Ein Cockpit-Eigenbau im Keller

 
Am Lasercutter und der selbstgebauten Fräse (im Hintergrund) fertig Michael Schulz jedes einzelne Bauteil selbst an. Fotos: A. Wiese

Youtuber Michael Schulz ist am 18. Juni bei der Maker Faire dabei

Bissendorf (awi). Am 18. Juni steigt die Maker Faire Hannover digital – und Michael Schulz aus Bissendorf ist mit seinem Flugsimulator dabei. Seit vier Jahren plant und baut der 41-Jährige in seinem Keller an einem originalgetreuen Cockpit einer Boeing 737-800.
Wer einmal vom Thema Flugsimulation gepackt wurde, kommt nur schwer wieder davon los, versichert er. Jeder Bauabschnitt wird detailliert gefilmt und erläutert. Mittlerweile sind so über 70 Videos auf seinem YouTube-Kanal zusammengekommen. Und diese finanzieren über die Werbung gemeinsam mit dem Verkauf seiner Konstruktionspläne das aufwändige Hobby.
Anmeldung ist kostenfrei
Wie viele andere wird Michael Schulz sein Projekt auf der diesjährigen Maker Faire Hannover präsentieren. Im Rahmes des bundesweiten Digitaltags am nächsten Freitag findet die Maker Faire Hannover dieses Jahr das erste Mal virtuell statt. Den Teilnehmenden werden faszinierende Einblicke in unterschiedlichste Maker- und MINT-Themen ermöglicht. Die vielfältigen und interaktiven Angebote laden zum Wissensaustausch und Netwerken ein. Die Anmeldung ist kostenfrei. https://maker-faire.de/hannover.
„Ich werde im Keller eine Kamera aufbauen und bin dann mit allen, die Fragen haben, im Live Chat verbunden, kann jeden Schritt erklären“, freut sich Michael Schulz auf dieses besondere Erlebnis, für das er einen Tag Urlaub genommen hat. Während er sonst alle seine Videos auf Englisch kommentiert, weil er international aktiv ist, wird er imRahmen der Maker Fair auf Deutsch erklären. Bei 7.000 bis 8.000 Zugriffen im Monat auf seine Youtube-Videos kann man bereits durchaus von Professionalität sprechen. Der Cockpit-Eigenbau der Boeing 737 bleibt allerdings ein Hobby, auch wenn der Flugsimulator, wenn er in ein paar Jahren fertig ist, durchaus zum Fliegen lernen verwendet werden kann, wenn er sich seinen Simulator lizensieren ließe. Im Hauptberuf ist Michael Schulz Sofware-Programmierer bei einer großen Versicherung und will das auch bleiben.
Am Projekt Boeing 737 ist er tatsächlich seit 2017 dran. „Ich habe immer am PC mit den Flugsimulatoren gespielt, dann reichte ein Joystick nicht mehr, dann kamen mehr Bildschirme dazu und ein größeres Steuerhorn und schließlich die Erkenntnis: Dann kann ich mir eigentlich auch selbst ein richtiges Cockpit bauen. Dass er mit dieser Idee nicht allein ist, davon konnte sich der Bissendorfer bereits zwei Mal auf Europas größter Messe für Flugsimulatoren in Holland überzeugen. Dort kam er mit einem großen Anbieter für Sys-temsoftware ins Gespräch, der ihm schließlich anbot, seine Software zu nutzen. Im Gegenzug zeigt Schulz bei seinen Erklärvideos für die Panels deren Logo und führt aus, wie er seine Panels mit der Software konfiguriert.
Der Laie steht erst einmal ziemlich ratlos vor dem in der Entstehung befindlichen Boeing-Cockpit im Kellerraum, das gefühlt aus Hunderten von Kabeln und unzähligen Schaltern und Knöpfen aus Silikon und Gießharz besteht, die aber alle eine reale Funktion haben. Michael Schulz siebenjährige Tochter hingegen kennt bereits viele Fachbegriffe, weiß, wo der Pilot sitzt und welcher Knopf was steuert. Die Fensterscheiben fehlen noch in der sogenannten Shell-Cockpit-Hülle. Erst einmal legt Michael Schulz Wert auf die Technik, verwendet viel Zeit und jede Menge Plexiglas für die Servo-Motoren zum Betrieb der Zeiger-Instrumente und die Sieben-Segment-Anzeigen. Die Glare Wings, die Warnleuchten, sind selbstgebaute Knöpfe mit Beleuchtung. Wo die Technik noch fehlt hat Schulz Poster ausgedruckt und aufgeklebt – zu Selbstmotivation, wie er erklärt. Bis alles fertig und funktionstüchtig ist, werde es gut und gerne noch einige Jahre dauern. Aber dann hat er einen funktionsfähigen Flugsimulator im Keller stehen, in dem Beamer mit selbstgebauten gebogenen Leinwänden dann auch für das passende Flugfeeling sorgen werden.
Alles selber bauen - das machtfür den Bastelfreak Michael Schulz die Faszination seines Hobbys aus. Sogar die Fräse, mit der er Panels milimetergenau aussägt, hat er selbst gebaut: erst die Pläne gekauft und dann detailgetreu nachgebaut, daneben steht der Laser. Nur gut, dass der Keller in Michael Schulz Elternhaus in Bissendorf so groß ist. „Das ist einer der Gründe, warum wir uns vor einigen Jahren entschieden haben, hierher zu ziehen und das Haus für uns herzurichten“, erzählt der Familienvater. Seine Frau und seine Tochter haben Verständnis für sein zeitaufwändiges Hobby. „Meine Frau hat selber ein Hobby, in dem sie aufgeht, sie macht riesige Puzzle“, verrät Schulz.
Wenn er mit der selbstgebauten Fräse Panels und Plexiglas auf einen Zehntel Millimeter genau zugeschnitten hat, wird mit dem Lasercutter graviert und dann lackiert. Jede Elektrokompnente lötet er selbst auf die Platine. Und alles wird auf Youtube gezeigt und kommentiert. „Als Youtuber muss man ständig Material liefern, und das bei so einem Mammutprojekt. Aber mit fortschreitendem Alter geht man solche Zeiträume entspannter an“, schmunzelt Schulz. 4.200 Abonnenten hat er auf seinem Youtube-Kanal. Das kann sich sehen lassen. In der Szene sei das der drittgrößte Kanal, berichtet er stolz und ist gespannt, ob die Maker Faire am nächsten Freitag ihm noch einen weiteren Schub bringt. Immerhin wird er bei der digitalen Messe fünf Stunden am Stück im offenen Video-Konferenzraum online sein mit seinem Projekt, einem von 80 bei der Maker Faire, die sich an alle richtet, die gerne basteln.
Man braucht langen Atem
Und welchen Tipp hat er für diejenigen, die auf den Geschmack kommen, sich selbst einen Flugsimulator zu bauen? Sie brauchen vor allem einen langen Atem. Und je kleiner der Geldbeutel ist, desto länger sollte der Atem sein“, rät der Fachmann. Natürlich könne man sich solch ein Cockpit auch fertig hinstellen und losfliegen, doch für ihn sei der Weg das Ziel. Mehr Informationen zu Michael Schulz und seinem ehrgeizigen Projekt gibt es auf seiner Homepage unter der Adresse www.mickeys-flightdeck.de.