Hier werden die Karten neu gemischt

SPD-Ortsbürgermeisterkandidat Michael Wilken lebt seit eineinhalb Jahren in Scherenbostel und fühlt sich hier rundum wohl und schwärmt vor allem von der landschaftlich einmaligen Umgebung und dem Blick von seinem Garten am Husalsberg aus bis zum Buchenwald. Foto: A. Wiese
 
CDU-Ortsbürgermeisterkandidat Gerd Dolle entspannt sich gerne bei einem guten Buch vor dem Kamin. Die Füße hochlegen muss er schon deswegen von Zeit zu Zeit, weil ein Sprunggelenksbruch im letzten Winter ihm ab und zu noch Probleme bereitet. Foto: A. Wiese

Michael Wilken (SPD) und Gerd Dolle (CDU) sind beides politische Newcomer

Scherenbostel (awi). Ganz anders als in den meisten Ortsräten, wo entweder die Amtsinhaber und ihre Stellvertreter wieder antreten oder langjährige Ortsratsmitglieder ihren Hut in den Ring werfen, stellt sich die Situation im Ortsrat Scherenbostel dar, der nicht nur Scherenbostel selbst, sondern auch Wiechendorf und Schlage-Ickhorst abdeckt. Hier tritt Amtsinhaber Jürgen Kowahl von der SPD nach zehn Jahren nicht wieder an – und löste mit dieser Ankündigung zunächst ratlose Gesichter aus, bei beiden großen Parteien. Denn Kowahl ist zwar SPD-Mann, war aber völlig unumstritten ein von allen Parteien im Ortsrat einstimmig getragener Ortsbürgermeister, der sein Amt in einer in der Wedemark fast einmalig überparteilichen Art wahrgenommen hat. Als das Überraschungsmoment vorbei war, begann bei SPD wie CDU die Suche nach einem geeigneten Kandidaten und beide entschieden sich jeweils für politische Neueinsteiger.
Sozialdemokrat seit 40 Jahren
SPD-Ortsbürgermeisterkandidat Michael Wilken (63), verheiratet und Vater eines 18-jährigen Sohnes ist zwar seit über 40 Jahren SPD-Mitglied, doch hatte er bisher noch nie mit dem Gedanken gespielt, als Mandatsträger zu kandidieren. Seit eineinhalb Jahren wohnt er mit einer Familie in Scherenbostel im Fachwerkensemble am Husalsberg. „Ich weiß gar nicht, wie ich vorher solange in der Stadt leben konnte“, sagt Wilken kopfschüttelnd: „Wohnen in einem Fachwerkhaus auf dem Land war schon immer mein Traum.“ Der selbstständige Diplom-Volkswirt und Mediator fährt noch täglich nach Hannover in sein Büro, hat aber begonnen, seine Wochenarbeitszeit vorsichtig zu reduzieren, will seinen politischen Ambitionen deutlich mehr Zeit einräumen.
„Die ganze Familie fühlt sich in Scherenbostel extrem wohl. Wir
blicken hier über 150 Meter Rasen auf den Buchwald, wohnen dort, wo andere hinfahren, um ihre Freizeit zu verbringen“, sagt Wilken und genießt den Blick vom Husalsberg über Hannover bis zum Deister und die saubere Luft. „Wir waren als Neubürger erstaunt, wie leicht es hier ist, angenehme Leute kennen zu lernen“, berichtet der SPD-Kandidat. Nach dem Umzug war der Kunstliebhaber sofort dem Kunstverein imago beigetreten und hatte sich auch als Ausstellungsaufsicht eingebracht. Während einer Vernissage lernte er Bürgermeister Tjark Bartels kennen, der ihn über Helge Zychlinski mit dem SPD-Fraktionsvorstand bekannt gemacht habe. Sofort wurde Wilken in die Arbeitsgruppen „Wirtschaft“ und „Umwelt und Verkehr“ zum Kommunalwahlprogramm integriert. Über Ostereierschießen, Schützenfest, Hähnewettkrähen in Wiechendorf und Eintritt in die Rassegeflügelzuchtvereinigung bekam Wilken schnell viele Kontakte im Ort. In der Spiel- und Sportgemeinschaft ist er bisher nur Mitglied, will aber zum Winter hin eine Sportart aktiv betreiben. „Mir imponiert, wie groß das Angebot an Aktivitäten in den drei Dörfern ist“, sagt der SPD-Kandidat, der sich auch freut, dass sein Sohn Julian auf Anhieb erfolgreich für das Jugendparlament kandidiert hat und in den Vorstand gewählt worden ist. Das Ziel seiner Kandidatur als Ortsbürgermeister bringt Wilken schnell auf den Punkt: „Die erfolgreiche Arbeit von Jürgen Kowahl fortsetzen.“ Wilken, der auch für den Gemeinderat antritt, sieht viele Paralellen zwischen sich und Kowahl, auch er sein ein harmoniebedürftiger Mensch, möchte als Ortsbürgermeister im Ortsrat mit allen Mitgliedern parteiunabhängig gut zusammenarbeiten. Besonders wichtig ist ihm der Kontakt zu den Vereinen und die Koordination der Termine. Die Infobroschüre „Wir über uns“ liegt ihm ebenso am Herzen wie der Förderung von Jugendtreff, Freiwilliger Feuerwehr und Drei-Dörfer-Treff. Vorgenommen hat er sich auch, die Seniorenarbeit zu reaktivieren und Dienstags-Treff neu zu beleben. Für die Förderung der Infra-Struktur plant er die Verteilung von Fahrplänen, fordert eine dichtere Taktung nicht nur während der Schulzeit und die Fortsetzung des neuen Radweges in Wiechendorf bis Resse sowie den Ausbau des Ruftaxis auch zwischen den Wedemärker Ortsteilen in Kooperation mit Seniorenbeirat und Jugendparlament. In seiner Freizeit engagiert sich Wilken beim Sozialverband, leitet die „Patientenliga für Atemwegserkrankungen“ in der Region Hannover, interessiert sich für Kunst und Musik sowie für Geschichte und Philatelie Spaniens. Im Gegensatz zu „Neubürger“ Michael Wilken lebt CDU-Ortsbürgermeisterkandidat Gerd Dolle (66) schon seit 41 Jahren in Scherenbostel und ist mit seinem Ort fest verwurzelt. Der gebürtige Heidelberger wuchs in Stelingen bei Garbsen auf, lebte dann einige Zeit in Langenhagen und mit seiner Frau zunächst in Garbsen, bis der Grundschullehrerin eine Lehrerstelle an der 1970 neu gebauten Schule in Scherenbostel angeboten wurde. Nach der Gebietsreform, als Scherenbostel zum Grundschulbezirk Bissendorf kam, unterrichtete Hannelore Dolle dann außer in Scherenbostel auch in Wennebostel und Bissendorf. Bis 1977 wohnte das Ehepaar in der Lehrwohnung der Scherenbosteler Schule und baute dann ein Haus nach eigenen Entwürfen in der Straße Im Winkel. Dort lebt er seit dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren allein mit Berner Sennenhund Barry. Tochter Kirsten, die zwar in Bad Nenndorf wohnt, aber ihr Pferd in Bissendorf stehen hat, schaut mehrmals die Woche vorbei, die andere Tochter mit den drei Enkeln wohnt allerdings ziemlich weit weg, so dass sich Gerd Dolle als Großvater nicht so richtig ausleben kann. Da der Industriekaufmann, der zuletzt in einem Stahlhandel bei Hannover gearbeitet hat, mittlerweile Renter ist, war er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, die ihn neben der Hausmannsarbeit, den Hundespaziergängen, dem Radfahren, der Gartenarbeit, Lesen und der Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen ausfüllt.
Noch kein CDU-Mitglied
Politisch interessiert war Gerd Dolle schon immer, aktiv noch nie. Und er ist auch – noch nicht – CDU-Mitglied, betont er. Dass ihn die Wedemärker CDU gefragt hat, ob er Lust hätte, für sie zu kandidieren und ihn bei sich herzlich aufgenommen hat, freut ihn daher besonders. Er möchte sich mit seiner Kandidatur erneut in die Dorfgemeinschaft einbringen. Als er 1970 nach Scherenbostel zog, hatte er diverse Ehrenämter in Sportverein und Schule inne gehabt, zurzeit ist er jedoch nur noch förderndes Mitglied in Feuerwehr und Sportverein. „Neu erfinden will ich das Rad nicht“, meint Dolle, „und auch die Welt nicht aus den Angeln heben, aber einen Beitrag leisten, um in parteienübergreifender Zusammenarbeit für die Zufriedenheit unserer Einwohner zu sorgen. Unser ausscheidender jetziger Ortsbürgermeister und seine Stellvertreterin sind in der Vergangenheit hier schon mit gutem Beispiel vorangegangen. Ich sehe mich als Ansprechpartner zwischen Bürgern und Verwaltung.“ Dolle hält die Einrichtung einer Bürgersprechstunde in Scherenbostel für wichtig. Sein Wunsch an die Gemeindeverwaltung: Alle, die drei Orte betreffenden Entscheidungen sollten nicht ohne Zustimmung des Ortsrates beschlossen werden. Großen Wert legt er auf die Einrichtung weiterer Tempo-30-Zonen, von Spielstraße und der Gewährleistung der gefahrlosen Nutzung der Straßen und Wege auch bei Eis und Schnee. Und das aus eigener leidvoller Erfahrung: Im Winter vor eineinhalb Jahren stürzte Dolle auf vereister Straße und brach sich das Sprunggelenk, eine Verletzung, die er heute noch zeitweise spürt, was ihn aber nicht von seinen politischen Plänen abhält.