„Hilfsbereitschaft ist unglaublich“

Eine Geflüchtete (von links) aus der Ukraine wählt aus den Regalen mit gespendeter Kleidung in der alten Schule in Wennebostel einen Pullover aus, unterstützt von Nicole Wolf von der Freiwilligenagentur und den beiden jungen Ukrainerinnen Vica und Lera, die mit ihren Englischkenntnissen beim Dolmetschen unterstützen. Foto: A. Wiese
 
Zu den ehrenamtlichen Helfern in der alten Schule gehört auch der Künstler Ulrich Saloga, der nicht nur überfall mitanpackt,wo es Not tut, sondern auch fleißig Friedenstauben schnitzt, die er gegen eine Spende für die Ukrainehilfe abgibt. Foto: A. Wiese

Erstmals aktuelle Stunde im Rat zum Thema Geflüchtete aus der Ukraine

Wedemark (awi). Als ein Novum im Wedemärker Rat stellte SPD-Fraktionssprecherin Daniela Mühleis die von der SPD initiierte aktuelle Stunde zum Thema Geflüchtete aus der Ukraine zu Beginn der Ratssitzung am letzten Montag heraus. Jeder wisse um den vom russischen Präsidenten Putin initiierten Angriffskrieg und den dadurch ausgelösten Flüchtlingsströmen, in erster Line Frauen und Kinder.„Wir bekennen uns für Schutzsuchende“, betonte Mühleis. Die SPD
möchte trotz angespannter Haushaltslage, dass dafür Sorge getragen werde, dass für die geflüchteten und zum Teil traumatisierten Kinder ein strukturierter Tagesablauf geschaffen werde. Mühleis dankte allen, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, spenden hier und für die Ukraine. Auch mit Geldspender tue man genau das Richtige. Mitarbeiter der Gemeinde hätten unglaublich viel geleistet, stellte die SPD-Sprecherin heraus. 20 Mitarbeiter seien ganz intensiv im Einsatz. Sie bat den Bürgermeister, „uns umfassend ins Bild zu setzen“.
Bürgermeister Helge Zychlinski erklärte, dass bisher 220 Menschen den Weg in die Wedemark gefunden, die noch allesamt in privaten Unterkünften untergekommen seien. Dies seien von der Gemeinde angemietete Wohnungen oder Räume, die Menschen aus der Gemeinde zur Verfügung stellten, von einzelnen Zimmern bis zu gahen Häusern. Diese 220 Menschen aus Ukraine seien registriert und hätten somit das Recht auf Leistungsunterstützung und Krankenversicherungsschutz. Zychlinski appellierte an die Gastgeberin der Wedemark, auf die Registrierung der Geflüchteten bei derGemeinde zu achten und sie dabei zu begleiten. Für die Gemeinde und auch für die Vielzahl der Hilfsangebote sei es wichtig, den Überblick zu behalten. „Wir wollen auch soziale Angebote machen. Etwas mehr als ein Drittel der Kinder ist unter 18 Jahre alt. Wir haben mit den Schulen verabredet, dass dieAnmeldung über die Gemeinde Wedemark läuft. Wir wollen nicht einzelne Schulformen oder Jahrgänge überfordern“, warnte Zychlinski.
Man dürfe sich aber auch nichts vormachen: Dies sei eine gewaltige Herausforderung für Schulen, die nicht erst seit Corona mit massiven Personalausfällen zu kämpfen hätten. „Uns muss klar sein, dass es ohne kräftige Anstrengung von Gemeinde und Zivilgesellschaft nicht gehen wird, und zwar über den Moment der ersten Hiflsbereitschaft hinaus“, so der Bürgermeister. Aber das werde gelingen, „weil wir hier so grandiose Menschen haben, die helfen bis zur Selbstaufgabe.“ Auch bezüglich der Betreuung der noch nicht schulpflichtigen Kinder tue die Gemeinde ihr Bestes, sei zum Beispiel flexibler bei der Aufnahme, mache nicht Schluss beim 25. Kind und sei dabei, parallele Betreuungsangebote alternativ aufzubauen sowie pädagogische Kräfte aus der Ukraine zu eruieren, mit Spielkreissituationen zu arbeiten und zwischenzupuffern.
Zudem sei die Gemeinde massiv auf Wohnraumsuche. Die Mehrzahl der Geflüchteten sei ohne offizielle Zuweisung hierhergekommen. „Wir suchen händeringend Wohnungen, die wir anmieten können. Das wird eine Daueraufgabe sein. Wir haben Situationen, die nicht auf Dauer so aufrecht erhalten werden können. Wir mussten schon die ersten Menschen umziehen lassen, weil das private Wohnen an sein Ende gekommen ist“, berichtete Zychlinski. Man werden sich zwanagsläufig auf Gemeinschaftsunterkünfte einstellen müssen, um massenhaft Obdachlosigkeit zu verhindern. Die Gemeinde habe reagiert und bereits die Jugendhalle in Mellendorf als Wohnstätte umgebaut. Die Hardware stehe, nur die Software fehle noch, also ein Betreiber. Hilfsorganisationen seien zum Teil noch in der Impfkampagne gebunden. „Doch wir gehen davon aus, alsbald mit einer Hilfsorganisation einen Vertrag schließen können und sind dankbar für dieMittel, die der Rat im Haushalt zur Verfügung stellt, dass wir handlungsfähig sind“, erklärte der Bürgermeister. Das sei nicht selbstverständlich und verdiene großes Lob. Die größte Stärke in der Gemeinde sei jedoch das ehrenamtliche Helfernetzwerke, das sich gebildet habe, in der alten Schule in Wennebostel, die Spender, die Helfer vor Ort, das Netzwerk um die Kirchengemeinde Bissendorf.
„Es macht mich stolz, dass wir das hier wieder in diesem Maße erleben, das zeigt, dass bei uns Zivilgesellschaft funktioniert“, so Zychlinski. Da gebe es eine Vielzahl engagierter Menschen, die helfen, wenn Hilfe notwendig seit. Er sei stolz und dankbar, wie Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in allen Bereichen unterstützten und anpackten. Gut 20 Personen seien zusätzlich in den Bereich der Flüchtlinsbetreuung umsortiert worden. Diese Mitarbeiter erledigten auch klaglos Einsätze außerhalb ihrer normalen Dienstzeit.Dennoch könne man noch jede Menge an ehrenamtlicher Unterstütuzung brauchen, Interessierte sollen sich bei der Freiwilligenagentur melden. „Wir brauchen auch einen Plan B, wenn der Krieg nicht in wenigen Wochen vorbei ist, und es keine Rückkehroption gibt“, gab der Bürgermeister zu bedenken: „Unsere Aufgabe als wohlhabender Staat und Gemeinde ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen selbstbestimmt ihr Leben hier bestreiten und gestalten können!“
Für die CDU erklärte Jessica Borgas, die privat von Anfang an als Ehrenamtliche in der alten Schule in Wennebostel aktiv ist und so hautnahen Kontakt mit den Geflüchteten, den Gastgebern aus der Wedemark und Spendenwilligen hat, die Lage der Flüchtlinge stelle alle vor erschreckende Erkenntnisse: „Niemand von uns kann ermessen, was diese Frauen erlebt haben, ihre Männer, Söhne und Väter zurückgelassen, die weite Reise. Einige haben nur, was sie am Leibe tragen, vielleicht noch einen Koffer.“ Sie wolle die Gelegenheit nutzen, Danke zu sagen, so Borgas. Unglaublich viele Menschen brächten sich ein. Mitarbeiter im Rathaus, das Team aus dem Ordnungsamt um Jürgen Auhagen, das Team Soziale Arbeit von Ellen Bruns, die selbst bis zur kompletten Erschöpfung im Einsatz sei, die Mitarbeiter der Freiwilligenagentur und des Vereins Miteinander, um nur einige zu nennen. Das Team um Daniel Diedrich werde über die Maßen beansprucht, gab Borgas zu bedenken. Insbesondere sei da auch Nicole Wolf zu nennen, die die Spendenannahme in Wennebostel koordiniere. Jede Spende müsse ausgepackt, beschriftet und sortiert werden. Eine Mutter und ihre Tochter aus Ukraine kämen jeden Tag, beschrifteten Kartons, übersetzten und brächten sich in vielfältiger Form ein. Um neue Spenden zu bekommen, bedürfe es nur eines Aufrufes im Status bei Whats App und „schon kommen Spenden ohne Ende“, schilderte Jessica Borgas. Sie dankte auch Wennebostels Ortsbürgermeister Claudio Köhler, der die Versorgung der Helfenden aus dem Dorf heraus organisiere. Auch Wedemärker Gewerbetreibende bildeten eine große Hilfsgemeinschaft. Geschäftsfrau Ina Dohle aus der Fachwerkzeile werde an einem Tag im April nur für ukrainische Frauen öffnen, die sich an diesem Tag etwas Schönes bei ihr zum Nulltarif aussuchen könnten, ein Gastwirt wolle an seinem freiem Tag für 30 bis 40 Flüchtlinge kochen und ihnen einen schönen Tag machen. „Das ist richtig schön und wird nicht abebben. Wir helfen nicht nur morgen, auch übermorgen“, rief Borgas den Ratsmitgliedern vom Rednerpult aus zu.
Norbert Bakenhus von den Grünen bestätigte, die Bilder in den Nachrichten erschütterten und seienbedrückend: „Es ist unsere Pflicht, schnell und unbürokratisch zu helfen, das bedeutet, dass Man müsse die Geflüchteten schnell und unbürokratisch in den Arbeitsmarkt integrieren, die Flüchtlinge aber auch vor Ausbeutung schützen, warnte Bakenhus und regte an, ob die Gemeinde die Geflüchteten nicht selbst befristet beschäftigen könnte, zum Beispiel in der Kinderbetreuung. Einige ukrainische Kinder könnten auch noch Onlineunterricht aus der Heimat erhalten, bräuchten dafür aber Leihgeräte, möglicherweise aus Schulbeständen. Der Krieg in der Ukraine führe aber auch vor Augen, wie dringend Deutschland die Abkehr von fossilen Brennstoffen brauche. „Erneuerbare Energien finanzieren keine Kriege und helfen keinen Despoten“, so Bakenhus, für die Bekämpfung der Klimakrise aber trotz allem die größte Herausforderung bleibt .
Antje Lange von der AfD lobte die enorme Hilfsbereitschaft allenthalben, kritisierte aber, dass sie und ihre Parteikollegen nicht genügend Informationen vom Bürgermeister zu dieser Thematik erhielten.