Bissendorfs Ortskern als Modell erschaffen

Blick auf das Modell „Rund um de Kerken“ von Manfred Sievers. Im Vordergrund ist das Sparkassengebäude zu sehen. Fotos: A. Wiese
 
Gesamtansicht des Modells.
 
Die Kirche.

Manfred Sievers hat mit unglaublicher Liebe zum Detail 15 Gebäude im Maßstab 1:87 nachgebaut

Bissendorf (awi). Heimlich, still und leise hat Manfred Sievers (69) ein kleines Wunderwerk erschaffen: ein Modell von Bissendorfs Ortskern „Rund um de Kerken“ im H0-Maßstab 1:87 auf einer Holzplatte in den Maßen zwei Meter mal 1,80 Meter. 15 der 16 Gebäude sind bereits fertig, nur das Restaurant Kuhlmanns Hof fehlt noch, und die Ampelanlage vor der Sparkasse. Staunend steht der Betrachter in Sievers Werkstatt vor der Platte mit dem Modell und kann es nicht fassen: Da ist die Kirche mit jedem noch so kleinen Detail, selbst das Banner an der Kirchenmauer und der Kasten für die Aushänge fehlen nicht, daneben das Küsterhaus, das Hotel Brunnenhof inklusive dem Porsche des Geschäftsführers.
Gegenüber das Amtshof-Ensemble mit Amtshaus, Bürgerhaus, Kavaliershaus und Bibliothek. Auch hier eine unglaubliche Detailtreue. Selbst die Brunnen im Amtsgarten und auf dem Amtshof sind auf den ersten Blick zu erkennen. Und wie hat er bloß die Nottreppe am Bürgerhaus hinbekommen? „Das ist ein Filter aus dem Baumarkt, zurechtgebogen und mit Draht verfeinert“, schmunzelt Manfred Sievers. Zwei Jahre hat er jetzt an diesem Modell gebaut. „Ich hatte ja Zeit, musste wegen gesundheitlicher Probleme kürzer treten und mich sinnvoll beschäftigen und dann war da ja auch noch Corona“, berichtet der frühere Immobilienverwalter, der sich vom Miniaturwunderland in Hamburg hat inspirieren lassen.
Doch angefangen hat diese Leidenschaft bereits vor 40 Jahren. Da hat er nämlich das Haus seines Großvaters im Hermann-Sievers-Weg, der nach diesem Bissendorfer Original benannt ist, nachgebaut. „Leider habe ich das Modell vor ein paar Jahren bei einer Dachentrümpelung weggeworfen, was mir eine Woche später schon leid tat, aber nicht mehr zu ändern war“. Daraufhin baute er sein Haus noch einmal nach. Die Besucher des Heimatmuseums konnten diese gelungene Arbeit vor zwei Jahren bei der Ausstellung im Richard-Brandt-Museum bewundern. Rund 600 Besucher seien in der Ausstellung gewesen und er habe viel Zuspruch bekommen, erinnert sich Sievers. Als er vor zwei Jahren eine Beschäftigung suchte, wollte er eigentlich nur die St.-Michaelis-Kirche nachbauen, doch dabei blieb es dann nicht. Die Kirche ist allerdings der zentrale und auffälligste Punkt des Modells und in ihr kann Sievers sogar die Glocken läuten lassen. „Pastor Buck hat mir versprochen, dass er mir noch mal das Originalgeläut auf MP3 aufnimmt“, hofft der Modellbauer, dass sich dieser Wunsch irgendwann einmal erfüllt. Doch bei der Kirche blieb es dann nicht. Jeweils als Einzelgebäude, die dann maßstabsgetreu auf der Platte eingepasst wurden, enstanden auch Gemeindehaus und Pfarrhaus, Pfarrscheune und Küsterhaus, dahinter das Henstorf-Haus, gegenüber das Haus der Familie Hahn, VGH-Versicherung und First-Reisebüro. Auf der anderen Straßenseite Amtshofensemble und Sparkasse. In einer Legende sind Namen, Funktion und Historie der Gebäude kurz festgehalten. „Das habe ich alles aus der Bissendorfer Chronik, da kann man es dann bei Interesse ausführlich nachlesen“, erzählt der passionierte Modellbauer.
Sieht man sich in seiner liebevoll eingerichteten Werkstatt um, entdeckt man das Material, das er für den Modellbau verwendet: die Sperrholzplatten, die Acrylfarben und einen großen Stapel Fotos, digital aufgenommen, zum Teil mit einer Flugdrohne, dann ausgedruckt und auf Sperrholz übertragen. „Wenn man 13,50 Meter vom Objekt wegsteht, kann man es 1:1 ausdrucken und hat genau den richtigen Maßstab“, hat Sievers herausgefunden. Teilweise hat er sich auch die Originalbauzeichnungen besorgt, zum Beispiel vom Amtshof-Ensemble, die Zeichnungen dann kopiert, die Wände herausgeschnippelt und mit Acrylfarbe bemalt. Doch kein Gebäude gleicht von der Herstellung dem anderen. So ist das Küsterhaus beispielsweise mit kleinen Klinkerplättchen beklebt, beim Pfarrhaus hat der Konstrukteur dann wieder eine ganz andere Technik verwendet. Dachrinnen und Fallrohre kaufte er meist zu. Einiges Zubehör fand sich bei den Modelleisenbahnern, zum Beispiel die Rasenstreifen. Doch die Bäume sind alle selbst gemacht, aus echtem Holz, das er mit einem grünen Geflecht überzogen hat.
Das komplette Modell ist so konstruiert, das er es an einer Seilwinde unter die Werkstattdecke ziehen und dort staubdicht abschließen kann. Weil er das Wunderwerk jedoch eigentlich gerne irgendwann der Öffentlichkeit präsentieren würde, am liebsten im Bürgerhaus oder im Museum, hat er bereits eine Plexiglasumrahmung gebas-telt. „Ich könnte mir auch vorstellen, es dem Heimatmuseum als Dauerleihgabe zu überlassen“, überlegt der 69-Jährige, der sich freuen würde, wenn ihn die Gemeinde auf eine Präsentation im Ort ansprechen würde.
Das handwerkliche Geschick habe er übrigens von seinem Vater geerbt, der Werkzeugmacher bei Sennheiser war, berichtet Manfred Sievers. Er selbst habe dieses Talent beruflich nicht genutzt, sondern 47 Jahre in der Immobilienverwaltung gearbeitet. Geboren sei er in dem Haus am Hermann-Sievers-Weg, in dem er heute wieder lebt, doch im Alter von sechs Jahren sei er mit seiner Familie in die Hasselriede gezogen und dort aufgewachsen. Später richtete er sich dann mit 30 Jahren das Haus seines Großvaters, das dieser 1963 gekauft hatte, wieder her und überließ das Anwesen in der Hasselriede dann irgendwann seinem jüngsten Sohn. Dass die Straße, in der er lebt, nach seinem Großvater benannt ist, erfüllt ihn mit Stolz. „Er war der letzte Besenbinder in Niedersachsen, überall engagiert im Dorf, Mitglied in vielen Vereinen und Jahrzehnte Vorsitzender und später Ehrenmitglied der Schützengesellschaft“, so Manfred Sievers. Nachdenklich beugt er sich über sein Modell: „Ein paar Personen werde ich noch kaufen. Bisher sitzen nur ein paar Leute auf der Terrasse vom Brunnenhof und vom Café Beans. Meine Frau meinte, da müsse noch Leben ins Dorf.“ Die mehr als 50 Autos, die auf den Parkplätzen stehen und auf den Straßen „fahren“, hat er sich auf Flohmärkten und bei anderen Gelegenheiten zusammengesucht. Auch ein Fahrrad entdeckt man bei näherem Hinsehen.
Wie hat er nur den Maßstab so passend hingekriegt, inklusive Gefälle an der Kirche und am Kummerberg übrigens? „Ich habe mir eine Liegenschaftskarte im Maßstab 1:500 beim Katasteramt gekauft“, verrät der Hobby-Modellbauer. Die Karte habe er dann auf dem Fernseher gespiegelt und die Grundstücksgrenzen auf Folie übertragen in dem Maßstab, den er benötigte. Dass er sich auf die 16 Gebäude inklusive des noch fehlenden Kuhlmanns Hofes beschränkt hat, ist den räumlichen Verhältnissen in seiner Werkstatt geschuldet: Eine größere Grundplatte für das Modell hätte er hier nicht untergekriegt. Die Platte steht auf seiner Tischler-Kombi-Maschine. Die Seilwinde, die ein Gewicht von sieben Tonnen stemmen kann, hakt er beim Hochziehen von der Maschine in das Kirchengelände ein und kann so die rund 50 Kilogramm schwere Platte mit dem Modell problemlos bewegen. Vier Bogenlampen sorgen für Beleuchtung. Er habe mal überlegt, auch noch Straßenbeleuchtung anzubringen, sich dann aber dagegen entschieden, meint Sievers. Was er in Angriff nehmen will, wenn das letzte Gebäude und die Ampelanlage installiert sind, das weiß er noch nicht, aber auf einmal gar nichts mehr zu tun zu haben, kann er sich auch nicht vorstellen. Allein die Ausflüge ins Dorf, um sich noch einmal vor Ort inspirieren zu lassen und Fotos zu machen, seien eine herrliche Freizeitbeschäftigung gewesen, die ihm fehlen werde, gibt der 69-Jährige zu. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht, Bissendorf hat ja noch sehr viel mehr Gebäude zu bieten. Weitere Fotos vom Modell und auch die Legende finden Interessierte auf der Homepage des Wedemark-Echo unter www.extra-verlag.de.