Bengt-Pflughaupt-Preis für Thea Meyer

Die Vorsitzende des Fördervereins der Freunde und Förderer des Gymnasiums, Karen Drews (v.l.), mit der mit einem besonderen Preis für eine besondere Geschichte ausgezeichneten Katharine Watzlawick, der Gewinnerin des Bengt-Pflughaupt-Preises, Thea Meyer, sowie den Teilnehmern Chari Opfer, Annika Peter, Clara Jürgens (zweiter Preis), Elena Eichel, Sarah Reichert (beide dritter Preis) und Isabell Reichert. Foto: A. Wiese

Wettbewerbssieger beim Neujahrsempfang des Gymnasiums geehrt

Mellendorf (awi). Bereits zum vierten Mal haben Wedemark ECHO und der Verein der Freunde und Förderer des Gymnasiums Mellendorf gemeinsam den
Bengt-Pflughaupt-Preis für journalistische Nachwuchsarbeit am Gymnasium ausgelobt. Der Wanderpreis, der die Erinnerung an den ehemaligen Schüler der Schule, Journalisten und Autor Bengt Pflughaupt wach halten soll, der im September 2009 im Alter von 48 Jahren starb, wurde erneut im Rahmen des Neujahrsempfangs von Gymnasium und Förderverein übergeben. Die Siegerin heißt in diesem Jahr Thea Meyer vor Clara Jürgens auf Platz zwei und Sarah Reichert und Elena Eichel, die sich den dritten Platz teilen.
Die Schüler ab Klasse zehn des Gymnasiums können in ihrer Freizeit im Rahmen des Wettbewerbs einen journalistischen Beitrag zu einem sozialen Thema recherchieren und schreiben und wandeln damit auf den Spuren des Namensgebers des Wanderpreises. Bengt Pflughaupt war es ein besonderes Anliegen, durch seine journalistische und schriftstellerische Arbeit soziale Themen und menschliche Schicksale in den Fokus zu rücken. Die Jury freute sich über neun qualitativ hochwertige Beiträge zu den verschiedensten Themen. Doch die Entscheidung für die Siegerin fiel einstimmig aus: Thea Meyer hat sich aus ihrer eigenen Perspektive mit der Situation ihrer Eltern und insbesondere ihrer Mutter auseinandergesetzt, die die demenzkranke Großmutter zu Hause pflegen. Theas Beitrag „Wenn Vergessen zur Krankheit wird“ sowie den der zweitplatzierten Clara Jürgens („Inklusion – oder doch Exklusion?“) finden Sie auf Seite 4 dieser Ausgabe. Die beiden drittplatzierten Beiträge von Sarah Reichert („Asphalt“) und Elena Eichel („Leben lernen) veröffentlichen wir in der nächsten Ausgabe des ECHO am Mittwoch.
ECHO-Verlagsleiter Thorsten Schirmer bedankte sich bei den Lehrern des Gymnasiums dafür, dass sie die Schüler zur Teilnahme am Wettbewerb motiviert hatten. Die Fördervereinsvorsitzende Karen Drews überreichte der Fachbereichsleiterin Deutsch, Daniela Bögershausen, einen Blumenstrauß als Dankeschön. Der Förderverein stiftete für die Siegerin Thea Meyer ein journalistisches Seminar. Das ECHO übernahm wie jedes Jahr die Buchgutscheine für die Platzierten und Teilnehmer im Gesamtwert von 350 Euro. Eine Teilnehmerin hob Schirmer bei der Siegerehrung auf besondere Weise hervor: Katharine Watzlawick erhielt „einen besonderen Preis für einen besonderen Beitrag“, der sich mit der Krebserkrankung ihrer Mutter und ihrem eigenen Erleben dieser Situation beschäftigte.
Wie es bei diesen Wettbewerben manchmal vorkommt, schaffte es der Beitrag unter Beachtung aller von der Jury gestellten Kriterien zwar nicht aufs Siegertreppchen, rührte aber insbesondere durch den Mut seiner Verfasserin, dieses sehr persönliche Thema so aufzugreifen, an. „Bengt wäre stolz auf dich gewesen“, war wohl das höchste Lob, das Thorsten Schirmer an diesem Abend für Katharine zu vergeben hatte.
Keiner der Teilnehmer an diesem Wettbewerb, der die Schüler einerseits zum Schreiben überhaupt motivieren und andererseits zur Auseinandersetzung mit nicht so einfachen Themen ermutigen soll, ging an diesem Abend mit leeren Händen von der Bühne. Auch Annika Peter, die ihre Erfahrungen aus einem Theaterstück mit behinderten Kindern verarbeitet hat, Chari Opfer mit ihrem Bericht über den für soziale Zwecke engagierten Verein „Vereint für Hannover“ und Isabell Reichert, die das soziale Kaufhaus thematisiert hatte, freuten sich über einen Buchgutschein als Anerkennung. Celine Böhm, die über „Bessere Aussicht auf besseres Spenden“ geschrieben hatte, war nicht anwesend. Vor der Preisverleihung hatten Schulleiterin Swantje Klapper und die Fördervereinsvorsitzende Karen Drews einen kurzen Rück- und Ausblick gehalten. Drews stellte die Fördervereinsaktivitäten des letzten Jahres vom Umzug der Abi-Denkmäler über die Unterstützung von Austauschen und den Berufsinforamationstag bis zum Kauf von elektronischen Wörterbüchern vor und sicherte das gleiche Engagment für 2014 zu. Schulleiterin Swantje Klapper sprach Inklusion und Mehrarbeit an, freute sich über die erfolgreichen Drachenbootfahrer und die fleißigen Schüler, die „völlig allein über 3.500 Euro“ für die Flutopfer sowie eine Schule in Südafrika gesammelt haben. Sie erwähnte lobend die neue Cafeteria für die Oberstufe, ließ aber auch ihre Sorgen bezüglich Raumproblemen und einem „gemeinsamen Oberstufenzentrum in der Wedemark“, wie es SPD-Bürgermeisterkandidat Helge Zychlinski beim Speed Dating in den Raum gestellt hatte, anklingen. Die Grußworte für die Gemeinde sprach die Erste Gemeinderätin Konstanze Beckedorf. Sie spielte auf einen möglichen Umbau von Mensa und Pausenbereich an.

Siegerbeitrag von Thea Meyer für den Bengt-Pflughaupt-Preis:
„Ihre Pflege ist Bürde und Geschenk“

„Angespannt sitze ich vor meinem Schulprojekt und überlege fieberhaft, was ich schreiben soll. Doch kaum, dass ich meinen Stift auch nur ansetzte, höre ich schon wieder ein leises „Hallo“ durch das Haus hallen. Schnell schreibe ich einen Satz nieder, während sich die „Hallo“-Rufe mehrmals wiederholen. Mit einer Mischung aus Frust und Resignation stapfe ich die Treppe herunter. Vor dem Zimmer meiner Großmutter bleibe ich kurz stehen und atme tief durch. Als ich ihr Zimmer betrete, lächele ich ihr breit entgegen. „Was ist denn los, Omi ?“, frage ich besorgt. Ich stelle mich neben ihr Bett und schaue freundlich zu ihr herunter. Etwas verzweifelt sieht sie zu mir hoch und dann fängt das Gestammel schon wieder an. Sie redet von irgendwelchen Karten und Spielen und in den seltensten Fällen machen ihre Sätze noch irgendeinen Sinn.
Meine Großmutter leidet an Alzheimer und wir pflegen sie bei uns zu Hause. Trotz des Stresses und der starken Belastung für unsere Familie haben meine Eltern sich dagegen entschieden, meine Großmutter in ein Altersheim zu schicken. Unsere Familie ist dabei schon lange kein Einzelfall mehr. Laut der Alzheimer Forschung Initiative e.V. leiden circa 1,2 Million Menschen an Alzheimer und etwa 70 Prozent davon werden zu Hause durch Angehörige gepflegt. In mehreren Foren und Internetseiten für Angehörige zeigt sich, dass viele Personen die Pflege von Alzheimererkrankten selber übernehmen. Oftmals wird in Foren für diese Angehörigen starke psychische und auch physische Belastung thematisiert und nicht selten liest man Sätze wie z. B.: „So geht das nicht weiter.“, „Wann hat das ganze endlich ein Ende.“ oder auch „Ich kann nicht mehr.“
Aber nicht nur im Internet werden die Krankheit und die Pflege von erkrankten Angehörigen immer mehr thematisiert. Immer mehr Bücher über die Erfahrung von Angehörigen erscheinen auf dem Markt. Titel wie „Mutter, wann stirbst du endlich ?“ schockieren und ziehen Aufmerksamkeit auf sich. In ihrem Buch beschreibt Martina Rosenberg ihr Leben nach der Demenzerkrankung ihrer Mutter und dem Schlaganfall ihres Vaters. Sie schreibt über die Trauer, die sie empfindet, weil die Eltern, die sie einst kannte und liebte, langsam zu Fremden werde. Sie schreibt von der Wut, die sie packt, wenn ihrer Eltern ihr (unbewusst) das Leben schwer machen und sie schreibt von dem schlechten Gewissen, das sie hat, wenn sie sich wünscht, dass das langsame Dahinsiechen ihrer Mutter endlich ein Ende haben soll.
Nach über einem Jahr, in dem unsere Familie meine Großmutter pflegt, merke ich, dass ich mich immer besser in solche Gedanken hineinversetzten kann. Immer öfter erschreckt mich der Zerfall meiner Großmutter. Von der liebenswerten alten Lady, die immer freundlich und höflich war, ist nichts mehr geblieben. Die Frau, die in unserem Haus langsam vor sich hinvegetiert, hat schon lange nichts mehr mit meiner Großmutter zu tun. Auch wenn sie sich mir gegenüber meist freundlich verhält, so weiß ich doch, wie herrisch und unfreundlich sie mit meinen Eltern umgeht, die sich so aufopfernd um sie kümmern. Sympathie weckt das bei mir nicht gerade und auch wenn ich weiß, dass sie nichts dafür kann, dass das halt Teil des Krankheitsverlaufes ist, merke ich trotzdem immer häufiger, dass ich mich dazu zwingen muss, freundlich mit ihr umzugehen. Immer wieder frage ich mich dabei, wie es meinen Eltern wohl dabei geht. Ich merke, wie schwer es für meinen Vater ist, seine Mutter langsam zu verlieren, und ich merke, wie schwer es für meine Mutter ist, die Pflege zu übernehmen. Sie musste ihr ganzes Leben neu organisieren. Da meine Großmutter nicht länger als zwanzig Minuten alleine zu Hause sein darf, kann meine Mutter immer nur dann aus dem Haus, wenn entweder ein anderes Familienmitglied zu Hause ist, oder aber jemand vom Pflegedienst für ein paar Stunden am Vormittag auf meine Großmutter aufpasst. Für meine Mutter, die den Haushalt und die Buchhaltung für meinen Vater macht und sich nebenbei auch noch um ihre Pferde und die Vereinsarbeit kümmern muss, ist die derzeitige Situation eine starke Belastung. Zeitdruck, Stress und das Gequengel meiner Großmutter setzen ihr sehr stark zu. Immer häufiger reagiert sie gereizt und wirkt deprimiert, sie schläft schlecht, hat Albträume und langsam macht sich die ganze Situation auch körperlich bei ihr bemerkbar. Oftmals wirkt sie angeschlagen und ihr Rücken leidet darunter, dass meine Großmutter sich kaum noch bewegen kann und meine Mutter sie deshalb auf die Toilette und wieder zurück ins Bett wuchten muss. Zu ihrem Stress kommt noch dazu, dass mein Vater freiberuflich arbeitet, d.h., dass er oftmals spontane Aufträge erhält und dadurch, dass er keinen festen Arbeitsplatz hat, sondern in ganz Deutschland arbeitet, kommt er, wenn er arbeitet, meistens nur über das Wochenende wieder nach Hause. Für die zeitliche Planung meiner Mutter ist das oftmals fatal. Termine, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden, müssen umdisponiert oder abgesagt werden. Für meine Mutter bedeutet das vor allem eins: Noch mehr Stress.
Meine Eltern versuchen zwar, mich möglichst aus allem, was meine Großmutter betrifft, herauszuhalten, aber ich bekomme trotzdem ziemlich viel mit. Das ist einfach unvermeidlich, wenn man unter einem Dach zusammenwohnt. Ich persönlich denke auch nicht, dass mich die Situation meiner Großmutter so stark belastet. Meine Eltern leiden viel mehr unter der gesamten Situation. Für mich stellt sich da oft die Frage: Wofür eigentlich diese ganze Quälerei? Warum sollten wir eine Frau pflegen, die uns in den meisten Fällen gar nicht mehr erkennt? Wieso können wir sie nicht einfach in ein Altersheim steck-en? Die Antwort auf diese Fragen ist ebenso komplex wie simpel: Pflichtgefühl treibt uns an, die Pflege zu übernehmen. Schuldgefühle verbieten uns, sie in ein Altersheim zu geben. Aber nicht nur unser Gewissen hält uns davon ab, die Pflege in fremde Hände zu legen, auch die Situation in Altenheimen lässt uns zögern. Immer wieder hört man Beschwerden darüber, dass sich nicht genug um die Bewohner gekümmert wurde oder dass diese medikamentös ruhig gestellt wurden. Solche Umstände sind von einem Pflegesystem, in dem schlecht bezahlte Pfleger mit miesen Arbeitszeiten auf Grund von Unterbesetzung nur wenige Minuten pro Bewohner haben, zu erwarten und mit einer Verbesserung ist in nächster Zukunft nicht zu rechnen. Nur wie soll es da möglich sein, dass eine Person, die bei uns fast 24 Stunden am Tag Aufmerksamkeit bekommt, sich an einem Ort wohlfühlen soll, an dem es zeitlich einfach nicht möglich ist, dass sich jemand so wie wir um sie kümmert? Für uns steht fest: Altersheim ist für uns der letzte Ausweg, wenn es sonst keine Alternative mehr gibt. So sehen wir uns also einer Zukunft gegenüber, die sich an einer Frau orientiert, die selbst keine Zukunft mehr hat. Die Tatsache, dass die durchschnittliche Krankheitsdauer bei sieben Jahren liegt und meine Eltern so wahrscheinlich noch mehrere Jahre der Pflege vor sich haben, beunruhigt mich sehr. Vor allem da ich in anderthalb Jahren mein Abitur mache und danach gerne von zu Hause ausziehen würde. Meine Eltern würden eine solche Entscheidung gutheißen und mir versichern, dass ich mein Leben nicht anpassen muss, nur weil sie sich entschieden haben, die Pflege meiner Großmutter zu übernehmen. Doch wie könnte ich meine Eltern einfach im Stich lassen? Andererseits will ich auch ein eigenes Leben führen und wünsche mir auch für meine Eltern, dass sie ein eigenes Leben führen können. Ich habe Angst, dass die Aufgabe, die sie sich selbst auferlegt haben, sie langsam von innen heraus kaputt macht. Sich für das Pflegen von Angehörigen zu Hause zu entscheiden, ist eine schwerwiegende Entscheidung. Die Verantwortung und die psychische Belastung, die sie mit sich bringt, ist nicht zu unterschätzen. Das Leben, wie man es kannte, wird vollkommen auf den Kopf gestellt. Freizeit wird weniger, Streit in der Familie häufiger und der Stress steigt einem leicht zu Kopf. Doch trotz alldem würde ich meine Großmutter nie in ein Altersheim geben. Auch wenn es anstrengend ist, mit ihr zu leben, so bin ich froh, dass sie bei uns ist. Ich bin froh darüber, dass sie ihre letzten Jahre auf Erden mit ihrer Familie verbringen kann. Ich bin froh darüber, dass meine Familie nicht an dieser schweren Aufgabe zerbricht, sondern näher zusammenwächst und jeder versucht dem anderen zu helfen. Ich bin froh darüber, dass ich die Freizeit, die ich habe, zu schätzen weiß, und ich bin froh darüber, dass ich mich über die kleinen Dinge im Leben freuen kann, wie zum Beispiel das dankbare Lächeln meiner Mutter, wenn ich sie nach einem langen Tag in dieArme nehme. Das alles und noch viel mehr hat mir meine Großmutter unbewusst beigebracht. Wahrscheinlich sollte ich ihr sogar auf eine gewisse Weise dankbar sein: Ihre Pflege ist zwar eine Bürde, aber auch ein Geschenk, denn die Lehren, die ich aus dieser Erfahrung gewinne, werden mich mein Leben lang begleiten.“