Quergedacht von Rainer Müller-Jödicke

A E I O U

A E I O U – fünf Buchstaben sind auf dem zwölf Meter hohen Grabstein zu erkennen. Ganz vorn steht dieses Alabasterstück in der schönen Coburger Stadtkirche im Norden Bayerns. Es zählt zu den prächtigstes Epitaphen der Renaissance in Deutschland. Um die fünf Buchsstaben herum sind viel kleine Texte und Erläuterungen in goldenen Lettern zu sehen, und natürlich Figuren von der herzoglichen Familie. Eine davon steht für Johann Friedrich II. von Sachsen, der dort beerdigt ist. Zu genau ihm gehören die fünf Buchstaben a e i o u.
Vor etwa 500 Jahren hat er gelebt und war ein treuer Anhänger Martin Luthers. Dafür hat er sich eingesetzt und sogar Kriege gegen die katholischen Österreicher geführt – und dabei alles verloren. Sein Sohn empfand es als tiefe Demütigung, dass die Österreicher den Vater in Wien achtundzwanzig Jahre lang gefangen hielten, bis er starb. Der Sohn holte ihn dann zurück und beerdigte ihn in der Kirche nahe der Kanzel, auf der Luther einst gepredigt hatte.
Macht, Einfluss, Besitz und Freiheit hatte Johann Friedrich verloren – für seine Glaubensüberzeugung. Die aber wollte er sich von niemandem wegenehmen lassen, erst recht nicht von den siegreichen Österreichern. Die hatten als erstes den fünf Vokalen eine besondere Bedeutung gegeben. Für die Alpenländer sind a e i o u die Abkürzung der Worte „Aller Erden ist Österreich untertan“. Die fünf Buchstaben gelten bis heute als nationales Symbol Österreichs. Und dann hat der Sohn Johann Friedrichs dieselben Buchstaben auf die Grabstätte seines glaubenstreuen, lutherischen Vaters schreiben lassen, der alles verloren hatte – nur nicht seinen Glauben ans Evangelium. Aber der Sohn hat die fünf Buchstaben mit einer neuen Bedeutung versehen und notiert: „Alleins Evangelium ist ohn Verlust!“