Rund 60 Kinder in Notgruppen

Sozialassistent Michél Hubel bastelt mit Luna (5) und Luca (1,5) Osterschmuck aus Straußeneiern und Straußenfedern. Fotos: A. Wiese
 
Die Kinder der Notgruppe in der Kinnverstuuv Negenborn sind fast fertig mit dem Mittagessen. Heute gab es Spinat und Straußenrührei.

Wenn Mama und Papa trotz Corona-Krise arbeiten müssen

Negenborn (awi). Wenn der eineinhalbjährige Luca den Kindergarten Negenborn betritt, wo er zurzeit die Notgruppe besucht, wird erst mal ganz modern Fieber mit dem Laserthermometer gemessen. Wer über 37,5 Grad Temperatur hat, darf nämlich nicht rein, erklärt Tim Arndt-Sinner, Geschäftsführer der Kinderfreunde Wedemark gGmbH. Für Luca ist das Prozedere inzwischen ganz normal, auch dass Mama sich grüne Plastikhauben über die Schuhe zieht und die Hände desinfizieren muss.
Die Kids, die hier in der Notgruppe der Kinderfreunde Wedemark betreut werden, nehmen ohnehin alles ganz gelassen: dass sie teilweise in einem ihnen fremden Gebäude sind, die Betreuer nicht kennen und oft auch die anderen Kinder nicht, sie kommen erstaunlich gut damit klar. Denn der Verein hat sich dafür entschieden, die Notgruppe in seinem jüngsten und modernsten Gebäude, der Kinnerstuuv in Negenborn einzurichten. „Hier habe ich anders als bei den WedeRackern am Gilborn oder im Haus am Teich alles in einem Gebäude auf einer Ebene“, erkärt Tim Arndt-Sinner. Seine Erzieher und Sozialassistenten aus den verschiedenen Einrichtungen werden für die Notgruppen durcheinander gewürfelt. Immer freitags wird der Plan für die nächste Woche aufgestellt und natürlich gibt es auch eine Bereitschaft, falls sich kurzfristig jemand krank meldet oder aus anderen Gründen ausfällt. Einmal gab es schon richtig Alarm, berichtet Arndt-Sinner. Da habe sich eine seiner Mitarbeiterinnen als möglichen Verdachtsfall eingestuft und einen Test absolviert. Bis das – negeative – Testergebnis nach ein paar Tagen vorlag, mussten alle Kollegen und Kinder, die mit ihr zu tun hatten, zu Hause bleiben. Doch zurück zur Notgruppe: Die Kinder haben gerade Mittag gegessen. Es gab Spinat, an den grünen Sprenkeln auf Gesichern und Lätzchen deutlich erkenntbar, und dazu ein ganz besonders Rührei: nämlich aus Straußenei. Das hatte Sozialassistent Michél Hubel mitgebracht, denn mit einem Straußenei und Straußenfedern kann man ganz wunderbaren Osterschmuck basteln. Das stellen auch der kleine Luca und die vierjährige Luna fest, als sie sich zusammen mit Michél Hubel an das Verzieren des Eis machen. Nach dem Essen gehen die Kleinen der Gruppe allerdings erst einmal eine Runde schlafen. In ihren Bodys mit dem Teddy unter dem Arm marschieren sie ganz selbstverständlich in den Schlafraum und legen sich in die hellblauen Plastikbetten auf der Erde. Da kann man wenigstens nicht herausfallen. Und hinterher wird dann um so fröhlicher weitergebastelt. Die Kindergartenkinder genießen es, die Erzieherinnen und Sozialassistenten eine Weile für sich zu haben, während die Krippenkinder Mittagsruhe halten. Aber im Großen und Ganzen klappt die Durchmischung von Kindergarten- und Krippenkindern sehr gut, freut sich Tim Arndt-Sinner. Und derPersonalschlüssel ist großzügig: Auf aktuell sieben Kinder in der letzten Woche kommen vier Betreuer. Darunter muss immer mindestens eine Erzieherin sein.
Die Mitarbeiter, die gerade nicht in den Notgruppen gebraucht werden, hat er ins Homeoffice geschickt. Homeoffice für Erzieher und Sozialassistenten? Na klar, das geht: Sie bereiten die Abschlussmappen für die Kinder vor, die die KiTa im Sommer verlassen, weil sie in die Schule kommen und sie basteln schon mal Fenster- und Wanddeko für die nächsten Monate auf Vorrat. Auch Weihnachtsmänner? Tim Arndt-Sinner schmunzelt. Nein, die nun doch noch nicht. Aber Herbstschmuck sei schon dabei. Außerdem nutzen die Mitarbeiter die Gelegenheit, alle Einrichtungen und das Material einmal gründlich zu reinigen und zu desinfizieren. Desinfektionsmittel ist zum Glück genug vorhanden. Ebenso wie das begehrte Toilettenpapier hatte Arndt-Sinner es zufällig einige Zeit vor der Corona-Krise gerade neu in größeren Mengen geordert, um Rabattkonditionen auszunutzen.
Finanziell braucht sich der Geschäftsführer zunächst keine Gedanken zu machen. Zwar werden die Kinderfreunde Wedemark gGmbH als freier Träger ihren Eltern ebenso wie die Gemeinde ab April die KiTa-Gebühren erlassen, doch bekommt er sein Ausfälle von der Kommune erstattet. Für die Gemeinde Wedemark und insbesondere den Bürgermeister ist Tim Arndt-Sinner voll des Lobes ob dessen Einsatzes. Wie alle Bürgermeister der Region habe man mit der Gebührenerlassung ein Super-Signal für die Eltern gegeben. Denn auch für die Inanspruchnahme der Notgruppen fallen keine Gebühren an.
Das ist nicht überall so, weiß Arndt-Sinner als stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen KiTa-Verbandes. Auf der letzten Telefonkonferenz von Bundes- und Landesvorständen hat er gerade mitbekommen, dass vielen freien Trägern die Landesmittel gestrichen wurden. „Wir sind hier in der Region im Allgemeinen und in der Wedemark im Besonderen im Tal der Glückseligen“, betont Arndt-Sinner. Die Flexibilität der Gemeinde sieht er auch dadurch belegt, dass er in seiner Notgruppe ein Tagespflegekind aufnehmen konnte. Natürlich müssen auch hier die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sein: Damit ein Kind in der Notgruppe von 8 bis 16 Uhr betreut werden kann, muss mindestens ein Elternteil in einem sogenannten systemrelevanten Beruf arbeiten. Die Notgruppen, in denen insgesamt in den Einrichtungen der Gemeinde und der freien Träger letzte Woche 60 Kinder betreut wurden, laufen solange weiter, wie die Kitas vorsorglich geschlossen sind.