Jahre später nach neuen Räumen umsehen musste. Nach dem ersten Schreck ein Glücksfall, denn sie stieß auf die Räume des ehemaligen Möbelhauses Meyer an der Burgwedeler Straße 5, das ideale Ambiente für das Kunststudio, das bald darauf in Kunstschule Bissendorf umbenannt wurde.
Hier laufen täglich Kurse, hauptsächlich mittlerweile für Acrylmalerei. Vier Aquarell- und fünf Acrylkurse sind es aktuell. Die Teilnehmer kommen teilweise schon seit vielen Jahren zu ihr. Vier bis sechs Schüler pro Kurs sind für Ellen Hentschel eine ideale Kursgröße. Natürlich hat Corona auch sie getroffen.
„Meine Schüler und die Gespräche mit ihnen haben mir im Lockdown unglaublich gefehlt“, gibt sie zu. Doch Trübsal blasen und den Kopf hängen lassen, ist nicht ihre Art. Sie räumte auf, malte selber viel und erstellte Fotobücher von ihren Bildern und ihrem Leben. Und jetzt ist schon fast wieder alles wie vor Corona. Lediglich geimpft muss man sein. Sogar Kindergeburtstage darf sie schon wieder ausrichten – ein Riesenspaß für die jungen Künstler, bei denen durchaus schon das eine oder andere Talent entdeckt wurde. Finanziell war Corona allerdings hart, denn die laufenden Kosten fielen ja weiterhin an. „Da geht ein ganz lieber Dank an meine Vermieter Bernd und Ilse Schmitz, die mir das Durchhalten während Corona möglich gemacht haben“, so Ellen Hentschel. In ihrer Kunstschule war sie trotzdem täglich, „zuhause in Bissendorf-Wietze habe ich gar keine Malutensilien“, verrät sie. Doch auch wenn sie malen konnte, ihr fehlten die sozialen Kontakte und das Unterrichten. Denn sie liebt es, Technik zu vermitteln, über verschiedene Materialien und Pinselführung, Bildaufbau und andere Themen zu sprechen. Auch sie hat sich ja weiterentwickelt: „In den 70er Jahren habe ich nur Porträts in Öl gemalt und große Meister wie Rembrandt kopiert, die Leute, die nicht ganz so viel Geld hatten für einen echten Rembrandt, sich ins Wohnzimmer hängen konnten.
Was sie sich zum 40. Geburtstag ihrer Kunstschule wünschen würde? Dass sich jemand findet, mit genauso viel Herzblut wie sie, der Lust hätte, die Kunstschule weiterzuführen, der ihr ein wenig Verantwortung abnimmt, aber so, dass sie noch den einen oder anderen Kurs selber geben kann, einfach dass die Nachfolge gesichert ist.

Autor:

Anke Wiese aus Wedemark

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