4. Wedemärker Geschichts-Symposium

Bürgermeister Helge Zychlinski (rechts) eröffnet im Bürgerhaus in Bissendorf das 4. Symposium im Rahmen des Projekts „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“. Foto: B. Stache
 
Die sieben Gymnasiasten (links) haben ihre Arbeitsergebnisse zum Thema „Integration katholischer Flüchtlinge und Vertriebener nach dem Krieg in die überwiegend evangelisch geprägte Wedemark“ vorgestellt. Foto: B. Stache

Regionspräsident Hauke Jagau spricht über Erinnerungskultur und warnt vor Rechtspopulismus

Mellendorf (st). Bürgermeister Helge Zychlinski eröffnete am Donnerstagabend in Bissendorf das 4. Symposium im Rahmen des Projekts „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“. Zirka 120 Gäste hatten den Weg in das Bürgerhaus gefunden. Auf großes Interesse – vor allem der anwesenden Rats- und Ortsratsmitglieder – war die Ankündigung des Bürgermeisters gestoßen, mit Auslaufen der Förderschule im Mehrgenerationenhaus ein Gemeindearchiv einzurichten. Diese Planung sei das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Region Hannover und der Gemeinde. „Die Region wird das fachliche Know-how zur Verfügung stellen und wir in der Kommune die notwendigen Räume schaffen“, erklärte Helge Zychlinski. Zu Beginn des Symposiums präsentierten Schüler der Geschichts-AG des Gymnasiums Mellendorf die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten zum Thema „Integration katholischer Flüchtlinge und Vertriebener nach dem Krieg in die überwiegend evangelisch geprägte Wedemark“. Die Gymnasiasten sprachen zunächst über Flucht und Vertreibung sowie die ersten Flüchtlinge, die ab Herbst 1944 in die Wedemark gekommen waren. Dabei hätten die Schlesier die größte Gruppe unter den Flüchtlingen gestellt. Die Gründung der katholischen Kirchengemeinde wurde ebenso thematisiert (zwischen 1939 und 1948 hatte sich die Zahl der Katholiken im Bistum Hildesheim mehr als verdreifacht), aber auch die Weihung der katholischen Kirche St. Maria Immaculata im Jahr 1959 in Mellendorf. Die Schüler hatten sich mit Zeitzeugen in Verbindung gesetzt, berichteten über deren Erfahrungen als Flüchtlinge in der Wedemark und verglichen so manche Aussagen mit Eintragungen aus 20 Ortschroniken. Es wurde unter anderem aufgezeigt, wie die Flüchtlinge untergebracht waren (überwiegend bei Bauern), und wie ihr Alltag aussah. Ausgrenzung und Integration wurden erörtert. Die Gymnasiasten erhielten reichlich Applaus für ihre Präsentation. Der Wedemärker Fotograf und Künstler Manfred Zimmermann stellte anschließend seinen Entwurf einer Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus vor. Die Stahlkonstruktion mit den Namen von Opfern in der Wedemark soll ihren Platz auf dem Campus W zwischen dem Rathaus (Ort der politischen Entscheidung) und dem Gymnasium (Ort der Bildung) finden, wie Manfred Zimmermann es beschrieb. Den Festvortrag zum 4. Symposium hielt Regionspräsident Hauke Jagau. Er sprach über das Thema „Bedeutung der Erinnerungskultur/Geschichtsvermittlung in Zeiten rechtspopulistischer Tabubrüche.“ Hauke Jagau warnte vor den Gefahren, denen unsere Demokratie heute durch rechtspopulistische Tendenzen ausgesetzt sei. Er beschrieb unter anderem die Zunahme der Eskalation von Maßnahmen des Nazi-Regimes gegen das Judentum, sprach von einem schleichenden Prozess, der schließlich zu den drastischen Folgen geführt habe. Man müsse sich auch heute immer wieder fragen, wann der Punkt erreicht sei, an dem es so nicht mehr weitergehen könne, appellierte der Regionspräsident mit Hinweis auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Er verwies dabei auf die AfD, zitierte Repräsentanten dieser Partei und nannte einige Beispiele der geistigen Nähe der AfD zum Nationalsozialismus. Die AfD bediene sich einer teilweise geschickten Rhetorik, die an das Ende der Weimarer Demokratie erinnere. Mit Hinweis auf die aktuelle Flüchtlingsdiskussion mahnte Hauke Jagau, das Einzelschicksal von Geflüchteten nicht aus den Augen zu verlieren, solche Schicksale nicht in einer „grauen Masse“ untergehen zu lassen. „Das Wissen um die Geschichte und die Fähigkeit selbstständig zu denken sind ebenso wichtig wie die Fähigkeit, Empathie zu entwickeln, wenn man sich vor Populismus, Nationalismus und Ausgrenzung schützen will.“ Nach der Rede von Regionspräsident Hauke Jagau kam der Historiker Martin Stöber zu Wort. Er berichtete über die Arbeiten von Studenten der Leibniz Universität Hannover, die sich in ihrem Seminar in sechs Arbeitsgruppen mit der Zeitgeschichte (1930 – 1950) in zwei Dörfern beschäftigten, einem davon in der Wedemark. Martin Stöber nutzte die Gelegenheit, auch noch zwei neue Bände aus der Reihe „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ vorzustellen. In Band 7 sind unter dem Titel „Der lange Weg des Friedrich Ohlhorst“ ausgewählte Feldpostbriefe aus den Jahren 1939 bis 1945 zusammengetragen. Band 8, „Aspekte der Ortsgeschichte 1“, beinhaltet die Kapitel „Reichsautobahn“, die einst durch die Wedemark geplant war, sowie „Jugendjahre“ und „Naturfreundehaus“. Zum Abschluss stellte Historiker Martin Stöber noch das Buch „Seid alle herzlich gegrüßt, Eure Minnie“ von Petra Mensing vor. Das Buch reflektiere den spannenden Lebenslauf einer Bissendorferin und eine spannende Perspektive von außen auf die Geschehnisse in Nazideutschland. „Es hat viel mit der Wedemark zu tun“, urteilte Martin Stöber. Zum Abschluss des Symposiums fasste Projektkoordinator Franz Rainer Enste die geschichtlichen Inhalte und Hintergründe noch einmal zusammen und gab einen Ausblick auf das weitere Vorgehen. So wird sich unter anderem ein weiteres Schulprojekt mit dem Thema „Demokratischer Neubeginn in den Ortsteilen der Wedemark“ beschäftigen. Ende Februar 2020 werde es insgesamt zirka 14 oder 15 Bände der Schriftenreihe „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ geben, kündigte Rainer Enste an. Die mehr als zweistündige Veranstaltung wurde musikalisch begleitet von Katharina Grund (Violine) und Diliana Michailov am Flügel.