Mit Zollstock und Tablet ins Grüne

Auf Kontrolltour mit der Baumkontrolleurin der Wedemark - Digitalisierung und Baumpflege für das Klima

Es ist ein regnerischer Tag auf dem Campus W. Immer wieder beginnt es leicht zu nieseln und der Wind rauscht durch die jungen Bäume auf dem Parkplatz. Doris Michel ist trotzdem draußen. Langsam umrundet sie einen der Bäume, betrachtet konzentriert das wehende Kronenwerk. Sie geht näher heran, befühlt den Stamm und befreit einige Wurzeln von Laub und Erde. Auf ihrem Tablet macht sie Eintragungen. Doris Michel ist auf Kontrolltour: Seit Januar 2021 sichtet sie als Baumkontrolleurin die Bestände der Gemeinde Wedemark. Fast jeden Tag ist sie in der Gemeinde unterwegs. Mit ihrem Tablet aktualisiert sie die Bauminformationen direkt im digitalen Baumkataster. Eine große Aufgabe, denn in der Gemeinde Wedemark ist es grün: Mehr als 7.000 Bäume sind im Baumkataster der Gemeindeverwaltung erfasst.
Die Gemeinde führt das Baumkataster bereits seit den 1980er Jahren. Zu Beginn noch auf Papier – dicke Ordner mit Bauminfokarten und Lageplänen, jeder Baum ein Klebepunkt. Seit 2005 ist das Baumkataster digitalisiert und alle Informationen nur wenige Klicks entfernt. Wenn Doris Michel zur Baumkontrolle aufbricht, sucht sie per Filterfunktion im Kataster heraus, bei welchen Bäumen Kontrollen fällig sind. Die Kontrollroute zieht sie dann als digitale Karte auf ihr Tablet.
Campus W, Baum 13. Die Bauminfokarte öffnet sich bei Klick auf den grünen Punkt: Ein Spitzahorn, gepflanzt 2012. Die Liste der Kontrollkriterien, die im Kataster erfasst werden, ist ausführlich: Baumhöhe, Alter, Baumumfeld, Vitalität der Krone sind nur einige. Dem Spitzahorn gibt Doris Michel vier Punkte für Vitalität, die höchste Bewertung. Die Krone ist dicht bewachsen und gleichmäßig geformt. Nur einen Vermerk trägt die Baumkontrolleurin ein: Die untersten Äste hängen zu tief und müssen zurückgeschnitten werden, sonst behindern sie parkende Autos. Lichtraumprofil nennt sich das passende Kontrollkriterium: 4,50 Meter Höhe bei Straßen, 2,50 Meter bei Fuß- und Radwegen. Junge und gesunde Bäume wie der Spitzahorn sind schnell abgehakt. Je älter der Baum, desto höher die Sicherheitsstufe und der Zeitaufwand. Aber auch bei jungen Bäumen ist Aufmerksamkeit gefordert. „Ich schaue immer mit Anfängeraugen auf die Bäume,“ betont Doris Michel. „Wie ist der Kronenwuchs? Gibt es vielleicht Wurzelschäden? Wenn nämlich Baumschäden oder Schädlingsbefall zu spät entdeckt werden, kann das die Standsicherheit gefährden oder zu Brüchen führen.“
Einen Begriff erwähnt die Baumkontrolleurin immer wieder: Verkehrssicherheit. Denn viele Faktoren können dazu führen, dass ein Baum bricht und dadurch den Verkehr behindert oder sogar Verkehrsteilnehmende schädigt. Sorgfalt steht darum an oberster Stelle von Doris Michels Arbeit als Baumkontrolleurin: „Meine wichtigste Aufgabe ist es, Schaden an Menschen und Gegenständen zu vermeiden.“ Baumkontrollen ermöglichen es, vorzeitig Erfahrungen über Bäume einholen und rechtzeitig Baumpflegemaßnahmen einzuleiten. Sobald Doris Michel Schäden an einem Baum festgestellt und im Kataster vermerkt hat, übernimmt eine externe Baumpflegefirma die Maßnahmen. Je nachdem, wie akut die Gefährdung, trägt Doris Michel vier Wochen bis sechs Monate zur Behebung der Schäden ein.
Ihr Fachwissen über Bäume hat Doris Michel über Jahre aufgebaut. Angefangen hat sie als Gärtnerin im Zierpflanzenbau, wurde dann Baumschulmeisterin. „Noch interessanter als das Heranziehen von Bäumen in der Baumschule fand ich dann aber die Baumpflege“, erzählt Doris Michel. Seit 2011 ist sie Baumkontrolleurin, eine Zusatzausbildung. Vor zehn Jahren hat sie schon einmal für die Gemeinde Wedemark gearbeitet, zwischendurch an weiteren Orten Berufserfahrungen gesammelt und ist seit 2021 wieder zurück in der Verwaltung ihrer Heimatgemeinde. Wichtig war Doris Michel bei allen Berufsschritten: „Ich möchte mich für die Bäume einsetzen.“
In ihrem Arbeitsalltag als Baumkontrolleurin heißt das konkret: Etwa ein Mal im Jahr kontrolliert sie alle 7.000 Bäume der Gemeinde, im Abstand von 15 Monaten. So sieht sie jeden Baum zu verschiedenen Jahreszeiten, belaubt und unbelaubt. 400 bis 600 Bäume, das ist jeden Monat ihr Ziel. Das macht 50 bis 70 Bäume pro Tag. Der Campus W ist eine kurze Kontrolltour für Doris Michel. Eigentlich ist die Baumkontrolleurin in der gesamten Gemeinde unterwegs, in ihrer Verantwortung liegen alle von der Gemeinde verwalteten öffentlichen Flächen, Landstraßen und Kreisstraßen. Auf anderen Flächen sind die jeweiligen Eigentümer verantwortlich die Kontrolle der Bäume. Im Büro kümmert sie sich um die Pflege des Baumkatasters, schreibt Berichte und Stellungnahmen.
Bei jeder Baumkontrolle ist Doris Michel ausgerüstet mit Zollstock, Maßband, Klopfhammer, Zange, Sondierstab, Fernglas. Die Baumkontrolle ist visuell, das heißt: Alles, was sie von außen sehen und vermessen kann, fällt in das Fachwissen der Baumkontrolleurin. Einiges kann die Baumkontrolle darum nicht allein entscheiden. Wenn sie schwerwiegende Schäden an einem Baum feststellt, deren Ursachen sie von außen nicht feststellen kann, holt sie eine eingehende Untersuchung ein, die zum Beispiel bohren und so ins Innere des Baums schauen kann. Solche Untersuchungen fallen in den Aufgabenbereich der Baumsachverständigung.
Am häufigsten kommen einfache Baumpflegemaßnahmen vor: Entfernung von Totholz, Lichtraumprofil, Stammaustriebe, Efeubewachs. Grundsätzlich gilt: Je weniger Rückschnitt notwendig ist, desto besser. Im Notfall muss ein Baum jedoch gefällt werden: „Sobald ein Baum droht aufgrund mangelnder Standsicherheit zu fallen, ist eine Fällung notwendig. Das kann ich mit meiner fachlichen Einschätzung entscheiden.“ In letzter Zeit war das vor allem in Bissendorf-Wietze der Fall. Aufgrund der Trockenheit hatten die Bäume nicht genügend Energiereserven, um sich gegen den Borkenkäferbefall zu schützen. Viele Nadelbäume starben ab. In Bissendorf-Wietze gilt außerdem die Baumschutzsatzung und sieht vor, dass für entfernte Bäume Neupflanzungen geplant werden müssen. Die Baumkontrolle ist hier beratend tätig und hilft, die Situation der Bäume fachlich einzuschätzen. Auch Eichen litten durch die Trockenheit und Befall des Eichensplintkäfers. Noch seien die meisten Bäume in der Wedemark jedoch in einem guten Zustand. „Einige Folgen der Trockenheit könnten jedoch erst später sichtbar werden“, so die Einschätzung der Fachfrau.
Auch die Bürgerinnen und Bürger der Wedemark haben ein Auge auf die Gesundheit der Bäume in der Gemeinde. Darum gibt Doris Michel immer eine Pressemitteilung heraus, wenn es notwendig ist, Bäume zu entfernen. Sonst bekommt sie schon einmal besorgte Anrufe. Anwohnende melden sich auch bei ihr, wenn sie Schäden oder Trockenheit an Bäumen in der Nachbarschaft feststellen. „Die Anrufenden fragen nach Tipps oder bieten Hilfe an, fragen zum Beispiel, ob sie die Bäume bewässern können. Für solche Hinweise und Angebote sind wir immer sehr dankbar und ermutigen Bürgerinnen und Bürger, die Pflege zu unterstützen“, freut sich Doris Michel. An einigen Orten in der Gemeinde hat die Verwaltung bereits Wassersäcke aufgestellt. Diese fassen 60 Liter und können auch von den Bürgerinnen und Bürgern befüllt werden. Was der Baumkontrolleurin besonders am Herzen liegt: Jeder Baum leistet einen Beitrag zum Klima. „Eine einzige Buche produziert an einem Sommertag Sauerstoff für 50 Menschen. Außerdem geben Bäume dem Boden Halt und fangen Stürme ab.“ Darum sollte auch kein Baum unnötig gefällt werden, in jedem Fall sollte ein neuer Baum gepflanzt werden: „Ich hoffe bei Pflanzungen immer auch auf Eigeninitiative.“
Viele Bäume werden in der Wedemark als sogenannte Zukunftsbäume gepflanzt. Sie sollen besonders robust gegenüber klimatischen Veränderungen wie Hitze, Kälte und Trockenheit sein. Städte und Gemeinden können sich bei Neupflanzungen an der Galk-Liste orientieren, die verschiedene Sorten für städtische und ländliche Räume empfiehlt. In der Wedemark werden je nach Baumumfeld Vogelbeerarten, Spitz- und Feldahorn, Baumhaseln sowie die ortstypischen Eichen und Linden gepflanzt. Die empfohlenen Baumsorten sind auch Tipps für Bürgerinnen und Bürger. Auf dem Campus W wendet die Gemeinde bereits verschiedene Bewässerungsmaßnahmen an: Ein Schlauch zur Bewässerung von unten, Gießsack oder Gießrand sollen Trockenheiten entgegenwirken. Auch darauf wirft Doris Michel zum Abschluss ihrer Kontrolltour einen prüfenden Blick. Bäume schützen und pflegen, das ist Doris Michels Ziel als Baumkontrolleurin. Sie hält fest: „Gerade im Angesicht des Klimawandels sind Bäume das Wichtigste, das wir haben.“