Bengt Pflughaupt-Preis für Nele von Hörsten

Die Preisträger und Gastgeber bei der Siegerehrung. Foto: A. Wiese

Gymnasium und Förderverein luden zum Neujahrsempfang ins Forum ein

Mellendorf (awi). Bereits zum dritten Mal ist am Dienstagabend beim Neujahrsempfang von Gymnasium und Förderverein der Bengt Pflughaupt-Preis 2012 für journalistische Nachwuchsarbeit vergeben worden. Das ECHO hat diesen Wanderpreis nach dem Tod des Wedemärker Journalisten Bengt Pflughaupt gemeinsam mit dem Gymnasium, dessen Schüler Pflughaupt war, und dem Verein der Freunde und Förderer des Gymnasiums ausgelobt und 2010 zum ersten Mal verliehen.
Das Forum im neuen Schulzentrum bot den angemessenen Rahmen für den Neujahrsempfang von Schule und Förderverein mit mehr als 100 Gästen mit der Preisverleihung als besonderem Highlight. Gewinnerin des Preises in diesem Jahr ist Nele von Hörsten. Die 17-jährige Gymnasiastin aus Scherenbostel überzeugte die Jury – bestehend aus Schulleiterin Swantje Klapper, Deutschlehrerin Daniela Bögershausen, der FFGM-Vorsitzenden Karen Drews, ECHO-Verlagsleiter Thorsten Schirmer und ECHO-Redakteurin Anke Wiese mit ihrer Reportage über ihre eigenen Erlebnisse aus Chile, wo eine Ärztin schwerkranken Menschen, die sich aus eigenen Mitteln keinen Arzt leisten können, hilft. Nele von Hörsten erhält neben dem Wanderpreis einen Gutschein vom Förderverein über ein Seminar für journalistisch interessierte Schüler. Platz zwei ging an Hendrike Hartmann aus Lindwedel für ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Soziale Kompetenz an ihrer eigenen Schule. Der dritte Platz ging an Kathrin Schobel aus Mellendorf für ihre kritische Betrachtung des Thema „Travelling with Deutsche Bahn“. Im Sinne von Bengt Pflughaupt, der selbst bis zu seinem Tod im September 2009 für die Christoffel Blindenmission im Einsatz war und mit seinen Büchern über den blinden Marathon-Läufer Henry Wanyoike und die in Pakistan tätige Lepra-Ärztin Ruth Pfau literarische Zeichen gesetzt hat, sollte auch den Wettbewerbsbeiträgen für den Bengt Pflughaupt-Preis ein sozial- oder gesellschaftskritischer Ansatz zu Grunde liegen. Verlagsleiter Thorsten Schirmer nutzte die Gelegenheit die Frage in den Raum zu stellen: „Was ist guter Journalismus?“ Die Antwort lieferte er gleich im Nachgang: „Guter Journalismus ist kritisch, aber auch dialektisch und sauber recherchiert.“ Mit Blick auf die Beiträge der Preisträgerinnen legte er die Messlatte jedoch noch höher. Was guter Journalismus darüber hinaus noch leisten kann, finde sich beispielsweise im Text der zweitplatzierten Hendrike Hartmann. Ihr Artikel zeige neben Kritik über soziale Kälte auch einen Weg auf, wie diese Dank des „sozialen Projektes Schule“ zu überwinden sei. „Ganz nahe bei Bengt Pflughaupt“ sah Schirmer schließlich den Beitrag der Siegerin Nele von Hörsten, der über diesen erweiterten journalistischen Anspruch hinaus zudem Pflughaupts Lebensmotto überzeugend widerspiegele: „Wissen, wie die Welt tickt“.Doch war die Preisverleihung nur ein Aspekt des Neujahrsempfangs, zu dem Swantje Klapper und Karen Drews jetzt bereits zum sechsten Mal eingeladen hatten und diesen daher bereits „eine kleine Tradition“ nennen. Klapper hielt einen kurzen Rückblick auf das zurückliegende Jahr, in dem das Gymnasium noch mit dem „Ankommen“ in dem neuen Gebäude beschäftigt war, aber immer wo es möglich war, bereits im engen Austausch mit der IGS gestanden und auch fachübergreifend kooperiert hat. Im Ausblick für 2013 nannte Klapper die Inklusion ab Beginn des nächsten Jahres als Herausforderung für die Schulen, auf die man sich einstellen werde. Die Vernetzung mit anderen Schulen zu dieser Thematik habe bereits begonnen. Musikalisch umrahmt wurde der Empfang von der Klasse 9c des Gymnasiums, die ein Musikprofil hat und verschiedene Gesangs- und instrumentale Darbietungen auf die Bühne brachte. Als Gäste begrüßte Karen Drews neben Bürgermeis-
ter Tjark Bartels den ersten Schulleiter des Gymnasiums, Horst Rommel, und dessen Nachfolger Hans-Joachim Fichtner. Drews äußerte die Hoffnung, in diesem Jahr einen neuen Standort auf dem Campus W für die eingelagerten Abi-Denkmäler der letzten 40 Jahre zu finden, und natürlich unterstützende Hände, wenn es denn konkret an die Umsetzung gehen wird. Bürgermeister Tjark Bartels sicherte ihr in seinem Grußwort zu, dass die Gemeinde dafür bereits „einen guten Weg“ gefunden habe, mit dem Gymnasium und Förderverein bestimmt gut leben könnten. Er bedankte sich für die Einladung zum Neujahrsempfang und freute sich, dass die Schüler am Gymasium die Chance hätten, mit ihren besonderen Begabungen gefördert zu werden und Eigenes zu entwickeln. Zum Schluss stellte Lehrerin Wakleite Frank noch das „Drehtürmodell“ vor, das zwei Schülerinnen die Möglichkeit bot, als Projekt sich während der Unterrichtszeiten aus Fächern, die sie selbst bestimmen konnten, auszuklinken, um die Orchesterbearbeitung eines Musikstücks auszuarbeiten. Vom Erfolg dieses anspruchsvollen Projektes konnten sich die Gäste des Neujahrsempfangs anschließend überzeugen. Der kräftige Applaus zeigte, dass es allen gefallen hat.

Die Beiträge der Preisträgerinnen:
„Ein Engel, der Hoffnung ins Haus bringt“
Bengt Pflughaupt-Preis für Nele von Hörsten für ihre Reportage aus den Armenvierteln von Chile
von Nele von Hörsten

Mitten in ,Santiago de Chile‘, der Hauptstadt des südamerikanischen Staates Chile, liegt das unbedeutende, verarmte Wohnviertel Población Lo Valledor. Von der Wohnung meiner Tante aus, sie ist nach ihrem Studium als junge Ärztin nach Chile ausgewandert, sind es nur etwa 30 Minuten Fahrt. Und dennoch, obwohl es mitten im Zentrum Santiagos liegt, man erkennt die eigentlich wohlhabende Stadt nicht wieder.
Wir stoppen vor einem kleinen quietsch-grünen Haus, von der Fläche nur so groß wie unser deutsches Wohnzimmer. Links haben wir die Sicht auf wahrhaftige Slums, rechts das kleine, verfallende Haus, in einer Reihe von vielen. Die Menschen lungern auf der Straße, keiner scheint wirklich etwas zu tun zu haben. Als ich aussteige, drehen sich alle Köpfe in Richtung meiner Tante und mir. Nicht, dass sie das ohnehin schon getan hätten, dank unseres roten, hier besonders auffallenden Autos, aber jetzt gilt die Aufmerksamkeit ganz uns. Wir sind die „Reichen“ und „Schönen“ aus einem anderen Viertel, einem Viertel, wo alle Geld haben und schöne Autos fahren.
Als ich durch die Tür des kleinen Hauses trete, stehe ich direkt in einem einzigen mittel-großen Raum, welcher Küche, Wohnzimmer, Esszimmer und Schlafzimmer zugleich darstellen soll. Das vermute ich zumindest. Auf dem Sofa vor dem alten Fernseher sitzen fünf Personen. Die zwei alten Damen lächeln sofort freundlich, aber auch erstaunt, als sie uns in der Tür erblicken. Auf ihren Schößen sitzen ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen. Die beiden machen riesige Augen, als sie mich erblicken. Sehe ich etwa gruselig aus? Haben die beiden Angst vor mir, weil ich anders aussehe? Ein Mädchen, ungefähr in meinem Alter, sitzt daneben und schaut uns schüchtern und zurückhaltend an. Das muss Camila sein, das Mädchen, der Grund, warum wir hier sind, das Mädchen, das vor erst einem Jahr dem Tod nur um ein Haar entwischte. Der Abend verläuft für unsere deutschen, ,luxuriösen‘ Verhältnisse ganz normal. Wir sitzen eine Weile zusammen auf dem Sofa und essen anschließend gemeinsam ein typisch chilenisches Gericht zum Abendbrot. Was viele vielleicht aber nicht bemerken würden, ist, dass ein solcher Abend für diese Familie einer der ganz besonderen des Jahres ist. Was es für die Menschen in diesem kleinen Haus bedeutet, mich um sie herum zu haben, bemerke ich erst, als meine Tante mir übersetzt, was die zwei älteren Damen zu mir sagen: „Du musst wahrhaftig ein Engel sein, bringst solche eine Freude und besonders Hoffnung in unser Haus. Wir danken dir auf immer für deinen Besuch, du bringst den Segen in unser Haus.“
Für Familien aus solch armen, rauen Verhältnissen ist ein deutsches Mädchen im weißen T-Shirt mit blondem Haar ein Geschenk des Himmels. Sie nannten mich einen Engel, der ihnen Hoffnung schenkt. Und dann habe ich auch noch kleine Geschenke dabei gehabt! Erst jetzt verstehe ich zumindest ein wenig, was es bedeutet, arm zu sein und unter einem solchen Schicksal zu leiden. Nachdem die Eltern der Kinder beide an Aids verstorben sind, so wie viele aus diesem Stadtteil, und die 15 jährige Camila ebenso im Sterben lag, hatte die Familie alle Hoffnung aufgegeben. Ohne meine Tante als eine der einzigen Homöopathinnen in der ganzen Stadt und ihre kostenfreie alternative Behandlung wäre auch Camila an Aids gestorben. Dank meiner Tante hat sich Camila fast vollständig erholt und kann wieder ein relativ normales Leben führen. Sie geht wieder zur Schule und besitzt eine große Leidenschaft für Musik. Aus Deutschland habe ich ihr und ihren Geschwistern deutsche Musik geschickt, damit sie auch die deutsche Musik kennenlernen können. Was für ein besonderes Erlebnis dieser Besuch für mich war, das habe ich erst am Ende des Abends bemerkt. Nie hätte ich gedacht, dass ich Menschen, die ich vorher nicht mal kannte, allein mit meinem Besuch eine solche Freude machen könnte. Der Kontakt aus Deutschland ist leider unmöglich, in ,Población Lo Valledor‘ gibt es keine Telefone und sicherlich auch kein Internet. Dennoch hoffe ich, die Familie bei meinem kommenden Besuch im März erneut treffen zu können und ihnen wieder ein wenig Hoffnung als ,Engel‘ geben zu können.
Nur die Menschen aus solchen Verhältnissen können sich so sehr über die kleinen Geschenke freuen, die ich ihnen im Nachhinein geschickt habe.Es ist ein unglaublich prägendes Erlebnis, die Armut einmal so nah zu spüren, und wunderbar, die Freude an dem Besonderen und vor allem eigentlich Einfachen in den Mittelpunkt zu stellen. Ich werde versuchen den Kontakt aufrechtzuerhalten und weiter versuchen wenigstens ein bisschen etwas bewirken zu können, wo nur wenig Hoffnung ohne die Hilfe von außen übrig bleibt.

„Stolz, Teil dieses sozialen Projekts zu sein“
Zweiter Preis für Hendrike Hartmann und „Meine Wahrheit“
von Hendrike Hartmann

Beschimpfungen, Pöbeleien, hämisch Lachende – für manch einen ein zu häufig begegnendes Bild. Ich folge meinem Weg zur Schule - was beobachte ich? Ein Mädchen stürzt von ihrem Rad, ihre Tasche fällt zu Boden; ihr auf den Fersen folgt ein kleiner Junge, ca. 13 Jahre alt. Er beäugt die noch am Boden Hockende, die ihre Sachen zusammensammelt. Ohne Zögern geht er an ihr vorbei und lässt dabei ein leises „Opfer!“ ertönen. Er macht keine Anstalten, ihr zu helfen, nein, Verletzungen sind für ihn völlig ausgeschlossen. Selbst ein simples „Alles OK?“ ist ihm zu viel.
Ein ältere Dame steigt in den Bus, ihr Stock stützt ihren unsicheren Gang. Suchend schaut sie sich nach einem freien Sitzplatz um - nichts. Und kein Schüler, der aufblickt. Alle sehen sie in eine von der Frau abgelegene Richtung, machen den Eindruck, als hätten sie die gebrechliche alte Lady nicht einmal bemerkt. Kurz linsen sie von ihrem Smartphone auf, werfen ihr einen flüchtigen Blick zu, für einen Augenblick losgelöst von ihrem Smalltalk mit den Freunden. Doch keiner bewegt sich. Der Bus fährt an, die alte Dame klammert sich an eine Haltestange, unentschlossen, ob der Stock nicht doch die bessere Lösung wäre. Es verstreichen die Minuten, doch niemand bietet ihr seinen Platz an; zu sehr ist jeder Einzelne in Doodlejump, Facebook oder den Klatsch und Tratsch des heutigen Schultages vertieft.
In solchen Situationen frage ich mich, ob Werte in unserer heutigen Gesellschaft noch zählen? Verlernen die neuen Generationen die alten Tugenden, die schon im antiken Rom hohe Bedeutungen hatten, anzuwenden? Oder werden sie gar nicht mehr unter ihnen erzogen? Kennt ‚unsere‘ Jugend jene gar nicht mehr? Ich sitze im Forum meiner Schule, dem zentralen Versammlungsraum aller Schüler in Pausen und Freistunden, und höre mit an, wie eine Gruppe Schüler über einen Mitschüler spricht, doch sie sprechen keinesfalls aus Wissen über ihn, keiner von ihnen bezeichnet sich als ‚Freund‘ des Jungen, über den sie nur schlechte Worte verlieren. Das Prinzip „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ scheint ihnen unbekannt. Vielleicht ist es aber auch einfach wesentlich bequemer, es simpel nicht zu beachten; will man nicht viel lieber ein Teil der Masse sein? Ein Teil der Gruppe? Meist ist es doch schlicht der fehlende Mut, etwas gegen die vielen zu sagen, man redet lieber mit, bevor sich das Blatt gegen einen selbst wendet.
„Sollte man sich nicht erst dann ein Urteil über jemanden erlauben, wenn man ihn in all seinen Facetten kennt?“ frage ich mich still und mir wird wieder einmal schmerzlich bewusst, wie viel Bedeutung dem zugemessen wird, was „man“ sagt. Ein leises Gerücht, das sich wie ein Lauffeuer durch die Schar der Schüler verbreitet, und plötzlich meint jeder, die betroffene Person zu kennen.Doch wer wagt es schon, solche Missstände anzuprangern? Wer steuert dagegen? Lange musste ich überlegen, doch schließlich wurde mir klar, dass die Lösung so nahe liegt. Unsere Schule, das Gymnasium Mellendorf! Ein gigantisches soziales Projekt, in dem sich die Lehrer für die Vermittlung der Werte einsetzen, die Schüler Tag für Tag auffordern, einen anständigen Umgangston zu pflegen, und manch einer sich die Bürde auferlegt, Schülern im Vertrauen zu helfen. Dass Schüler sich als „aktiver Teil der Gesellschaft“ begreifen sollen und die Schule ihnen dafür ein Sprungbrett sein möchte, beschloss die Gesamtkonferenz des Gymnasiums bereits 2008 und übernahm dies sogar als Ziel in ihr Schulprogramm. Hinzu kam, dass das GM sich damals ebenso auf die Fahne schrieb, ihre Schüler sollten zu verantwortungsbewussten Menschen erzogen werden, ihre Lehrer und Lehrerinnen seien damit beauftragt, „die intellektuellen, emotionalen, sozialen und kreativen Fähigkeiten zu fördern und zu entwickeln“ (aus der offiziellen Website des GM). Doch insbesondere möchte ich hiermit auch die Arbeit zahlreicher Schüler hervorheben, die sich an vielen Stellen in sozialen Projekten engagieren Patenschaften für die fünften Klassen machen Schüler der neunten zu kleinen Schutzengeln. Und nicht nur dies: Sie werden zu Vorbildern und können somit den Neulingen das richtige Verhalten innerhalb einer so großen Gemeinschaft vermitteln. Des Weiteren werden durch die SV (Schülervertretung) des Gymnasiums Mellendorf sowohl interne soziale Projekte organisiert als auch externe.
Bespiele dafür sind unter anderem der „Homeworkclub“ unter dem Motto „Schüler helfen Schülern“. Diese Organisation ruft ältere Schüler dazu auf, Hausaufgabenbetreuung zu leisten. Angeknüpft hieran ist ebenso die Vermittlung von Schülern, die gerne Nachhilfe geben würden, an andere Mitschüler.So wird der Zusammenhalt von Jung und Alt gefördert. Neben solchen internen Projekten fördert das GM jedoch, wie zuvor genannt, auch „externen“ sozialen Einsatz wie die Zusammenarbeit mit der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Verbunden hiermit werden Schüler immer wieder dazu aufgerufen, an Seminaren von dem Projekt „Alkohol? - Kenn dein Limit!“, bei dem sowohl der eigene Umgang mit Alkohol gelehrt wird, aber auch, wie zu reagieren ist, wenn jemand anderes unter starkem Alkoholeinfluss steht und es notwendig wird, einzuschreiten, teilzunehmen.
Durch solche und ähnliche Aktionen werden Zivilcourage und Gesellschaftsbewusstsein gestärkt. Machen wir also auf jene sozialen Missstände immer wieder aufmerksam, die es trotz aller Bemühungen noch gibt, und setzen wir uns noch mehr für ein sozialeres Miteinander ein! Unsere Schule hat in vielerlei Hinsicht einen Anfang gemacht und ich bin stolz, Teil dieses sozialen Projektes zu sein.

„Thank your for travelling with Deutsche Bahn“
Dritter Preis für Kathrin Schobels Betrachtung des öffentlichen Verkehrsmittels
von Kathrin Schobel

Die Meisten verbinden den Begriff „Deutsche Bahn“ nicht mit einem positiven öffentlichen Verkehrsmittel oder der vergleichsweise guten Infrastruktur, die wir trotz allem haben, sondern mit den kleinen gelben Hinweisen neben der Anzeige des Reiseziels. Mal sind es nur fünf Minuten, mal geht es über eine halbe Stunde bis hin zum spontanen Komplettausfall der Züge. Viele Kunden der Deutschen Bahn raufen sich wegen der Verspätungen und Ausfällen die Haare. Wenige Unternehmen haben mit so viel Kritik zu kämpfen wie die Deutsche Bahn. Auf einer bekannten Website für Nutzerbewertungen öffentlicher Einrichtungen sind knapp 28 Seiten gefüllt mit größtenteils negativen Kommentaren über Verspätungen, unfreundliche Mitarbeiter und andere haarsträubende Erlebnisse. Die Gründe dieser Unannehmlichkeiten werden den Passagieren kaum bis gar nicht genannt. Schuld an den häufigen Differenzen sind meist sogenannte „Personen im Gleis“ sowie „Technische Defekte“, oft wird der Grund einfach ausgelassen und der Reisende führt hektische Telefonate, um sich rechtzeitig auf die Verspätung einzustellen.
Ärgerlich für die Meisten ist nicht nur das lange Warten an den Bahngleisen bis zur Einfahrt, sondern auch das Verpassen wichtiger Anschlusszüge. Möchte man zum Beispiel zu einem ferneren Treffen über ein Umsteigesystem von drei verschiedenen Zügen und dem städter Nahverkehr fahren, passiert es einem häufiger, dass der Zug auf der Strecke eine zehnminütige Fahrpause aufgrund technischer Schwierigkeiten einlegt und man letztendlich eine Stunde später als erwartet ankommt. „Über Durchsagen wurden die Leute zuvor bereits zum Aus- bzw. Umsteigen auf einen anderen Zug animiert. Aber dann nach einer halben Stunde schließen ohne weitere Durchsage die Türen und der Zug fährt ab.“ heißt es auf der Website. Als in der Nacht vom 30.11 auf den 1.12 ein Güterzug im Hannover Hbf. entgleiste , fuhren die Bahnen von Bennemühlen aus nur bis zu der Endhaltestelle Langenhagen Pferdemarkt. Von da aus mussten die Reisenden die Busse und Straßenbahnen bis zum Hauptbahnhof nehmen. Dass meine Begleitung und ich uns mit unserer Reisegruppe pünktlich zur Abfahrtszeit am Gleis in Hannover treffen sollten, war somit natürlich unmöglich, und wir kamen eine knappe halbe Stunde später dort an. Unser nächster Verbindungszug nach Minden fiel aufgrund des Güterzugunfalls aus, ebenso wie der danach. Auf dem Bahnhof herrschte ein Chaos aus Ansagen und drängenden Massen von Reisenden. Natürlich ist dies ein Fall, auf den die Deutsche Bahn sich unmöglich perfekt vorbereiten kann, dennoch stören außerhalb solcher großen Dinge die kleinen Verspätungen, die einen zu spät zu einem Termin oder schlichtweg später nach Hause kommen lassen, sowie das teils unfreundliche Personal. Weiterhin werden die Verspätungen inzwischen erst angezeigt, wenn der Zug bereits ein paar Minuten später eintrifft. Ein Reisender berichtet, dass aufgrund von Bauumstellungen anstelle des geplanten IC´s ein ICE auf dem Gleis stand und er 6,70 € habe nachlösen müssen, obwohl er für die Umstände nun wirklich nichts konnte. Dazu sind die hohen Preise der deutschen Bahn ebenfalls ein Kritikpunkt, da z.B. Kurzstreckenfahrten im Verhältnis sehr teuer sind. Die Reisenden, die Preisdifferenzen mit der Bahn hatten, sind aufgrund der mangelnden Organisation und vor allem mangelnden Mühe der Bahnmitarbeiter der Meinung, dass die Einnahme von unnötig bezahltem Fahrgeld der Passagiere Absicht sei. Die Pflichtgebühr von 40 € bei einem nicht vorhandenen Fahrschein ist zum Beispiel in gewissen Fällen für unter 14 – Jährige keine Pflicht, was die Mitarbeiter der Deutschen Bahn ihren Fahrgästen jedoch eher selten mitteilen. In Erfahrungsberichten heißt es, dass man auch sehr selten rechtzeitig auf die Option hingewiesen wird, sich per Mail bei der Website zu melden und einen Anspruch auf eine Fahrpreisgebühr von nur 8 € zu erheben, wenn man das erste Mal erwischt wird (Was jedoch auch nicht in allen Fällen klappt). Plötzliche Gleisveränderungen im einfacheren Nahverkehr wie z.B. nach Mellendorf werden meistens zwei Minuten, bevor die Bahn fährt, angekündigt und sind ebenfalls ein Problem, ebenso wie Umleitungen über andere Bahnhöfe. „ Die Bahn weiß manchmal selber nicht, welche Umleitungen sie fahren muss. Meine Direktverbindung nach Braunschweig wurde über Hannover umgeleitet, die Verbindung dort wurde ebenfalls umgeleitet, wovon der Lokführer aber anscheinend erst wusste, als wir auf der umgeleiteten Umleitung waren.“ (S. Faust) Nachdem unser nächster Anschlusszug letztendlich nicht umgeleitet wurde, sondern gar nicht kam, informierten wir uns an dem völlig überfüllten Schalter, ob es uns möglich sei, mit dem ICE in Richtung Köln zu fahren, und wurden prompt zurechtgewiesen, dass das nicht möglich sei, solange regionaler Verkehr noch fahre. In der Verzweiflung, noch geschlagene zwei Stunden auf eine Bahn zu warten, die mit viel Pech auch nicht kommt, wandten wir uns letztendlich an einen Zugbegleiter des ICE´s nach Köln und durften tatsächlich rein. Auf der Fahrt lernten wir einen Zugbegleiter namens Peter kennen. Dieser „Zugbegleiter mit Fanclub“, wie er uns später mitteilte, ließ uns bis nach Köln fahren und gab uns zur Erholung auch noch einen Tee und einige Süßigkeiten aus.
Im Vergleich zu den Mitarbeitern des Nahverkehrs war dies eine Umstellung. „Ich hielt die Tür auf , damit der ältere Herr mit seinem Koffer den Zug noch bekam, und wurde von einer unfreundlichen Zugbegleiterin angewiesen, mich von den Türen zu entfernen, Auch als sie den Mann sah , sagte sie, die Bahn hätte bereits Verspätung und müsse das aufholen.“ L. Mühlmeyer
Oft kritisiert werden auch die Zustände des Nahverkehrs. Zerrissene Polster, klebrige Böden, Flecken und unschöner Geruch – Und dafür derselbe Preis wie für eine saubere Bahn?
Ebenso sind die Klimaanlagen ein häufiger Kritikpunkt, besonders weil auch in den Nachrichten immer wieder von Menschen erzählt wird, die aufgrund der Masse und der Hitze bereits ohnmächtig geworden sind. Im Winter ist es zu kalt, im Sommer zu warm. Das Öffnen der Fenster wird teilweise schriftlich untersagt, da der Zug klimatisiert sei, wovon aber die wenigsten Reisenden etwas merken.
„Der Teil des Zuges war bald so kalt, dass er unbewohnbar war. Also mussten wir mit unserem Gepäck an das andere Ende des Zuges wandern“ B. Hauer. Die Beratung der Bahn hat auch schon manchen ein kleines Vermögen gekostet. Geht etwas schief, wenn man ein Abo kündigen will oder ein bestimmtes Ticket nicht mehr zu 100 % mit dem Fahrplan übereinstimmt, muss man schon mal mehr zahlen. Des Öfteren wird man auch falsch beraten und bezahlt für ein Ticket, welches man nicht hätte in Anspruch nehmen müssen. „Unsere Mitarbeiter beraten nach bestem Wissen und mit der notwendigen Sorgfalt. Trotzdem können wir Missverständnisse oder Fehler bei der Beratung nicht gänzlich ausschließen.  Eine Erstattung Ihrer Mehrkosten ist nicht vorgesehen.“ (Eine Mitarbeiterin der DB) Das heißt also, die Reisenden müssen de facto für die Unwissenheit der Mitarbeiter zahlen, haben also „Pech gehabt“, so das Personal. Ob das immer so ist oder ob man auch mit der Mitarbeiterin nur „Pech gehabt“ hat, wird wohl offen bleiben.
Aber nicht nur die negativen Aspekte sollen hier beleuchtet werden. Auch gute Erfahrungen werden mit der deutschen Bahn verbunden, wenn auch eher weniger. Unter diese zählen nette Zugbegleiter wie Peter, einfacher Onlinekauf von Karten sowie Hilfe bei Notfällen – wo man aber auch bedenken muss, dass die mangelnde Hilfe ebenfalls ein Kritikpunkt war.
„Ich wurde in der Bahn von einem älteren Mann belästigt. Die Zugbegleiter haben mir geholfen und haben sogar die Polizei benachrichtigt. Einen Kakao habe ich auch noch bekommen.“ (K. Wehmann)
Trotz aller Verspätungen ist die Bahn für viele eine gute Möglichkeit, um von A nach B zu reisen, obwohl empfohlen wird, sie nicht zu nutzen, wenn man wirklich pünktlich sein möchte. Auch die Umweltfreundlichkeit und die Sicherheit der Züge wird oft gelobt, ebenso wie die Online – Möglichkeit, preisgünstig zu reisen. Für viele der Verspätungsgründe sind unbeeinflussbare Dinge wie das Wetter verantwortlich und auch nicht alle Mitarbeiter sind unfreundlich. Den meisten Reisenden bleiben allerdings nur die negativen Erlebnisse im Gedächtnis. Natürlich wird es für selbstverständlich gehalten, dass alles ohne Komplikationen verläuft, und so tut sich hier ein Entscheidungsspielraum auf. Die Organisation eines solchen Unternehmens ist nicht einfach, und obwohl man nicht leugnen kann, dass ein schlechter Ruf nicht grundlos entsteht, sind doch einige dieser Probleme, die uns zusehends auf die Nerven gehen, nicht allein die Schuld der Deutschen Bahn. Die Gesamtbewertung ist jedem selbst überlassen. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, wie viel später ich die letzten Tage nach Hause kam, wird sich die allgemeine Kritik über die Deutsche Bahn wohl kaum verflüchtigen…

Quellen: http://www.dooyoo.de/transportmittel-international...