„Brauchen ein Europa des Friedens“

DIe SPD-Bundestagsabgeordnete und Ortsvereinsvorsitzende Caren Marks bedankte sich bei ihrem Parteifreund Peer Steinbrück mit einer Flasche „gutem Roten“ für den Auftritt in Mellendorf.

Knapp 400 Zuhörer verfolgten den Vortrag von Ex-Finanzminister Peer Steinbrück

Mellendorf (awi). Da waren sich der frühere Finanzminister Peer Steinbrück und seine Parteikollegin und Bundestagsabgeordnete Caren Marks einig: „Wir brauchen ein Europa des Friedens und müssen noch stärker ein Europa des Zusammenhalts werden.“ Unter dem Titel „Finanzpolitik in Zeiten der Eurokrise“ fesselte der SPD-Politiker fast zwei Stunden lang knapp 400 Zuschauer in der Agora des Schulzentrums und brachte diese nicht nur mit Sprüchen wie „Dann bin ich also quasi die Abrissbirne dieses Schulzentrums“ zum Schmunzeln.
Die Zuhörer, die nicht nur aus der Wedemark kamen und nicht nur Parteigenossen, sondern zum großen Teil am Thema interessierte Bürger waren, erlebten einen brillanten Rhetoriker, der trotz Wahlkampf ohne Polemik – lediglich ein gewisser amtierender Außenminister musste sich in Abwesenheit ein paar spitze Bemerkungen gefallen lassen – mit kurzweiligen Anekdoten gespickt so
trockene Themen wie Bankenkrise, Wirtschaftskrise und Eurokrise prägnant skizzierte und bewertete. Patentlösungen insbesondere für die aktuelle Griechenland-Krise hatte jedoch auch ein Peer Steinbrück nicht in der Tasche – zumal ihm vor stetig eingeschalteter Fernsehkamera die Worte auch teilweise etwas zögerlich von den Lippen kamen: „Wenn ich jetzt das Falsche sage, muss ich mich wieder eine Woche lang rechtfertigen“, begründete der SPD-Finanzexperte diese Zögerlichkeit. Voll und ganz stand Steinbrück jedoch zu seinen zur Zeit der großen Koalition getroffenen Entscheidungen. „Als ich 2008 mit der Kanzlerin vor die Fernsehkameras trat und versicherte, das die Sparguthaben sicher sind, um zu verhindern, dass die Menschen vor den Banken Schlange standen, um ihre Einlagen abzuholen und zu Hause im Sparstrumpf zu horten, taten wir etwas, für das wir keine rechtliche Grundlage hatten und sogar Caren Marks hat mich gefragt, ob wir eine Legitimation durch das Parlament gehabt hätten? Nein, hatten wir nicht.“
Ein Lob gab es von Peer Steinbrück für die Wedemark. Der prominente SPD-Politiker hatte sich vor seinem Auftritt im Schulzentrum auf Einladung von Bürgermeister Tjark Bartels im Rathaus ins Goldene Buch der Gemeinde eingetragen. „In der Wedemark wird offenbar gut gewirtschaftet.Der Bürgermeister hat mir erzählt, dass die neue Schule quasi zum Nulltarif gebaut worden sei, wenn man bestimmte Effekte anrechne.“ Dennoch sei die Krise der öffentlichen Finanzen dramatisch, allerdings noch lange nicht so sehr wie in anderen Ländern, wo ganze Nationalstaaten unter großem Druck ständen. Dabei habe man es jedoch nicht mit einer Eurokrise zu tun, betonte Steinbrück. „Mit dem Euro können wir alles kaufen, der Außenwert des Euro ist stark.“ Vielmehr habe man es mit einer Refinanzierungskrise einzelner Eurostaaten zu tun. So erhalte Griechenland Kredite nur noch für über 20 Prozent Zinsen und leide unter einer extrem hohen Staatsverschuldung. Irland habe die Bankenkrise, Spanien eine einseitig strukturierte Wirtschaft in einer „Immobilienblase“, Portugal eine strukturelle Wachstums-krise. Steinbrück warnte jedoch vor „Stammtischgerede“ und Bemerkungen wie „Die Griechen raus aus der EU“, „die D-Mark zurück“ und „die Deutschen sind nicht die Zahlmeister“. Solidarische Hilfe stehe zwar gerade nicht so hoch im Kurs, doch dürfe man nicht vergessen, dass 45 Prozent des deutschen Wohlstands auf Exporten beruhten. Er glaube nicht, dass es ohne des Rückhalt Europas eine deutsche Wiedervereinigung gegeben habe, so Steinbrück und erklärte: „Europa ist nicht das Problem, sodern die Lösung in einer sich erstaunlich verändernden Welt!“ Eine halbe Stunde lang stellte sich der Politiker noch den inte-ressierten und fachkundigen Fragen seiner Zuhörer, dann signierte er sein Buch „Unterm Strich“, um schließlich den Abend im Eichenkrug mit Marks und Bartels ausklingen zu lassen.