Kinderpflegeheim sucht „Zeitschenker“

Gehen jeden Dienstagnachmittag bei Wind und Wetter mit Julia (links vorne) und Deniz eine Stunde spazieren: Ingrid Wegener (hinten links) und Ingrid Mehrmann. Jetzt sucht das Kinderpflegeheim dringend noch mehr solche „Zeitschenker“, die mit den Kindern spazieren gehen, vorlesen oder Musik machen. Foto: A. Wiese

Uwe Dietrich: „Es ist für unsere Kinder die Chance, mal rauszukommen“

Mellendorf (awi). Sie sind vier von zurzeit insgesamt 22 ehrenamtlichen „Zeitschenkern“ im Kinderpflegeheim am Zedernweg in Mellendorf: Ingrid Wegener, Hanne Fahnemann, Ingrid Mehrmann und Brigitte Rastelli-Wolff. Doch kein anderer kommt so regelmäßig wie diese vier, erzählt der pädagogische Leiter Uwe Dietrich. Das ist auch keine Pflicht, das Kinderpflegeheim freut sich über jeden, der etwas Zeit für die schwerst- und mehrfach behinderten Kinder erübrigt. Aber um ein paar mehr von den 34 Kindern ein kleines bisschen Abwechslung bieten zu können, würde sich das Kinderpflegeheim über ein paar zusätzliche „Zeitschenker“ freuen: Entweder in der Woche morgens zwischen 10 und 12 Uhr oder nachmittags zwischen 14 und 16 Uhr. So wie es zum Beispiel Ingrid Mehrmann, Ingrid Wegener und Brigitte Rastelli-Wolff machen, die mit den Kindern in den Rollis spazieren gehen oder wie Hanne Fahnemann, die in einer Wohngruppe vorliest.
„Dadurch haben unsere Kinder die Chance, rauszukommen an die frische Luft, ihre Umgebung wahrzunehmen“, erklärt Uwe Dietrich. Bei den Pflegekräften reicht die Zeit für solche Extras nicht. „Auch Musizieren wäre prima“, so Uwe Dietrich. Es ist erstaunlich, wie positiv die Kinder auf Musik reagieren. „Wir haben ein Klavier hier oder man könnte Gitarren mitbringen“, stellt sich Dietrich vor.
Für die Bewohner des Kinderpflegeheims sei es schon wichtig, jemanden sprechen zu hören, rhythmisch und in längeren Sätzen und nicht nur das, was für die tägliche Versorgung notwendig ist. „All solche Dinge führen dazu, dass sie aufmerksam, aber auch ruhiger werden“, erklärt der pädagogische Leiter. Bei Festivitäten oder Konzerten kommen die Zeitschenker dann manchmal zusammen, denn sonst wäre es unmöglich, alle Kinder zugleich im Garten zu haben. Und auch für den Laternenumzug im Herbst werden rund 30 „Schieber“ gebracht.
Wichtig für die Kinder im Kinderpflegeheim ist Regelmäßigkeit, berichtet Dietrich. So seien auch ihre Tage strukturiert. Für Julia und Deniz sei es fantastisch, dass ihre „Zeitschenker“ tatsächlich jeden Dienstag um die gleiche Uhrzeit auftauchen und sie eine Stunde mit rausnehmen. Mit welchen Kindern das geht, entscheidet Uwe Dietrich in Abstimmung mit der Pflegeleitung. Nicht alle Kinder dürfen das Gelände des Heims verlassen. An Voraussetzungenmüssen die ehrenamtlichen Zeitschenker gar nicht so viel mitbringen: Freude am Leben und Liebe zu Kindern, überlegt Dietrich.
Wichtig sei es, Berührungsängste abzubauen. Viele Menschen hätten Angst davor, den ersten Schritt auf die schwerstbehinderten Kinder zuzumachen. Sei das dann erst einmal geschehen, sei meist alles gut. Nur der erste Schritt, der brauche tatsächlich am meisten Mut und Überwindung. Vielen sei gar nicht bewusst, dass das Wertvollste, das sie zu vergeben hätten, tatsächlich ihre Zeit sei. Eine einzige Stunde davon in der Woche sei für die Kinder im Kinderpflegeheim von großer Bedeutung. „Für die Kinder, ist jeder, der kommt, ein Segen. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung geht sonst nicht“, sagt Dietrich ernst. Wer nicht spazieren möchte, könnte auch lesen wie Hanne Fahnemann. Sie wechselt zwischen den Wohngruppen für Kinder und Erwachsene und passt dieser Zielgruppe auch die Geschichten an, die sie vorliest. Und wenn die Kinder auch die intellektuellen Informationen des Textes nicht verstünden, so sei doch die Atmosphäre wichtig für sie. Die Ehrenamtlichen genießen im Gegenzug, dass sie gebraucht werden und eine Aufgabe haben. Ganz nach Wunsch können sie mit den Kindern auch basteln oder backen, alles Dinge außerhalb des Pflegebereichs. Die 22 zurzeit beim Kinderpflegeheim registrierten „Zeitschenker“ kommen aus allen Generationen, sind Auszubildende, Studenten, junge Mütter, aber auch junge Männer und ebenso ältere Menschen. Viele junge Leute seien nach Praktika hängen geblieben, erzählt Uwe Dietrich. Oder sie wohnten in direkter Nachbarschaft des Kinderpflegeheims, wie zum Beispiel Brigitte Rastelli-Wolff. Einige der Ehrenamtlichen gehören wie Ingrid Mehrmann zur Frauengruppe der Kirchengemeinde, die einmal einen Besuch im Kinderpflegeheim machte und dort von dem Bedarf nach Ehrenamtlichen erfuhr. An dere meldeten sich nach einem Aufruf im ECHO 2008. Der pädagogische Leiter, Uwe Dietrich, ist selbst erst seit Mai 2013 im Heim in Mellendorf. Rastelli-Wolff, Fahnemann und Mehrmann waren schon da, als er kam. Ingrid Wegener stieß im letzten Jahr dazu. Zu ihrer Motivation befragt, sagen fast alle das Gleiche: „Ich wollte einfach was Gutes tun und ich spüre, es tut mir und den Kindern gut.“ Übrigens, wer in der Woche keine Zeit hat, kann gerne auch am Wochenende ins Kinderpflegeheim kommen und sich als „Zeitschenker“ betätigen.
Auch die Ehrenamtlichen untereinander treffen sich ab und zu, um sich auszutauschen. Mit Uwe Dietrich oder auch beim Pflegepersonal finden sie immer Ansprechpartner. „Für mich ist es schon deshalb schön, weil ich gerne laufe. Ich genieße die einstündige Tour in die Feldmark Richtung Gailhof, auch wenn es mir nur selten gelingt, Kontakt zu Deniz aufzunehmen.“ Reagiert Deniz dann doch einmal, einmal auf eine Pusteblume, freut sich Ingrid Mehrmann um so mehr. Sie kam zum Beispiel ohne Berührungsängste, weil ihr Bruder ein behindetes Pflegekind hatte, mit dem sie den Umgang gewohnt war. Aber sie versichert auch: „Man gewühnt sich ganz schnell daran.“