Offener Brief

„Gegen Frauenfeindlichkeit“

Zur aktuellen Diskussion zur Frauenfeindlichkeit in Indien erreichte die Redaktion folgender offener Brief des Vereins India Child aus der Wedemark:
„Indien, das Land der Mythen und Märchen, der Philosophen und Rishis, der Gurus und Gottheiten? Das erschütternde Schicksal der jungen Inderin in Neu Delhi bewegt seit Mitte Dezember 2012 unsere Herzen. Diese grauenvolle, lebensmissachtende Tat vor den Augen Anderer durch sechs junge Männer an einer jungen Frau im Alltag einer Millionenstadt, lässt uns an weit zurück liegende Jahrhunderte denken. Im Jahr 2012 ist solch eine schändliche Tat nicht vorstellbar. Was wissen wir schon von Indien? Wir kennen Chandra Kanjilal, eine starke indische Frau im 65. Lebensjahr. Mrs. Kanjilal hat uns Einblicke in die tradierten Lebensweisen Indiens ermöglicht, den unglaublichen Kontrast zwischen der Moderne eines aufstrebenden Landes und den überlieferten Pflichten im gesellschaftlichen Zusammenleben geschildert. Vor dreißig Jahren hat es Chandra Kanjilal aus Neu Delhi, ausgehend vom wohlsituierten Familienleben mit Ehemann und drei Kindern, in die Steppe nordöstlich von Bangalore gezogen. Ihr Wissen um die Not und Unterdrückung indischer Frauen hat sie gedrängt, ein Hilfsprojekt für Frauen und Kinder in der ländlichen Region aufzubauen. Vielen Anfeindungen von Ehemännern, Verwaltungs-, bzw. Regierungspersonen, hat sie Stand gehalten. Viele Rückschläge, auch aus Reihen des eigenen Geschlechts, musste sie hinnehmen. Unermüdlich hat sie sich dafür eingesetzt, dass Frauen, die weder schreiben noch lesen lernen durften, über ihre Rechte aufgeklärt wurden. Frauen und Mädchen, die unter der Gewalt von Familienangehörigen zu leiden hatten, hat sie aus deren Situation befreit, auch im eigenen Haus aufgenommen, bis eine adäquate Unterkunft gefunden wurde. Besonders für kastenlose Mädchen, den sogenannten Unberührbaren, sorgte und sorgt sie für geregelten Schulbesuch. Die Frauen in den Dörfern sind in hygienischer und medizinischer Versorgung unterrichtet worden, haben den Umgang mit Geld erlernt und wurden mit Schulung ihrer manuellen Fähigkeiten dahin geführt, eigenes Geld zu verdienen. Die Förderung durch das India Child Project hat dazu beigetragen, dass weniger Mädchen von ihren Familien zu Feldarbeit, Bettelei oder Prostitution geschickt wurden, bzw., dass Kinder nicht schon mit 12 Jahren verheiratet wurden und damit das gleiche Schicksal wie ihre Mütter hätten erfahren müssen.
Unser Verein fördert seit 10 Jahren 30 Kinder im India Child Project des SST (Stree Sanghshema Trust), deren Direktorin Mrs. Chandra Kanjilal ist. Wir wissen, es ist der berühmte Tropfen auf den heißen Stein angesichts der 1,2 Milliarden Menschen in Indien. Dennoch tragen wir dazu bei, dass sich für Heranwachsende etwas ändert, indem sie Bildung erfahren und aus erweiterter Sicht auf ihr eigenes Leben im eigenen Land etwas verändern können. Mrs. Kanjilal hat mit dazu beigetragen, dass heute viele Frauen in den Dörfern der Region Penukonda selbstbewusst und vor brutalen Übergriffen geschützt leben können. Aus ehemals Grundschülerinnen sind heute junge Collegeschülerinnen geworden, die auf ihrem weiteren Lebensweg für mehr Anerkennung des weiblichen Geschlechts in Indien sorgen werden. Wir danken Chandra Kanjilal für ihre jahrzehntelange Arbeit im Project SST. Wir freuen uns, diese starke indische Frau zur Freundin zu haben.“

Helga Tänzer, India Child Wedemark e.V.