Guttempler öffneten Schülern die Augen

Mit der Rauschbrille, durch die man doppelt sieht, ein Türschloss aufzuschließen, ist schwierig. Dies demonstrierte Gerhard Siems, zweiter Vorsitzender der Guttempler in Niedersachsen, den Achtklässlern. Foto: A. Wiese

Komasaufen als Unterrichtsthema – so richtig groß war das Interesse nicht

Mellendorf (awi). Für den achten Jahrgang des Gymnasiums Mellendorf waren im Januar zwei Projektvormittage mit Moderatoren des Guttempler-Ordens angesetzt. Durch lebensnahe Berichte, Vorführungen zum Mitmachen und Filme zeigten die Guttempler, welche Wege in die Alkoholabhängigkeit es gibt und berichteten über die Auswirkungen der Sucht auf alle Bereiche des Lebens. Gleichzeitig wollten sie den Schülern aber vor allem auch Wege aus der Sucht verdeutlichen. „Wir kennen Not und Leid, die durch eine Sucht verursacht werden können, aus eigener Erfahrung“, sagten der zweite Vorsitzende der Guttempler Niedersachsen, Gerhard Siems, und seine Frau Christa, Moderatorin beim Bildungswerk. Zusammen mit Claus Köhne vom Ressort Öffentlichkeitsarbeit waren sie im Gymnasium Mellendorf zu Gast, erzählten ihre eigene Geschichte, hätten gerne Fragen beantwortet, die zu ihrem Bedauern allerdings weitgehend ausblieben und konfrontierten die Schüler mit dem Begriff „Komasaufen“. „Habt ihr schon Erfahrung damit gemacht?“ war die Frage. Die Antwort nur ein verschämtes Lachen. Das Thema war für die Achtklässler ganz offensichtlich keins, über das sie sich vor ihren Mitschülern offen austauschen wollten. Auch die anschließende Aufgabe, mit einer Rauschbrille, die simuliert, alles doppelt zu sehen, auf einem Strick gerade zu gehen, ein Türschloss aufzuschließen und Geld zu zählen, nahmen die Schüler eher als witziges Spiel, als dass es sie wirklich zum Nachdenken anzuregen schien. „Es ist schwierig mit den Schülern zu arbeiten, da es sehr laut ist und viele stören“, räumte Christa Siems ein. Vielleicht wäre die Anwesenheit eines Lehrers bei diesem ernsten Thema doch hilfreich gewesen. Spaß machte den Schülern jedoch ganz offensichtlich der Kurzfilm, in dem mal eben die Rollen getauscht wurden, vier ältere Damen sich beim Kaffeekränzchen am Sekt vergriffen, randalierend durch die Stadt zogen, auf einer Parkbank einschliefen und schließlich von der Polizei zu Hause abgeliefert wurden, was ihnen den Kommentar der Enkeltochter einbrachte: „Ach Oma, nicht schon wieder!“ Stürmisch verlangten die Achtklässler, den Kurzfilm nach der deutschen Version auch noch einmal auf dänisch zu sehen, feuerten anschließend johlend ihre Mitschüler im Rauschbrillenparcours an. In einem weiteren Kurzfilm berichtete eine Gruppenleiterin der Guttempler von ihren Erfahrungen und dass die Gruppe ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben habe. Sie sei drogenabhängig gewesen, die Droge habe ihr Leben bestimmt, Hilfe von außen sei unabdingbar gewesen, räumte die Betroffene ein. Mit Partyalkohol habe es angefangen bis der Alkohol schließlich nötig gewesen wäre, um schlafen zu können. Über zehn Jahre habe sie getrunken, erst nur abends und am Wochenende, später auch tagsüber. Irgendwann sei sie bei der Arbeit unkonzentriert gewesen, habe Selbstmordgedanken gehabt, berichtete die Frau im Film. Doch sie habe sich für das Leben und gegen den Alkohol entschieden. Einzelgespräche und Gruppenangebote bei den Guttemplern hätten ihr geholfen, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Heute engagiere sie sich selbst in einer Gruppe. Der Versuch von Gerhard Siems, mit den Schülern über diesen sehr eindringlichen Kurzfilm ins Gespräch zu kommen scheiterte. Keine Frage, keine Wortmeldungen. „Es ist für die Schüler schwierig, in der Klasse vor ihren Kumpels sich zu äußern. Hier muss man cool sein“, so Christa Siems im Gespräch mit dem ECHO. Doch auch Einzelgesprächsangebote seien hier am Gymnasiums nicht wahrgenommen worden. Bleibt für die Ehrenamtlichen die Hoffnung, dass ihre Geschichte und ihre Berichte bei den Schülern dennoch Wirkung erzielen.