Problematik hat Konfirmanden berührt

 

Kooperationsprojekt von St. Michaelis und JuKu

Bissendorf (awi).  Das Projekt ist eine Kooperation von Pastor Thorsten Buck mit der Kinder- und Jugendkunstschule Wedemark. Die Idee entstand spontan bei einem Treffen von Thorsten Buck und Carsten Fertig. Eva Krohm wurde als Kursleiterin für die praktische, künstlerische Umsetzung gewonnen. Herausgekommen sind nicht nur erstaunliche künstlerische Umsetzungen, sondern auch eine große Betroffenheit bei den Jugendlichen, die sich mit „Wir schicken ein Schiff" beschäftigt haben.
Die Jugendlichen wählen im Rahmen ihrer Konfirmandenzeit mehrere Projekte und sollen dabei eigene Schwerpunkte setzen, erklärt Pastor Thorsten Buck. Sechs Konfirmandinnen und Konfirmanden haben letztes Jahr das Projekt „Wir schicken ein Schiff“ ausgewählt. Dazu gehörten ein Vorbereitungsnachmittag zur Information über Seenotrettung und zwei Tage künstlerische Arbeit in der Kunstschule. Eva Krohm und Carsten Fertig ließen den Jugendlichen dabei freie Hand, selber zu überlegen, wie ihre Kunstwerke aussehen sollten. Schnell war klar, dass die Kunst nicht nur aufmerksam machen oder schön anzusehen sein sollte, sondern auch einen konkreten Nutzen haben müsste – sie wollten nämlich Spendendosen herstellen. Mika hatte von Anfang an ein Schiff vor Augen – eine aufgesägte Flasche in dem Schiff soll mit Geld gefüllt werden. Ein extra gestalteter Tisch steht symbolisch für das Meer und die Gefahren der Flucht – darauf liegen Informationen über das Projekt von united4rescue.
„Wir haben schon etwas gezögert, dieses Thema gemeinsam anzugehen. Denn die Frage der Migration muss auf politischer Ebene beantwortet werden. Aber ich finde es gemeinsam mit vielen anderen unerträglich, dass das Sterben im Mittelmeer als Mittel der Abschreckung seit so vielen Monaten bewusst in Kauf genommen wird. Seenotrettung ist eine humanitäre Pflicht, da braucht es gar keine spezifisch christliche Haltung. Aber als Christ kann ich diese Unbarmherzigkeit nicht aushalten“, so die ernsten und zum Nachdenken anregenden Worte von Pastor Thorsten Buck.
„Ich freue mich, dass wir in unserer Kooperation mit den Konfirmanden der St.Michaelis-Kirchengemeinde ein humanitäres Kunst-Projekt durchführen konnten, das in die Öffentlichkeit wirkt und die Wedemärker Bevölkerung dazu animieren kann, für United4Rescue zu spenden. Gerade in dieser Zeit, in der die mediale Berichterstattung von Corona bestimmt wird, ist es umso wichtiger, uns die seit Jahren unveränderte, katastrophale Situation der flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer immer wieder ins Bewusstsein zu rufen und dort zu helfen, wo es möglich ist. Die gute Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde St.Michaelis und der Kunstschule Wedemark steht für mich modellhaft für weitere, auch öffentlich wirksame Projekte“, erläutert Jugendkunstschulleiter Carsten Fertig.
„Wir schicken ein Schiff“ ist das Motto des Vereins United 4 Rescue e.V. aus Hannover, der aus dem Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland 2019 gegründet wurde, um ein breites gesellschaftliches Bündnis zahlreiche Partner aus der Zivilgesellschaft zu gründen, das die Seenotrettung im Mittelmeer unterstützt. United4Rescue kooperiert dabei mit anderen Organisationen: Sea Watch bzw. Sea Eye betreiben das Schiff, Ärzte ohne Grenzen betreibt die Krankenstation. Mit der „Sea Watch 4“ hat das erste so ermöglichte Rettungsschiff im Herbst erste Rettungseinsätze absolviert – und wird nun von Italien am erneuten Auslaufen gehindert. Daher wird aktuell ein zweites Rettungsschiff umgebaut – es soll im Frühjahr diesen Jahres einsatzbereit sein.
„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ – das ist der einprägsame Satz von Pastorin Sandra Bils, der die Predigt im Abschlussgottesdienst des evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund prägte. – Er ist bei den Bissendorfer Konfirmandinnen hängen geblieben. Für die evangelische Kirche macht dieser Satz deutlich, dass Menschenleben nicht aus Gründen der Abschreckung bewusst riskiert werden dürfen, indem die Seenotrettung im Mittelmeer behindert wird – das Thema Migration braucht dringend eine politische Lösung auf europäischer Ebene. Dementsprechend groß ist die Betroffenheit der Konfirmanden. „Ich wusste nicht, dass es so viele sind", sagte Jodie, die im Rahmen des Konfirmandenprojektes gehört hat, wieviele Flüchtlinge in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken sind. Auch vorher hat sie mit ihren Eltern darüber schonmal gesprochen. Aber die konkrete Zahl hat sie doch erschreckt.
„Ich kann mich noch gut an die Bilder erinnern – und an die Notrufe von Menschen in Seenot, die wir in einem Film gesehen haben“, sagt Mika dazu. Dabei hat er sich hilflos gefühlt – denn selbst wenn er jetzt etwas tut, um die Seenotrettung im Mittelmeer zu unterstützen, dauert es, bis diese Hilfe auch bei den Menschen ankommt. Auch Hanna und Nele sehen, wie begrenzt ihr Einfluss auf die Situation ist. „Aber mehrere gemeinsam können etwas ändern“, ist sich Hanna sicher. An der Seenotrettung im Mittelmeer gibt es auch Kritik. Man würde damit noch mehr Menschen zur gefährlichen Überfahrt ermutigen, sagen die einen. Für andere ist Europas Boot einfach schon voll. Die Jugendlichen gehen diese Frage konkreter an. Julius stellt sich vor, wie es wäre, wenn er selber fliehen müsste: „Dann würde ich mir auch wünschen, dass ich aus Seenot gerettet werde.“
Müsste man nicht vor allem etwas gegen die Fluchtursachen tun? Auch diese Frage haben sich die Jugendlichen gestellt – aber viele der Fluchtgründe sind eben komplex und Krieg und Terrorismus sind seit vielen Jahren reale Gegenwart.
Die von den Konfirmanden geschaffenen Kunstwerke, der Tisch und die Spendendosen stehen nun im Turmraum der Michaeliskirche in Bissendorf, eine weitere Spendendose wartet in der Kapernaumkirche in Resse darauf, einen Beitrag zu weiteren Seenotrettungsmissionen zu leisten. Zwei Spendendosen warten im Gemeindebüro in Bissendorf darauf, abgeholt zu werden: Die Jugendlichen bitten Wedemärke, sich diese kleinen Kunstwerke auszuleihen und – nach dem Lockdown – im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis damit Spenden zu sammeln. Unter Telefon (05130) 8 770 können die Dosen für einen Wunschtermin reserviert werden.