Einspruchsfrist seit gestern zu Ende

Sören Kaupmann wohnt in der Straße Vorm Hofe und damit seiner Meinung nach „am nächsten dran“.

Interview mit einem Anwohner des IGewerbegebiets Neuer Hessenweg

Gailhof/Meitze (awi). Dass das geplante Industrie- und Gewerbegebiet am Neuen Hessenweg in Gailhof die Gemüter bewegt und erregt ist kein Geheimnis. In der Nacht zum heutigen Sonnabend um Mitternacht ist die Abgabefrist für die Einwendungen im aktuellen Beteiligungsverfahren zu dem geplanten Industrie.- und Gewerbegebiet “Neuer Hessenweg” zwischen Gailhof und Meitze ausgelaufen. Bei der Gemeinde gingen bis Donnerstag 15 Eingaben ein, wie Gemeindesprecher Ewald Nagel berichtete. Aber für gestern vormittag hatten noch mehrere ihre Eingabe angekündigt, unter anderem der Verein Bürger für eine lebenswerte Wedemark. Die Eingaben werden jetzt gesichtet und ausgewertet, bevor das Verfahren weiter seinen Lauf nimmt.
Das ECHO hat das Fristende zum Anlass genommen, noch einmal einen betroffenen Bürger zu Wort kommen zu lassen. Sören Kaupmann wohnt in Gailhof in der Straße Vor dem Hofe und ist nach seinen Worte „ganz nah dran“.
ECHO: Herr Kaupmann, warum fühlen Sie sich als direkt Betroffener des geplanten Industrie- und Gewerbegebietes?
Sören Kaupmann: Ich bin nicht nur ein besorgter Bürger und Liebhaber der lebenswerten Wedemark, ich wohne auch in unmittelbarer Nähe des geplanten Industriegebietes am Hessenweg und bin natürlich mit den Themen, die in diesem Zusammenhang in den letzten Monaten in aller Munde waren, unmittelbar konfrontiert wurde. In der Tat wollen die die erste Hallenwand direkt hinter mir bauen, in 150 Meter Entfernung.
ECHO: Sind Sie grundsätzlich gegen Gewerbegebiete?
Sören Kaupmann: Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich es sehr gut nachvollziehen kann Unternehmen die Möglichkeit zu geben sich in der Wedemark zu entfalten, die Möglichkeit zu haben sich zu vergrößern, zu optimieren, Investitionen zu tätigen, was auch immer die Beweggründe sind sich logistisch zu verändern. Ich selber war und bin in einer ähnlichen Situation in einer anderen Gemeinde und kenne die damit verbundenen Probleme, hier nach Lösungen für ortsansässige Unternehmen zu suchen ist auf alle Fälle richtig.
ECHO: Also geht es Ihnen vor allem um diesen speziellen Standort?
Sören Kaupmann: Ich erlaube mir in diesem Kontext auf ein paar Dinge aufmerksam zu machen, denn im Kern bin ich wie viele andere der Meinung das das ausgesuchte Gebiet zumindest für die Ansiedlung von großen Industriekomplexen nicht geeignet ist. Hierfür gibt es viele Beispiele, die alle zur Genüge bekannt sind. Es ist für Politik und Verwaltung immer einfach aus einer Situation heraus zu entscheiden, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist. Ich bin mir ganz sicher, dass, wenn handelnde Personen in direkter Nähe zu einem solchen Projekt wohnen würden, hier ihre Kinder aufwachsen gesehen, ausgiebige schöne Spaziergänge gemacht und den Ausblick genossen haben, dann würden die verantwortlich Handelnden ihre Sicht auf die Dinge vielleicht ändern oder zumindest hinterfragen.
ECHO: Sie werfen also Politik und Verwaltung vor, wirtschaftliche Interessen vor die Interessen der direkt betroffenen Bürger zu stellen?
Sören Kaupmann: Für mich ist dieses Projekt überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich kann nicht verstehen, warum man ein solches Industrie- und Gewerbegebiet hierher pflanzen muss. Es gibt so viele Gründe, die dagegen sprechen, das zu tun. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum die Gemeinde ihre Bürger nicht verstehen will. Wenn alle betroffen wären, wirklich jeder dann wäre es gar keine Diskussion wert. Es sind aber jetzt in erster Linie die Anwohner die sich melden und eine Meinung haben. Das ist für die Politiker offenbar überschaubar. Aus einer solchen Situation heraus Entscheidungen zu treffen tut nicht so weh.
ECHO: Hatten die Anwohner denn tatsächlich nicht mehr mit einem solchen Projekt an diesem Standort gerechnet?
Sören Kaupmann: Vor gut vier Jahren hatte die Gemeinde ein ähnliches Projekt an derselben Stelle mit dem Bauträger Bauwo vorgesehen. Damals gab es massive Proteste und die Gegenwehr der CDU kurz vor der Kommunalwahl. Der Bürgermeister hatte das Projekt mit dem Versprechen zurückgezogen „das Ganze sei vom Tisch“. Mir geht es hier um die grundsätzliche Aussage, sich gegen ein Industrieprojekt auszusprechen.
ECHO: Sie werfen dem Bürgermeister und der Politik also Wortbruch vor?
Sören Kaupmann: Wie soll man eine solche Wandlung verstehen? Wie soll denn so Vertrauen in die regionale Politik entstehen? Wie wollen Bürgermeister und Politik denn perspektivisch das Vertrauen der Bürgern zurückgewinnen? Jetzt wird das gleiche Ziel mit kosmetischen Zugeständnissen erneut gegen den Widerstand der Bürger vorangetrieben. Damals nannte die örtliche CDU das Vorhaben noch eine „Vergewaltigung der Wedemark“, heute trägt die CDU das Vorhaben anstandslos mit. Das ist eine 180-Grad-Wende. Ich kann diese Wende nicht nachvollziehen. Die Bürger haben auch keine plausible Antwort, keine Erklärung bekommen, die ihnen hilft, das Denken der Parteien in dieser Sache nachzuvollziehen. Alle etablierten Parteien haben seit dem Start des zweiten Vorhabens rigoros Gespräche mit den Bürgern vermieden. CDU und SPD haben Einladungen der Vereine beziehungsweise Bürgerinitiative sogar öffentlich über die Presse mit fadebscheinigen Begründungen wie zu kurzfristigen Einladungen abgelehnt.
ECHO: Aber was ist denn Ihrer Ansicht nach der Grund für den von Ihnen wahrgenommenen Perspektivwechsel und die Kompromisslosigkeit der Politik?
Sören Kaupmann: Es gibt noch ganz viele andere Themen in diesem Zusammenhang dessen Antworten und Verhaltensweisen ich nicht nachvollziehen kann. Ich bin hier nicht alleine und jeder, der sich mit diesem Projekt auseinandersetzt, wird feststellen, dass es hier zu Ungereimtheiten gekommen ist, die zumindest für die Bürger nicht nachzuvollziehen sind und, wenn man genau hinschaut, auch von der Politik nicht glaubhaft dargestellt werden können.
ECHO: Glauben Sie noch daran, dass sich in der Sache etwas bewegen lässt, die Bürger und andere Verbände mit ihren Einsprüchen am Ende das geplante Gebiet verändern oder gar verhindern können?
Sören Kaupmann: Man kann so ein Projekt sicher mit den notwendigen Möglichkeiten durchboxen, am Ende müssen die handelnden Personen die Verantwortung übernehmen. Verantwortung dafür die Wedemark an einen Ihrer schönsten Ecken mit hohen Hallen, viel Verkehr, Lärm-, Stau-, und Schadstoffbelastungen verunstaltet zu haben.
ECHO: Herr Kaupmann, vielen Dank für das Gespräch!