„Ernährung muss Schulfach werden“

Hoher Besuch am Montag bei der Landschlachterei Dettmers in Elze: Barbara Otte-Kinast (Vierte von rechts), Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, folgte der Einladung von Fleischermeister Carsten Dettmers (links daneben), dem Obermeister der Fleischerinnung Burgdorf, und des MIT-Bezirksvorsitzenden Dietmar Reddig (links neben Dettmers). Mit dabei waren außerdem Joachim Drescher vom Fleischerverband Nord (von links), der Brelinger Fleischermeister Ralf Backhaus, Refe
 
Niedersachsens Landwirtschaftsmiinisterin Barbara Otte-Kinast freue sich sehr über die Rinderwurst, die ihr Fleischermeister Carsten Dettmers als Gastgeschenk überreichte. Foto: A. Wiese

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast besuchte Landschlachterei

Elze (awi). Drei Stunden lang hat sich Niedersachsens Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast, am Montagvormittag in der Landschlachterei Dettmers in Elze auf Einladung des MIT-Bezirksvorsitzenden Dietmar Reddig und des Obermeisters der Fleischerinnung Burgdorf, Carsten Dettmers, über Wünsche und Nöte der Landschlachter informiert und sich im vertrauensvollen Gespräch mit Dettmers, seinen Berufskollegen und Tierärzten ausgetauscht.
Dietmar Reddig war mit der Ministerin beim Neujahrsempfang in Bückeburg ins Gespräch gekommen und dabei war auch die geplante Videoüberwachung für Schlachtbetriebe angesprochen worden. „Hätten Sie nicht Lust, sich so einen Betrieb mal hautnah anzusehen, habe ich die Ministerin gefragt und sie hat sich über diese Chance sehr gefreut“, berichtet der MIT-Bezirksvorsitzende. Und so kam Otte-Kinast, die selbst einen Milchviehbetrieb bei Bad Münder hat, am Montag mit ihren Referenten nach Elze in die Landschlachterei Dettmers, besichtigte das Schlachthaus, stellte viele Fragen zum Ablauf des Schlachtens, war aber auch für Fragen der Schlachter offen, nicht nur in Zusammenhang mit der Gesetzesinitiative zur Videoüberwachung, die vor allem auch datenschutzrechtliche Fragen aufwirft.
Soll die Überwachung verbindlich für alle Betriebe gelten, unabhängig von der Größe? Was genau soll zu sehen sein? Wer bekommt die aufgezeichneten Daten zu sehen und wielange werden sie gespeichert? Das sind nur wenige Fragen, die noch beantwortet werden müssen, betonte Reddig im Anschluss an das Gespräch. Das drehte sich allerdings nicht nur um den Schlachtvorgang. Ausgesprochen wichtig ist der Ministerin Aufklärung über gesunde Ernährung, zu der auch Fleisch gehöre. Sie tritt für ein Schulfach Ernährungskunde ein und sagte klar dazu: „Kein einfaches Unterfangen in einer Zeit, wo Lehrer längst nicht mehr so fleischfreundlich wie früher sind.“ Auch bei ihrem Ministerkollegen Hendrik Grant-Tonne sei sie nicht unbedingt auf offene Ohren gestoßen mit ihrem Anliegen für ein weiteres Schulfach. „Da müssen wir noch dicke Bretter bohren“, ist ihr klar. Sie findet es jedoch erschreckend, „dass das Wissen um die Nahrungszubereitung total verloren gegangen ist und die Kinder heute nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land schon tatsächlich meinen, der Kartoffelbrei kommt aus der Tüte“. Daher müsse das Fach Ernährung und alles, was dazu gehört, in der Schule thematisiert werden, wie das in anderen Bundesländern bereits in der Vorbereitung sei. „Früher war immer jemand zu Hause, der mit uns gekocht hat, Mama, Oma oder eine unverheiratete Tante, heute bei der Ganztagsbetreuung der Kinder erleben diese Ernährungszubereitung gänzlich anders“, so Barbara Otte-Kinast am Montag in der Runde in Elze. Die Gesellschaft habe sich eben verändert und dem müsse Rechnung getragen werden. Schon in der Schule müssten Kinder Grundlagenwissen über Lebensmittel und umweltgerechte Abfallentsorgung sowie Ressourcenschutz lernen. Und zu einer umfassenden Information über Lebensmittel könne auch gehören, in einer Landschlachterei mit Wurstküche zu zeigen, wie ein Schwein zu Schnitzel und Mortadella verarbeitet und dass fast alles verwertet werde. Eine solche Idee stoße nicht in allen Schulen auf Gegenliebe, gab Fleischermeister Ralf Backhaus aus Brelingen zu bedenken. Dreimal habe er in seiner Landschlachterei für die Grundschüler von nebenan einen Betriebsrundgang angeboten, bei dem die Kinder auch Würstchen füllen durften. Nach einem Schulleiterwechsel sei dies dann nicht mehr erwünscht gewesen.
Otte-Kinasts Referentin Johanne Waßmuth bereitet es große Sorgen, „dass vielen Leuten das Essen völlig egal ist, sowohl wo es herkommt als auch wie es zubereitet wird“. Auch Fleischermeister Cars-ten Dettmers macht in seinem Laden die Erfahrung, dass das Thema Rindfleischkennzeichnung, dass für die Landschlachtereien ein großes bürokratiebehaftetes Thema ist, das den Verbraucher jedoch nicht interessiere. „Fragen dazu, wo das Rind herkommt, hören wir nie. Entweder setzen die Kunden eine regionale Herkunft voraus oder es interessiert sie wirklich nicht“, überlegte Dettmers und bezweifelte, dass er in zehn Jahren noch frisches unverpacktes Fleisch hinter dem Ladentisch anbietet. „Dann können sie ihren Laden zumachen“, prophezeite ihm die Ministerin. „Dann weiß keiner mehr, dass man eine Beinscheibe braucht, um Brühe zu kochen oder wie man einen Braten zubereitet“. Diesen Trend beobachte er heute schon, berichtete Dettmers, wenn beim Partyservice ein Schweinebraten für sechs Personen bestellt werde, damit die eigene teure Küche nicht benutzt werden müsse.
Für ihn und seine Berufskollegen ist aber auch die wachsende Bürokratie und Überwachung ein Thema, das ihnen Bauchschmerze bereitet. Zum einen kosten die zusätzlich unangemeldeten Überprüfungen Zeit, zum anderen müssen die Betriebe sie selbst bezahlen und zum aktuellen Prozedere sollen jetzt weitere Kontrollen hinzukommen. Und allein die akribisch vorgeschriebene Dokumentation von Gewürzen für die Schlachter zeige, dass die Bürokratie nicht noch mehr ausufern dürfe. „Wir müssen da unbedingt im Gespräch bleiben. Ich habe von diesem Termin vor Ort sehr wichtige Eindrücke und Anregungen mitgenommen“, sagte Barbara Otte-Kinast ernst. Sie wolle die kleinen Landschlachtereien unbedingt erhalten. Mit Genugtuung sehe sie bei ihren eigenen Söhnen, dass Kochen und eigene Zubereitung wieder im Trend seien, nachdem jahrelang der Pizzawagen für die Ernährung des Nachwuchses gesorgt habe, obwohl der Kühlschrank gut gefüllt gewesen sei. Sie selbst freute sich außerordentlich über die Dosen Rinderwurst, die ihr Carsten Dettmers überreichte. Sie sei geradezu verrückt danach, würde diese jetzt am liebsten gleich in die Pfanne hauen, verriet sie.
Bezüglich der Bürokratievorgaben riet sie den Vertretern der Fleischerinnung, das Gespräch auch mit den aktuell gewählten Europaabgeordneten zu suchen. Viele dieser Dinge würden in Brüssel entschieden. Sie empfahl auch diese Abgeordneten einmal zu einem Ortstermin einzuladen. Gespräche, wie die Vertreter der Innung sie heute mit ihr geführt hätten, seien sehr wichtig, um das Gespür für die Nöte und Bedürfnisse der Betroffenen vor Ort zu bekommen, betonte sie. Sie habe sich viele Stichpunkte von der Personalschulung bis zur Transparenz notiert, die sie mit in ihr Ministerium nehmen und dort zur Diskussion stellen wolle. Referentin Johanne Waßmuth konfrontierte Fleischermeister Carsten Dettmers zum Schluss des Gesprächs noch mit der Frage, ob er auch unkastrierte Eber schlachte und verarbeite beziehungsweise wie er dem Thema Hormonbehandlung statt Kastration gegenüberstehe. „Nehmen sie diese Tiere ab?“, wollte sie wissen. „Schwierig“, lautete die Antwort von Dettmers: „Aber wenn die Politik es will, werden wir es zukünftig wohl müssen.“ Die Reaktion des Verbrauchers darauf sei voraussehbar, waren sich alle am Tisch einig. Werde die Kastration per Impfung, also Hormonbehandlung, kommen, werde der Verbraucher dieses Fleisch ablehnen und das Vertrauen auch in die regionalen Betriebe schwinden.
„Wenn wir unsere Schweinehalter vor Ort verprellen, kommt unser Fleisch bald nur noch aus Holland und Dänemark“, gab MIT-Bezirksvorsitzender Dietmar Reddig zu bedenken. Dann seien Argumente wie Regionalität und Transparenz Geschichte. Dazu käme die CO2-Belastung durch die Transporte. „Das dürfte keiner wollen“, so Reddig, darum müsse man weiter für den Erhalt der kleinen Landschlachtereien vor Ort eintreten. In der Wedemark gebe es immerhin noch drei: Backhaus und Grimsehl in Brelingen und Dettmers in Elze. Sie alle genössen das uneingeschränkte Vertrauen der Verbraucher und das müsse auch so bleiben, betonte Reddig.