Musiktheater HalloWelt abgesagt

Arbeitseinsatz der Eltern beim Aufbau der Bühne in der St.-Michalis-Kirche: Da war noch alles gut, die Vorfreude und Aufregung groß. Niemand konnte sich eine Absage auch nur im Entferntesten vorstellen.Fotos: Privat
 
Die Lasershow in dem Musiktheater war eines der vielen Highlights. Hier tüfteln die Techniker gerade einen neuen Effekt aus.
 

Jugendliche und Projektleiter sind nach eineinhalb Jahren Proben geschockt

Bissendorf (awi). Das Musiktheater HalloWelt.2020 in Bissendorf fällt aus. Hinter diesem nüchternen Satz steht so viel mehr: Emotionen, Tränen, Unverständnis für die Ungerechtigkeit, dass jetzt gerade das so lange vorbereitete Musiktheater ausfallen muss, auf der einen und die Notwendigkeit, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Interessen ganz hintenan zu stellen auf der anderen Seite. Das ECHO hat mit Projektleiterin Melanie Weißkichel und der 15-jährigen Marie Kablitz gesprochen, was für sie die Absage des Musiktheaters nach eineinhalb Jahren Proben, viel Schweiß und Vorfreude bedeutet.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung mussten die Verantwortlichen für das Musiktheaterprojekt „HalloWelt.2020“ der Michaeliskirche eine schmerzhafte Entscheidung treffen. Die vom morgigen Donnerstag bis Sonnabend geplanten Aufführungen werden zunächst ersatzlos gestrichen. „Wir sehen uns in der Verantwortung für das Gemeinwesen und die uns anvertrauten Menschen“, begründen Melanie Weißkichel, Elisabeth Wöbse vom Kirchenvorstand und Pastor Thorsten Buck diesen Entschluss. Brigitte Nickel-Lange, die das Projekt gemeinsam mit Melanie Weißkichel über mehr als anderthalb Jahre entwickelt hat und die Verantwortlichen der Kirchengemeinde mussten diese Entscheidung in der vergangenen Woche auch den Jugendlichen nahebringen.
Bereits verkaufte Karten können am Mittwoch, 18. März (15 bis 18.30 Uhr), und Donnerstag und Freitag, 19. und 20. März (jeweils von 9 bis 11 Uhr ), im Büro der Michaeliskirchengemeinde zurückgegeben werden. Können, müssen aber nicht. Angesichts der Umstände ist es auch möglich, den Projektbeteiligten mit der Spende des Eintrittsgeldes zu helfen, die schlimmsten finanziellen Folgen abzufedern. „Natürlich sind wir dankbar für jeden Besucher, der das Eintrittsgeld als Spende für die langjährige Arbeit unseres Jugendchores versteht und uns so hilft, die mit der Absage verbundenen finanziellen Belastungen zu tragen“, erklärt Pastor Thorsten Buck. Denn in der Tat: Für die Aufführungen war alles vorbereitet – Bühne, Lichttechnik und Liveband. Florian Dorsch, Architekt und Vater einer Mitwirkenden, hat das Bühnenbild entworfen und in seiner Firma fertigen lassen. In seiner Branche waren die Auswirkungen von Corona früher spürbar als in der Wedemark. Schon vor zwei Wochen fragte der Architekt bei den Verantwortlichen nach: „Müssen nicht auch wir komplett absagen?“ „Wir warten ab“, hieß es noch vor zwei Wochen, als man mit den Eltern gemeinsam die Bühne in der Bissendorfer Kirche aufbaute – allein das war schon eine Riesenaktion: Die Lampen mussten abgebaut, Folie um Altar und Kanzel gewickelt, Bänke rausgeschraubt und das Taufbecken ausgelagert werden.
Bühnenaufbau mit Eltern
Dann konnte die Bühne aufgebaut und mit Unterstützung der Eltern für das passende Ambiente gesorgt werden, für das die Kirchenfenster akribisch ausgemessen und mit Verdunkelungsvorhängen versehen wurden. Erschöpft, aber zufrieden mit dem Ergebnis waren Melanie Weißkichel und ihre Mitstreiter an dem Abend gegen 22 Uhr zuhause und noch fest überzeugt. „Das muss klappen, das kann jetzt nicht mehr abgesagt werden.“ Eine Woche stand die Bühne, doch zum Proben kam der Jugendchor nicht mehr. Am Donnerstag spitzte sich die Situation überraschend schnell zu: Flächendeckende Schulschließungen standen auf einmal im Raum, für die Lehrerinnen Brigitte Nickel-Lange und Melanie Weißkichel vorher undenkbar, zumal sie als Lehrer noch nicht informiert waren, als die Presse die Schulschließungen schon ankündigte. Freitagmittag gab die Kultusministerkonferenz die Entscheidung dann offiziell bekannt. „Und damit war klar, dann können wir auch nicht spielen. Wir standen unter Schock, Tränen sind geflossen“, gibt Melanie Weißkichel offen zu. Den 19 am Projekt beteiligten Jugendlichen ging es natürlich genauso. Viele von ihnen waren bereits vor zwei Jahren bei „Meine Welt 2018“ dabei gewesen, alle sind eng mit dem Projekt verwachsen. Doch diesmal war alles noch viel professioneller aufgeogen worden, insbesondere auch die Choreografie, die von Bianca professionell mit den Jugendlichen erarbeitet wurde. Während die Jugendlichen nicht fassen konnten, dass die monatelagen Proben, darunter ein komplettes Probenwochenende, umsonst gewesen sein sollten, machten sich die Erwachsenen vor allem Sorgen um die Finanzierung: Das komplette Projekt hat ein Volumen von 16.000 Euro. 5.000 Euro waren allein über den Verkauf von Eintrittskarten eingeplant. Aber die Musiker, die Licht- und Tontechniker, sie alle haben schon viel Arbeit investiert, immerhin waren von den Proben bereits professionelle Mitschnitte gefertigt worden, müssen trotzdem bezahlt werden.
Kurzfristig war erwogen worden, die Aufführung ohne Zuschauer zu machen und einen Live-Stream ins Internet zu stellen, doch schnell sahen die Verantwortlichen davon wieder ab. Davon abgesehen, dass das zusätzliche Kosten verursacht hätte und ein Musiktheater kein Film ist, und eigentlich nur live wirkt, ging es Melanie Weißkichel, Brigitte Nickel-Lange und allen anderen auch um die Außenwirkung: Alles wird abgesagt und liegt brach und aus der Kirche kommt laute fröhliche Musik – das geht gar nicht. „Wir sehen das schon auch so, dass Kirche in dieser Ausnahmesituation auch Vorbildfunktion hat“, sagt Melanie Weißkichel unumwunden.
„Ein tolles Team“
Die 15-jährige Marie Kablitz, bei der die Emotionen nach der Absage ebenfalls hohe Wellen schlugen, bestätigt das, nachdem der erste Schock überwunden ist: „Wir waren so traurig und enttäuscht, aber jetzt im Nachhinein weiß ich, dass es die richtige Entscheidung ist. Es wäre einfach nicht zu verantworten gewesen. Sie hofft jetzt ganz doll, dass es mit einem Nachholtermin noch in diesem Jahr klappt und versichert: „Alle Jugendlichen wollen das und werden ihre persönlichen Pläne nach einem neuen Termin ausrichten, da bin ich ganz sicher. Wir waren ein so tolles Team, haben alle so gut zusammengepasst und so viel Spaß gehabt in den letzten eineinhalb Jahren. Im Gegensatz zum letzten Mal vor zwei Jahren war das Team verändert, viele Jüngere sind dazu gekommen, haben sich aber gut eingefügt.“ Marie freut sich, dass noch eine Aufnahme aller Musiktitel auf CD geplant ist. „Wenigstens etwas zur Erinnerung, falls es keinen Nachholtermin geben sollte“, meint sie. Auf Nachfrage sagt sie nachdenklich, dass dieses Erlebnis, so schockierend es auch gewesen sei, wohl auch zum Reifeprozess gehöre, „auch wenn man erst mal nur denkt, was für ein Mist“. Marie ist froh, dass sie zurzeit nicht alleine zuhause ist, weil ja auch die Schule ausfällt. „Wir verbringen viel Zeit in der Familie und reden über alles, das tut gut!“