„Gängiges Modell der Krisenbewältigung“

Wedemarks Bürgermeister Helge Zychlinski: „Als der eigentliche Lockdown kam, habe ich mir schon Sorgen gemacht, wie gut wir alles im Griff behalten. Aber es hat sich gezeigt: Mit guten Leuten ist man in der Lage, die Aufgaben auch in einer Krise zu erledigen.“ Foto: A. Wiese

Interview mit Wedemarks Bürgermeister Helge Zychlinski zum Krisenstab

ECHO: Seit dem 11. März hat die WHO die Verbreitung des Coronavirus als Pandemie eingestuft. Wie hat sich in der Wedemark in den vergangenen 15 Wochen die Situation dargestellt?
Zychlinski: Wir haben eine Entwicklung erlebt wie im Bundesdurchschnitt, erst mit großer Dynamik, dann sind wir in den abflachenden Bereich reingekommen. Jetzt haben wir schon zum zweiten Mal die Null-Linie überschritten.
ECHO: Und Sie meine, das bleibt auch so?
Zychlinski: Das ist Spekulation. Natürlich waren die hohen Zahlen der letzten zwei Wochen im Wesentlichen auf das Infektionsgeschehen bei UPS in Langenhagen zurückzuführen. Einige der Mitarbeiter leben in der Wedemark.
ECHO: Was für Zahlen hatten sie sich in ihren schlimmsten Befürchtungen ausgemalt, als es losging?
Zychlinski: Wir mussten dringend handeln, ich habe mir keine Gedanken über mögliche Zahlen gemacht, sondern einfach losgelegt.
ECHO: Sie haben bereits eine Woche vor der Pandemie-Erklärung der WHO am 5. März, den Krisenstab der Gemeinde einberufen – warum?
Zychlinski: Weil sich da schon abzeichnete, dass der Virus sich in Deutschland immer weiter ausbreitete, die Region Hannover schon betroffen war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es den ersten Fall in der Wedemark geben würde und ich wollte vorbereitet sein.
ECHO: Warum war gerade der Krisenstab das Mittel ihrer Wahl?
Zychlinski: Ein Krisenstab ist in der Lage, auf Herausforderungen sehr schnell reagieren zu können, unter Beteiligung aller notwendigen Mitarbeiter der Verwaltung. Dazu gehören die Sachgebiete Organisation, Lage, Einsatz, Versorgung und Logistik und nicht zuletzt Öffentlichkeitsarbeit plus diejenigen, die das Bürgertelefon betreuen. Als Fachberater gehörten Gemeindebrandmeister Maik Plischke und sein Vertreter Sebastian Jagau dazu und von Zeit zu Zeit der Mellendorfer PK-Leiter Jochen Sachweh.
ECHO: Wie oft hat der Krisenstab getagt?
Zychlinski: Am Beginn täglich, manchmal zweimal am Tag. Mittlerweile noch einmal die Woche (seit dieser Woche) und bei Bedarf (sollte es einen Hotspot geben). Bereitschaft hatte der Krisenstab auch am Wochenende, aber das wurde nicht abgefordert.
ECHO: Womit genau hat sich der Krisenstab beschäftigt?
Zychlinski: In unserem Zuständigkeitsbereich mussten viele organisatorische Entscheidungen umgesetzt werden, für Schulen, KiTas, Kernverwaltung und Feuerwehr. Ein Schwerpunkt war die Überwachung des Lockdown durch den Ordnungsbereich plus Ergänzung und natürlich die Polizei.
ECHO: Wozu war das Bürgertelefon gedacht?
Zychlinski: Es hat uns sehr beschäftigt, die Fragen der Bürgern zu beantworten. Das werden wir weiter geschaltet lassen, auch jetzt im Abflachen der Krise. Wer anruft, kriegt auf jeden Fall eine Antwort. Da kamen Fragen wie „Darf ich Voltigier-Unterricht machen?“ oder „Darf man zu zweit im Auto fahren?“ Für die Leute war so etwas existenziell wichtig.
ECHO: Haben Ihre Leute denn die Antwort auf diese Fragen immer gleich gewusst?
Zychlinski: Was man sagen muss: Über die Wochen hinweg ist das immer komplizierter geworden. Die Verordnung hat mittlerweile 34 Seiten. Paragraf Zwei ist bei Buchstabe O angekommen. Das sollte jetzt mal einfacher werden. Es erhöht die Akzeptanz bei den Bürgern, wenn man es schneller begreifen kann, und macht uns das Geschäft einfacher.
ECHO: In der Corona-Krise wurde in der Wedemark das erste Mal seit Bestehen ein Krisenstab eingerichtet. Wie haben Sie die Gemeinde auf so einen Fall vorbereitet?
Zychlinski: Wir sind seit einiger Zeit im Aufbau eines solchen Krisenstabes gewesen, auch für Fälle wie langanhaltenden Stromausfall, einen großen Autobahnunfall, einen Flugzeugabsturz oder einen Bahnunfall, aber auch eine Amoklage. Auch auf so etwas muss eine Verwaltung vorbereitet sein. Erst im Januar hatten wir als Übung eine Einberufung des Krisenstabs, anhand eines angenommenen Flächenbrand-Szenarios.
ECHO: Wie lange wurde denn der Krisenstab schon vorbereitet?
Zychlinski: Wir hatten 2017 und 2018 den hausinternenProjektauftrag erteilt, einen Krisenstab aufzubauen. Wie wir eine Krise meistern, ist im Prinzip unsere Sache. So ein Krisenstab ist jedoch ein gängiges Modell der Krisenbewältigung. Dafür gibt es bundesweite Standards, Schulungsprogramme und Ausbildungsinhalte. Deutlich wird, zu diesem Zweck wird nicht mehr in der normalen Verwaltunghierarchie gearbeitet, sondern über Fachbereichs-Grenzen hinweg angeordnet und umgesetzt.
ECHO: Wie hat sich die Wedemark in der Ausnahmesituation gemacht?
Zychlinski: Es hat eigentlich fast alles geklappt. Was klappen musste, hat ineinander gegriffen: Kita, Hausmeister, alle, die in der Verwaltung gearbeitet haben. Vor allem aber hat mich fasziniert, wie das unsere Bevölkerung in toller Art und Weise mitgetragen hat. Für uns wäre es deutlich schwieriger gewesen, wenn massive Widerstände gekommen wären.
ECHO: Wie haben Sie als Bürgermeister die Lage wahrgenommen?
Zychlinski: Als der eigentliche Lockdown kam, war das schon eine mulmige Situation und ich habe mir Sorgen gemacht, wie gut wir das alles im Griff behalten. Aber es hat sich gezeigt, mit guten Leuten sind wir in der Lage, die Aufgaben hier zu erledigen und ich muss an dieser Stelle ausdrücklich die Region Hannover als unsere Infektionsschutzgebehörde loben. Die haben wirklich einen guten Job gemacht, vom Handling bis zur Weitergabe von Informationen. Und dabei die Wirklichkeit nicht ausgeblendet.
ECHO: Die Region hat nicht einmal Ihnen gesagt, welche Ortsteile von den Infektionen betroffen waren. Hätten solche Informationen Ihnen die Arbeit erleichtert?
Zychlinski: Nein. Der Datenschutz ist wichtig. Man muss die Balance zwischen Infektionsschutz und anderen schützenswerten Rechtsgütern halten. Es gibt keinen Grund Angst vor jemandem zu haben, der in Quarantäne ist. Mich interessiert auch nicht, in welchem Dorf wieviele Menschen in Quarantäne sind. Die laufen ja nicht mehr draußen rum. Mir ist wichtig, dass wir einen kontrollierbaren Infektionsschutz haben.
ECHO: Wie haben die Wedemärker in der Zeit des Lockdowns auf die Auflagen reagiert?
Zychlinski: Es gab keine Panikreaktionen oder Aggressivität, nur eine hohe Verunsicherung.
ECHO: Worauf kommt es in der Kommunikation nach außen an?
Zychlinski: Entscheidend ist, dass man versucht, alles transparent zu machen. Dazu gehören regelmäßige Pressekonferenzen, Elternrundschreiben, Aktivitäten auf Social media-Kanälen, Videos, um Nachrichten, Informationen, Verordnungen und deren Inhalte zu transportieren. Unsere Strategie, war, alles auf unsere Homepage zu packen, und über Socialmedia darauf hinzuweisen.
ECHO: Wie unterscheidet sich die Arbeit im Krisenmodus von der in normalen Zeiten?
Zychlinski: Ich und mein Team mussten noch mehr als sonst rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Es gab eine deutliche Erhöhung des Pensums. Das war eine Situation, in der wir alle über Wochen hinweg mit einem ganz hohen Maß an Anspannung gelebt haben, so wie das letzte Mal auf der Spitze der Flüchtlingskrise im September 2015.
ECHO: Wie haben Sie das Rathaus handlungsfähig gehalten?
Zychlinski: Wir haben viele Mitarbeiter sicherheitshalber ins Homeoffice geschickt, insbesondere in den existenziellen Bereichen wie Kasse und Sozialhilfe, die mussten wir unter allen Umständen sicherstellen. Natürlich hatte diese Anspannung Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Die psychische Belastung, wenn man sechs Wochen im Homeoffice arbeitet, wenn die soziale Basis der Kollegen am Arbeitsplatz komplett wegbricht, ist hoch. Doch wir haben auch viel Positives festgestellt. Homeoffice als Ergänzung zum Präsenzbetrieb war im Rathaus schon immer möglich, wir werden das jetzt intensivieren, aber ein Dauerarbeitsplatz wird Homeoffice nicht.
ECHO: Was verlangt so eine besondere Situation von den Mitarbeitern?
Zychlinski: Es braucht schon ein gehöriges Maß an Einfühlungsvermögen, dass die Mitarbeiter sich voll einbringen. Sie machen deutlich mehr als Dienst nach Vorschrift. und man muss den Erwartungshorizont reduzieren. Natürlich haben wir Homeoffice aus familären Gründen ermöglicht.
ECHO: Was ist die Rolle des Bürgermeisters in so einer Zeit? Worauf kommt es an?
Zychlinski: Dass man mit ruhiger und sachlicher Art alle Notwendige tut und gleichzeitig Sicherheit nach außen ausstrahlt.
ECHO: Derzeit gibt es keine Infizierten mehr in der Gemeinde, kann sich die Verwaltung nun zurücklehnen?
Zychlinski: Nein, auf keinen Fall. Die Pandemie ist bewältigt, wenn Covid-19 besiegt ist, sprich die Bevölkerung grundimmunisiert ist oder ein sichererer Impfstoff zur Verfügung steht.
ECHO: Reichte Ihr kommunaler Entscheidungsspielraum in Abhängigkeit von Region und Land aus?
Zychlinski: Für die Erledigung unserer Aufgaben hatten wir genug Spielraum. Wenn ich an die Maßgaben zu Kitas und Schulen denke, hätte ich mir schon gewünscht, dass mehr auf uns gehört wird. Aber wir sind keine Infektionsschutzbehörde. Das Thema liegt bei den Gesundheitsämtern. Am Anfang stand die Allgemeinverfügung der Region Hannover. Dann kam die Verordnung des Landes, die dann unmittelbar in allen Städte und Gemeinden gegriffen hat. Bezogen auf Überwachung und dergleichen ist uns als ausführendem Organ aber auch viel Ermessensspielraum zugekommen. Es gab einen Rahmenhygieneplan für die Öffnung der Schulen, aber die Entscheidungen konkret umsetzen in Übereinstimmung mit den hiesigen Gegebenheiten mussten wir.
ECHO: In jeder Krise steckt auch eine Chance. Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Corona-Zeit bisher für die Wedemark?
Zychlinski: Zum einen konnten wir einen hohen Zusammenhalt in der Gemeinde feststellen. Gerade im Lockdown haben wir das gemerkt. Das möchte ich gerne in die Zukunft tragen, auch mit Blick auf die lokale Wirtschaft. Zum anderen gab es allenthalben eine deutlich größere Wertschätzung im Umgang miteinander. Ich habe nie so oft ein Danke gehört wie in dieser Zeit. Mein Appell: Diese Solidarität bitte erhalten! Ansonsten hoffe ich, dass sich die Situation für meine Mitarbeiter bald wieder normalisiert. Auf Dauer im Ausnahmezustand zu arbeiten, macht sie kaputt. Ich weiß aber jetzt, dass ich mich auf die hier involvierten Mitarbeiter jederzeit verlassen kann. Wir sind gut vorbereitet auf jegliche andere Krise. Ich bin beruhigt und froh, diesen Krisenstab so früh in Angriff genommen zu haben und fühle mich und uns als Gemeinde gewappnet, auch andere Situationen gut zu bewältigen.