Hellmuth Hahn – ein Stück Seele Bissendorfs

Zwischen Trümmern, Brandschutt und Hühnern 1953.

Der Ortshistoriker feierte kürzlich seinen 85. Geburtstag – heute stellt er sein überarbeitetes Buch vor

Bissendorf (awi). Sieht man ihn forschen Schrittes durch Bissendorf gehen, meist ein paar Papiere unter dem Arm, zielbewusst und eigentlich immer positiv gestimmt, möchte man kaum glauben, dass Dr. Hellmuth Hahn, geboren am 8. Januar 1927 in Bissendorf als Sohn des Arztes Dr. med. Hellmuth Hahn und seiner Ehefrau Maria, geb. Kern, vor kurzem seinen 85. Geburtstag gefeiert hat. Am heutigen Mittwoch stellt der Ortshistoriker die überarbeitete Version der Ursprungsausgabe von „Das Amt Bissendorf“ der Öffentlichkeit vor. Dem ECHO erlaubte der Heimatforscher aus diesem Anlass einen ganz privaten Rückblick auf sein Leben und stellte die entsprechenden Daten und Aufzeichnungen zur Verfügung.
Seit 1920 lebten die Eltern von Hellmuth Hahn in Bissendorf. Sein Vater betrieb am Kummerberg 1 (früher Haus Nr. 65) neben seiner Praxistätigkeit auch eine kleine Privatklinik, vorwiegend als Entbindungsanstalt für stationäre Geburten. Als eines von vier Geschwistern besuchte Hellmut Hahn von 1933 bis 1937 die zweiklassige Volksschule Bissendorf. „Der Unterricht war da so schlecht, dass meine Schwester die Aufnahmeprüfung in die Oberschule nicht bestand“, erinnert sich Hahn. Er selbst wechselte daher im letzten Jahr vor der Aufnahmeprüfung an die Bürgerschule in Hannover und 1938 an die Leibnizschule. Bereits im Juli 1933 war sein Vater für 100 Tage wegen „Staatsgefährdender politischer Umtriebe“ in politische Untersuchungshaft genommen und er selbst mit seinem Bruder Felix und seiner Schwester Franziska nach Lindwedel zu einer befreundeten Familie ausquartiert worden. Die Oberrealschule Leibnizschule Hannover besuchte Hellmuth Hahn von 1939 bis 1948 als Fahrschüler „mit sehr schlechter und kriegsbedingter Unregelmäßigkeit der zur Stadt fahrenden Züge“, jedoch mit entscheidenden Unterbrechungen. Zunächst wurde er zum Dienst als Luftwaffenhelfer von Juli 1943 bis Dezember 1943 in Garbsen abkommandiert und erlebte dabei schwere Luftangriffe auf Hannover mit. Von Januar 1944 bis September 1944 war er in Aken an der Flak stationiert und von September bis Oktober sechs Wochen in Kleinheidorn bei Wunstorf. Während der Luftwaffenhelferzeit besuchte er mit vielen Unterbrechungen die Schule in den jeweiligen Stellungen und wurde mit Flakkampfabzeichen als Luftwaffenoberhelfer entlassen.
Kein NSDAP-Mitglied
In der Hitlerjugend beschränkte sich seine Tätigkeit als Adjutant des Stammführers Walter Krause in Mellendorf im Rang eines Oberjungzugsführers. Diese Dienststellung verdankte er dem Umstand, dass er Oberschüler war und sein Vater eine Schreibmaschine besaß, erinnert sich Hahn. Er trat weder freiwillig der NSDAP bei, noch wurde er Zwangsmitglied dieser Partei. Vom Anfang Oktober bis Mitte Dezember 1944 versah er seine Reichsarbeitsdienstzeit in Hildesheim und zuletzt in Derneburg und war im Einsatz als Unterhilfsheilgehilfe. „Der höchste militärische Dienstgrad, den ich je erreicht habe“, schmunzelt Hahn. Von Mitte Dezember 1944 bis zum 6. April 1945 erhielt er eine infanteristische Ausbildung als Reserveoffiziersbewerber für das Sanitätswesen in Braunschweig, Grenadierersatzbatallion 17 (Goslarer Jäger) im Dienstrang eines einfachen Grenadiers. Im Einsatz an der „Westfront“ wurde Hellmuth Hahn in Ibbenbüren durch eine Stecksplitterverletzung am Hals verwundet und am 6. April 1945 bei Rückkehr aus dem Lazarett von englischen Truppen gefangen genommen. „Die haben mich bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt. Mir wurden sämtliche Taschen entleert, die Armbanduhr abgenommen, meine Papiere entfernt und auch die Erkennungsmarke weggenommen“, erzählt Hahn. Nach Durchquerung einiger offener Zwischenlager und Gefangenenlager in Belgien bei Waterloo wurde der Bissendorfer im September 1945 entlassen und kehrte zu Fuß nach Bissendorf zurück. „Mein Elternhaus war von den Engländern beschlagnahmt. Ich fand Wohnung in Wennebostel bei Freunden der Familie von Fischer bis zum Frühjahr 1946“, erinnert sich Hahn. An Schule war zunächst nicht zu denken, an Arbeit auch nicht. Der Alltag bestand aus dem Organisieren von Brennstoffen und Lebensmitteln. Da das Notabitur nicht anerkannt wurde, gab es ab Februar 1946 wieder zehn Minuten täglich Schulunterricht in der Sophienschule Hannover mit fünf weiteren Oberschulen zusammen. 1947 wurde die Schule in die Humboldschule nach Linden verlegt und Hellmuth Hahn war wieder Fahrschüler von Bissendorf nach Hannover, allerdings unter noch schlechteren Bedingungen als vor Kriegsbeginn.
Abitur nachgeholt
Ein Zug mit Wagen ohne Fens-ter fuhr nach Hannover hin und ein Zug aus der Stadt wieder hinaus. „Schließlich habe ich den Schulweg nach Hannover auch im Winter mit dem Fahrrad gemacht. Wenn ich in der Schule ankam, konnte ich noch stundenlang nicht schreiben, weil meine Hände eingefroren waren“, berichtet Hahn. Räuberische Polen, ehemalige Zwangsarbeiter, hatten bei ihren Raubzügen in der ganzen Gegend drei wunderschöne von ihnen geklaute Räder bei Hahns in der Scheune stehen gelassen, die den dringend erneuerungsbedürftigen Fuhrpark auffrischten, erzählt der Ortshistoriker, der seinen Humor bei allem Schwerem, was er erlebt hat, nie verloren hat.
Im Frühjahr 1947 kehrte Hahns Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft und Internierung lzurück, im Frühjahr 1948 sein Bruder aus französischer Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit im Kohlebergwerk. In diesem Frühjahr bestand er das Abitur an der Leibnizschule und verdingte sich anschließend bis 1949 als ungelernter Krankenpfleger im Krankenhaus Schwarmstedt, anschließend ein Jahr als Laborgehilfe bei Prof. Nordmann in der pathologischen Histologie in Hannover. Der Weg zum Mediziner war vorgezeichnet. Im Wintersemester 1950/51 begann Hahn sein Medizinstudium in Innsbruck, setzte es vom Sommersemester 1951 bis zum Wintersemester 1956 in Erlangen fort. Am 27. Januar 1956 legte er sein Staatsexamen mit der Note „eins“ ab, promovierte im Februar 1956 mit „cum laude“. Sein Studium verdiente er sich in den Semesterferien 1953 mit Akkordarbeiten auf dem Güterbahnhof in Erlangen und als Handlanger beim Dachdeckermeister Goldmann in Hannover. Nach Stationen auf der Gynäkologie im städtischen Krankenhaus Berlin Neukölln, der Kinderklinik im selben Haus, in der II. Medizinischen Klinik St. Georgskrankenhaus Hamburg und als Assistenzarzt auf diversen Abteilungen des städtischen Krankenhauses Ütersen wurde Hahn Schiffsarzt im Range eines Korvettenkapitäns beim Bundesfischereischutz. Er versah seinen Dienst zunächst auf dem deutschen Forschungsschiff „Anton Dohrn“ auf der Fahrt nach Spitzbergen in den Nordatlantik, die weiteren Fahrten dann auf dem Bundes-Schiffereischutzboot „Friedjof“ im Einsatz in der Nordsee und im Kanal zur medizinischen Versorgung aller Kranken auch auf den Schiffen anderer Nationen. Nach einem Landarztvierteljahr in Holtorf, Kreis Grafschaft Hoya, und der Zeit als Assistenz-arzt für Innere Medizin im städtischen Krankenhaus Siloah in Hannover mit abschließender Facharztanerkennung übernahm er nach dem Tod seines Vaters am 20. Mai 1964 dessen Privatklinik und eröffnete eine Facharztpraxis für Innere Medizin in Bissendorf.
Hochzeit im Juli 1964
Am 4. Juli 1964 heiratete Hellmuth Hahn Wiebke Bröker aus Itzehoe, die er beim Winterschützenfest 1963 in Bisssendorf getroffen hatte. „Da wusste ich sofort, das ist sie“, schmunzelt er. Am geplanten Verlobungstag starb sein Vater, die Verlobung musste abgesagt werden, dafür wurde dann im Juli gleich geheiratet. Dass seine 13 Jahre jüngere Frau für ihn ihr Volkswirtschaftsstudium abgebrochen habe, sei seinem Schwiegervater schwer angekommen, weiß Hahn. Das Paar bekam drei Söhne: 1965 Heinrich, heute Dr. jur. und Rechtsanwalt, 1966 Jan Henning, heute Dr. med. und HNO-Arzt und 1970 Timm, heute Facharzt für Urologie.
Bereits am 1. September 1969 schloss Hahn die Privatklinik am Kummerberg, die aus der Bedarfsplanung des Sozialministeriums herausgenommen worden war und baute die Räume wegen steigender Patientenzahl zu einer größeren Praxis auf 250 Quadratmeter um. Zum 1. Juli 1989 entschloss sich Hahn nach einem erneuten Umbau zur Einrichtung einer Gemeinschaftspraxis mit dem Kollegen und Internisten Dr. Behrens und ab 1991 mit Martin Vondran, bis ihm 1997 altersbedingt die kassenärztliche Zulassung entzogen wurde und er schließlich seine Praxistätigkeit zum Jahresende 1997 ganz aufgab.
Auch politisch aktiv
Von 1969 bis 1973 saß Dr. Hellmuth Hahn im Rat der Gemeinde Bissendorf, war von Juni 1974 bis November 1977 Ortsbürgermeis-ter, von 1998 bis 2001 Sprecher des Seniorenbeirates. Mit der Heimatforschung kam Hahn Anfang der 70er Jahre in Kontakt. „Eigentlich wollte ich bloß mal wissen, was in dem Haus war, in dem ich geboren wurde. Mein Vater hatte das Haus 1920 gekauft, doch über die Vergangenheit des Hauses wussten wir nichts. Ich habe dann im Dorf rumgefragt und erfahren, dass es dem Schmied Wöhler gehört hat, der sich 1899 tot gesoffen haben soll“, berichtet der Heimatforscher, wie er auf den Geschmack gekommen ist. Er nahm dann mit den Kindern des Schmieds Kontakt auf, hielt 1977 seinen ersten Vortrag über Bissendorf und Wennebostel. Mellendorfs Ortshistoriker Paul Gimmler riet ihm damals: „Schreiben Sie bloß alles auf“. Er machte sich also Notizen, sammelte jedoch vor allem alte Bilder und 2001 erschienen die ers-ten beiden Bildbände, die er zusammen mit dem gebürtigen Bissendorfer und als Autodidakt zum Spezialisten für Layout am Computer avancierten Friedel Lüd-
decke aus Evensen herausgab. Hahn ist Mitglied im Heimatbund Niedersachsen, im Niedersächsischen Landesverein für Familienkunde und im Historischen Verein für Niedersachsen. Seine Arbeit als Amateurhistoriker hat sich mittlerweile in diversen Vorträgen und Büchern niedergeschlagen, denn die reinen Bildbände waren ihm schnell zu wenig.
Viele Veröffentlichungen
Hahn fertigte auch den Textentwurf für die Beschriftung der Bissendorfer Bauernhäuser, Kirche und Amt von 1980 bis 2008, überarbeitete und ergänzte die Bissendorfer Kirchenbücher von 1677 bis 1853, gab die Bissendorfer Hof- und Familiengeschichten im Selbstverlag heraus, arbeitete Straßen- und Flurnamen auf und vieles mehr. Er wirkte an der Chronik für Scherenbostel und Schlage- Ickhorst mit, die Annemarie Buschbaum 2009 herausgab und stellte darin die Geschichten der Höfe Nr. 1; 4; 5 und 6 in Scherenbostel und die Geschichte der Zollstation in Schlage dar. Die Geschichte der Höfe und ihrer Familien in Wiechendorf folgte ein Jahr später wieder in Gemeinschaftsarbeit mit Annemarie Buschbaum. Am 12. Februar 2010 bekam Dr. Hellmuth Hahn das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens verliehen. Hahn habe sich besondere Verdienste als Heimatforscher und Dorfchronist für die Gemeinde Bissendorf und die Wedemark
erworben, hieß es bei der Verleihung im Bürgerhaus. Seine Werke „Bissendorfer Hof- und Familiengeschichten“, insgesamt fünf Bände, und „Bissendorfer Amt, Kirche und Schule“ bildeten die Grundlage für die Beschriftung der alten Hofstellen, trug die stellvertretende Regionspräsidentin Angelika Walther vor. Mit starkem ehrenamtlichen Engagement bemühe er sich, die dörflichen Strukturen für die Nachwelt lebendig zu halten. All seine Veröffentlichungen stelle er kostenlos zur Verfügung. Und obgleich sie im Selbstverlag entstanden seien, hätten sie nach Auffassung des Präsidenten des Niedersächsischen Landesarchivs eine solche Qualität, dass eine Auszeichnung für diese Leistung gerechtfertigt erscheine. Über sein kulturelles Engagement hinaus, sei Hahn in seinem bewegten Leben auch politisch sehr aktiv gewesen. Bis 1997 sei er zudem als Richter beim Landessozialgericht Celle ehrenamtlich aktiv gewesen.