Esel Max lernt, seinen Job zu machen

Ingrid Stephan (Mitte) mit Esel Max (links) und Marvin Stein sowie Riesenesel Graucho mit Michelle Mollenhauer und Silvan Papke. Im Hintergrund die Sozialarbeiter Martin Schröter und Anna Rieder sowie eine Mitarbeiterin des Instituts für Lernen mit Tieren. Foto: A. Wiese

Institut für Lernen mit Tieren hat Max von der Lions-Spende finanziert

Lindwedel/Mellendorf (awi). Max ist ein ganz normaler Hausesel, nicht so etwas Besonderes wie sein Kollege Graucho. Der ist nämlich ein andalusischer Riesenesel. Und schon 21 Jahre alt. Max ist erst acht Jahre alt, also sozusagen noch ein Jungspund. Und er fängt gerade erst an, seinen Job zu machen. Graucho ist dagegen mit seinen 21 Jahren schon ein alter Hase. Und weil er weiß, was Chefin Ingrid Stephan vom Institut für soziales Lernen mit Tieren von ihren Eseln erwartet, lernt Graucho Max in seinem Job an. Cool steht der große hellgraue Esel angebunden am Hänger und lässt sich von den Kindern putzen. Heute ist nämlich Dienstag und dienstags steht in der Ganztagsschule auf dem Campus W das Projekt „Freundschaft mit Tieren“ auf dem Plan. Ganz so cool wie Graucho ist Max nicht. Immerhin ist das erst sein zweiter Einsatz. Seit einem guten halben Jahr lebt er jetzt bei Ingrid Stephan. Er ist der Nachfolger für Esel Chico, der beim Insitut für soziales Lernen ein biblisches Alter erreicht hat. Die Lions Wedemark hatten für einen Nachfolger von Chico gespendet. Wie die meisten ihrer Tiere hat Ingrid Stephan Max aus einer Tierschutzstation geholt, einer Eselschutzstation in den Niederlanden. „Meine Tiere haben damit oft eine ähnliche Biographie wie viele meiner Klienten, zu denen ich sie mitnehme“, erzählt Ingrid Stephan, die mit ihren Tieren auch viele Einsätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat. Max zum Beispiel hatte große Probleme, seinen Platz in der Herde zu finden. Er kam aus einer Einzelhaltung in die Tierschutzstation und kannte nicht nur keine anderen Esel, sondern gar keine Tiere. Das hat sich beim Institut im letzten halben Jahr schnell geändert. Max brachte für die Ausbildung als Therapieesel aber andererseits die besten Voraussetzungen mit: Er war sehr menschenbezogen und verschmust und an allem interessiert. An diesem Nacmittag aufdem Campus W hat er schnell begriffen, dass Ingrid Stephan ihm das Angebundensein mit Leckerlis versüßt, wenn er nur den Hals lang genug macht. Dass die puscheligen, nicht ganz gleichlangen Ohren dabei leicht zurückgelegt sind und dem pfiffigen Eselsgesicht damit einen leicht griesgrämigen Ausdruck verleihen, hat nichts zu bedeuten. Max ist ein freundlicher Esel, der sich ganz offensichtlich durchaus mit seinem Job anfreunden kann, wenn denn noch ein wenig Routine dazu kommt. Bei Ingrid Stephan hat er in diesem Winter gelernt, mit anderen Tieren auszukommen, einen gewissen Grundgehorsam an den Tag zu legen, brav am Strick zu gehen und ein leichtes Gewicht auf seinem Rücken zu dulden, zum Beispiel das Traggeschirr mit den Gemüsekisten oder ein kleineres Kind. Seinen ersten Einsatz hatte Max in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Da kann ich ihn auf dem eingezäunten Grundstück frei herumlaufen lassen. Das gefällt ihm besser als angebunden zu sein“, erklärt Ingrid Stephan. Bisher war er stets mit Graucho zusammen, das Verladen auf den Hänger ist überhaupt kein Problem. Jetzt muss Max üben, auch einmal alleine ohne seinen Kumpel mit den Kindern spazieren zu gehen. Seine Trainerin achtet darauf, dass ihn die Kinder von beiden Seiten führen und die Sequenzen für Max immer nur kurz sind, er dazwischen immer wieder Ruhepausen hat. „Ich versuche immer Tiere zu finden, die vom Interieur schon viel mitbringen“, so Ingrid Stephan und erklärt: „Sie wirken gerade auf die Kinder aus der Psychiatrie, weil sie authentisch sind, Freude oder Ablehnung niemals vorspielen, sondern ehrlich zeigen. Tiere würden niemals nur aus Höflichkeit freundlich sein, wenn sie keine Freude oder Sympathie empfinden. Diese klare Rückmeldung kommt bei den Klienten an und natürlich die Tatsache, dass ein Tier jeden so annimmt, wie er ist.“ Kinder mit Bindungsstörungen zum Beispiel könnten so wieder eine sichere Bindung zu Tieren aufbauen. Bei Eseln kommt hinzu, dass sie anders als Pferde oder Ponys keine klassischen Fluchttiere sind, sondern sich auch einer ungewohnten oder vielleicht sogar erschreckenden Situation in der Regel stellen.
Hier bei der Ganztagsschule auf dem Campus W, auf der kleinen Grünfläche neben dem Sportplatz, wo die zehn Kinder mit Hündin Linda spielen, die Kaninchen und die Hühner füttern und kraulen, soll Max erst einmal nur die Atmosphäre mitkriegen. Er findet ganz offenbar schon die Spaziergänge auf dem unbekannten Gelände über Gullideckel und an anderen ungewohnten Dingen vorbei furchtbar aufregend. „Daran soll er sich gewöhnen und er muss lernen, Dinge nicht auf sich zu beziehen“, erklärt Ingrid Stephan. Anna Rieder und Martin Schröter, die Sozialpädagogen von der Ganztagsschule, sind sehr zufrieden mit dem Projekt, dass sie in diesem Schuljahr erstmals für Schüler von Gymnasium, Realschule und Konrad-Adenauer-Schule anbieten und das von der Gemeinde finanziell unterstützt wird. „Wir haben uns ganz bewusst für das Institut für soziales Lernen mit Tieren entschieden, denn wir wollten Qualität und Professionalität“, sagt Martin Schröter. Ingrid Stephan und ihr Team bieten genau das und bringen immer mal wieder andere Tiere mit. „Die Tiere sorgen in diesen 90 Minuten für viel Ruhe nach dem stressigen Schulalltag, die Kinder kommen damit prima runter“, meint Anna Rieder, die von den Teilnehmern bisher nur positive Rückmeldungen bekommen hat. Einige haben zu Hause selbst Tiere, andere nicht, und gerade deswegen das Projekt im Ganztagsbereich angewählt. Alle Beteiligten hoffen jetzt, dass das Projekt im nächsten Schuljahr für die Fünft- bis Achtklässler fortgeführt werden kann.